Porträt der US-amerikanischen Schriftstellerin Malinda Lo
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Porträt der US-amerikanischen Schriftstellerin Malinda Lo

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US-Autorin Malinda Lo zu Gast beim White Ravens Festival

Malinda Lo ist mit elf Kolleginnen und Kollegen eine Woche unterwegs in Bayern. Im Gepäck: ihr Jugendroman "Last Night at the Telegraph Club", die Geschichte einer queeren Liebe in der düsteren McCarthy-Ära in den 50er Jahren.

Über dieses Thema berichtet: kulturWelt am .

Es ist ganz einfach: Der Arzt Joseph Hu aus San Francisco muss nur ein Papier unterschreiben und erklären, einer seiner Patienten sei Kommunist. Der Mediziner und Familienvater weiß indes nichts über die politische Gesinnung des jungen Mannes – und will nicht lügen. Also unterschreibt er die Aussage für das FBI nicht. Und verliert deswegen seine Einwanderungspapiere. Joseph Hu kommt aus Shanghai und kann nun jederzeit verhaftet und abgeschoben werden. Malinda Los Roman "Last Night at the Telegraph Club" erzählt anschaulich vom Wahnsinn der McCarthy-Ära in den USA, von einer Zeit voll von Lüge, Hass, Rassismus, Denunziation und Verfolgung.

Düstere Zeit - und die Entdeckung der Liebe

"In den USA hat man die McCarthy-Jahre zunehmend vergessen", sagt Malinda Lo im BR-Interview. "Ich habe den Roman zu Beginn der Präsidentschaft von Trump geschrieben. Und mir war klar: Hier gibt es historische Parallelen. Hier geschieht das gleiche. Aber die Menschen wissen nichts mehr vom McCarthy-System."

Mitten in diesem fatalen gesellschaftlichen Klima: die 17-jährige Lily, Josephs Tochter. Sie hat gerade ihr letztes Highschool-Jahr begonnen und träumt davon, einmal in der Raumfahrt-Forschung zu arbeiten. Auf dem Weg in das Erwachsensein merkt sie zudem, dass sie anders liebt, sich zu Frauen hingezogen fühlt. Malinda Lo beschreibt dieses allmähliche Entdecken der Liebe sehr feinfühlig und zart – die Irritationen, die Fragen, die Zweifel, die wachsende Gewissheit.

"Lily ist sehr wissbegierig", erklärt Malinda Lo über die Figur im Mittelpunkt ihres Romans. "Und sie ist voller Neugier auf die Welt. Sie entstammt einer Minderheit – und sie will die Welt ihrer Herkunft liebend gern verlassen. Gleichzeitig bemerkt sie, sie hat ein starkes Bewusstsein für ihre eigene Identität. Ebenso für das, was richtig ist und was nicht. Das überrascht sie selbst sehr."

Ein Club als Fluchtort

Der Roman "Last Night at the Telegraph Club" – geschrieben für Jugendliche und junge Erwachsene – erzählt von einer doppelten Ausgrenzung. Da ist zum einen die politische Situation in den USA, die für Lilys Familie – wie auch für viele andere Familien mit chinesischen Wurzeln – zu einer großen Belastung wird. Zum anderen ist da Lilys Weg ins Leben, vor allem ihre Begegnung mit Kathleen, kurz Kath, die Pilotin werden will. Zu Hause bekommt Lily beständig zu hören: Fall nur ja nicht auf, passe dich an! Mit der Liebe zu Kath geht das nicht mehr. Der Telegraph Club wird zum Fluchtort.

"Für Homosexuelle war die damalige Zeit verdammt hart", sagt Malinda Lo. "Umso wichtiger waren Orte wie der Club. Vermutlich waren sie damals noch wichtiger, als es heute der Fall ist. Heute ist alles viel offener. Du kannst homosexuell sein. Und du musst deshalb nicht in einen Club gehen. Du kannst im Westen offen leben - meistens. In den 50er Jahren waren die Clubs safe places. Sie waren versteckt. Aber es gab ein kleines Gefühl von Sicherheit."

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Willkommen in der Internationalen Jugendbibliothek - die IJB richtet das White Ravens Festival aus.

Book Bans – neue Zensur in den USA

Zum Glück hat sich die Situation in den liberalen, demokratischen Gesellschaften grundlegend verändert. Dennoch droht derzeit ein extremer rechts-konservativer Rückfall. Malinda Los Roman "Last Night at the Telegraph Club" gehört zu den Büchern, die in etlichen republikanisch regierten US-Bundesstaaten aus den Lehrplänen und Bibliotheken verbannt worden sind. Die Entdeckung der Liebe wird verflucht – Teil eines neuen Kulturkampfs. Oder auch eines alten.

"Die 50er Jahre sind noch immer gegenwärtig", meint die Schriftstellerin und verweist auf die Zunahme von Zensur und der Verbannung von Büchern. "Damals gab es das auch, das war Teil des McCarthy-Systems. Und jetzt ist alles wieder da. Das ist sehr verstörend. Diejenigen, die die Bücher verbannen, lügen. Sie sagen, das geschehe, weil die Bücher obszön seien. Das stimmt aber nicht. Sie werden verbannt, weil sie von LGBT-Menschen erzählen."

Die Erfahrung der Book Bannings machen viele Kolleginnen und Kollegen von Malinda Lo, darunter Laurie Halse Anderson, die gerade mit dem Astrid-Lindgren-Memorial-Award, dem wichtigsten Kinder- und Jugendliteraturpreis der Welt ausgezeichnet wurde. Immer wieder schafft Literatur – große Literatur – Räume der Freiheit, entwickelt Utopien einer anderen, einer offenen Gesellschaft. Malinda Los Roman macht genau das. Er zeigt denen, die lesend folgen, wie kostbar die Freiheit ist, die wir heute haben. Und ganz nebenbei ist auch eine bewegende Geschichte über die Liebe zu entdecken.

Malinda Los Roman "Last Night at the Telegraph Club" ist - in der Übersetzung von Beate Schäfer - bei dtv erschienen.

Das White Ravens Festival – ausgerichtet von der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) in München und alle zwei Jahre stattfindend – schickt 12 Schriftstellerinnen und Schriftsteller durch das Land, zu Lesungen in Schulen und Bibliotheken. Neben Malinda Lo sind unter anderem Lisa Krusche aus Deutschland, Simon van der Geest aus den Niederlanden und Micaela Chirif aus Peru zu Gast. Heute (16.7.) wird das Festival für junge Literatur in der Münchner Blutenburg, dem Sitz der IJB, eröffnet, hier das gesamte Programm.

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