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Jahrzehnte haben Beate und Serge Klarsfeld Nazi-Verbrecher gejagt, um sie vor Gericht zu stellen. Nun erzählt eine Graphic Novel von ihrem Kampf gegen das Vergessen. Ein Comic als Mahnung und Appell.

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Mahnender Comic: Beate und Serge Klarsfeld sind "Die Nazi-Jäger"

Jahrzehnte haben Beate und Serge Klarsfeld Nazi-Verbrecher gejagt, um sie vor Gericht zu stellen. Nun erzählt eine Graphic Novel von ihrem Kampf gegen das Vergessen. Ein Comic als Mahnung und Appell.

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Von
  • Sabine Wachs

"Ich bin wahrscheinlich eine der ersten, die das Buch gekriegt hat." Sagt Beate Klarsfeld und blättert durch die druckfrische deutsche Ausgabe ihrer Lebensgeschichte in Comicform. Auf dem Comic-Cover stehen die Figuren von Beate und Serge Klarsfeld inmitten von Büchern und Akten. Entschlossen, Rücken an Rücken und Hand in Hand. Serge in Anwaltsrobe und mit Gesetzbuch unterm Arm, Beate mit einem Megafon in der Hand. Symbolbild für einen Kampf, der bis heute währt.

Ein Symbol: Die junge Frau ohrfeigt den Nazi

Lange muss Beate Klarsfeld nicht suchen, bis sie die Szene im Buch findet, die sie, aber auch ihren Mann und ihren gemeinsamen Kampf weltbekannt machten: Der Parteitag der CDU in Westberlin 1968. Ihre Erinnerungen an diesen Tag sind immer noch sehr lebendig: "Als ich die Kongresshalle sah, unten die Besuchertribüne, hinter der Kiesinger und die anderen saßen. Man musste runtergehen. Die Sache lief gut, ich ging runter. Die letzte Schwierigkeit war, hinter den Tisch zu gehen, da waren zwei Saalordner, die ließen mich dann durch. Sie sagten: Beeilen Sie sich, Kiesinger wird seine Rede halten. Und einmal hinter Kiesinger: die Sache war gelaufen. Ich schrie "Kiesinger, Nazi, Abtreten" und Kiesinger drehte sich um, wusste, wer ich war. Das war das Symbolische. Ein junges Mädchen, die einen Nazi schlägt."

Nicht nur im Comic, auch im echten Leben, sagt Beate Klarsfeld, war die Ohrfeige der Beginn eines, teils auch radikalen Engagements, das sie und ihr Mann Serge bis heute nicht aufgegeben haben. Sie, eine Deutsche, Nicht Jüdin, er französischer Jude, dessen Vater in Auschwitz umgekommen war. Gemeinsam hatten sich Beate und Serge Klarsfeld das Ziel gesetzt, Alt-Nazis aufzuspüren, NS-Verbrecher vor Gericht zu stellen. Auch wenn sie sich fast ihr ganzes Leben auf unzähligen Wegen gegen das Vergessen der Shoa, gegen Antisemitismus, Hass und Hetze engagiert haben – sind sie vielen Menschen vor allem als "Nazijäger" bekannt. Das zentrale Thema der Graphik Novel.

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Symbolträchtig: Beate Klarsfelds Ohrfeige

"50 Jahre auf 192 Seiten zu bringen, ist nicht einfach", sagt Pascal Bresson. Der Comic-Autor hat die Graphic Novel geschrieben. Es ist nicht die erste Graphic Novel, die Bresson über historische Figuren geschrieben hat. 2018 erschien sein Comic über Simon Veil, Auschwitz-Überlebende und ehemalige französische Gesundheitsministerin, die das Recht auf Abtreibung in Frankreich eingeführt hat.

Mit dem Buch über Serge und Beate Klarsfeld aber hat sich Bresson einen Jugendtraum erfüllt: "Die Idee zu diesem Buch hatte ich schon mit 15. Seit ich denken kann, habe ich mich für die Nachkriegsgeschichte und für die Shoa interessiert. Das war in den 70-er Jahren. Da waren Serge und Beate viel in den Medien und ich habe ihre Aktionen immer mit großer Bewunderung und Leidenschaft verfolgt."

Fast drei Jahre hat er recherchiert, hat Beate und Serge Klarsfeld immer wieder getroffen. Sie haben ihm nicht nur aus ihrem bewegten Leben erzählt. Sie haben ihm auch Zugang zu ihren Archiven gewährt, ihm Akten und Dossiers zur Verfügung gestellt – auch alles zu ihrem wohl berühmtesten Fall – der Jagd nach dem Nazi Klaus Barbie, dem "Schlächter von Lyon".

Die Jagd nach Klaus Barbie

Die Jagd von Beate und Serge Klarsfeld nach Klaus Barbie hat 12 Jahre gedauert. Für den Autor Pascal Bresson war es zwar wichtig, dass die beiden in diesen 12 Jahren nicht nur Barbie gejagt haben, "und trotzdem musste ich mich beschränken. Ich habe mich auf das konzentriert, was die Menschen mit den Klarsfelds verbinden." Spannend und dramaturgisch aufgebaut, wie ein Krimi nehmen Autor Pascal Bresson und Zeichner Sylvain Dorange die Leserinnen und Leser der Graphic Novel mit auf die Jagd nach Klaus Barbie. Von der ersten Spur in München bis zu seinem Gerichtsprozess in Lyon, in dem Barbie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

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Beate und Serge Klarsfeld auf der Jagd nach den Nazi-Verbrechern

Jedes kleinste Detail aus Serge und Beate Klarsfelds Erinnerung fließt mit ein. Neben der Jagd nach Barbie, dem wichtigsten Handlungsstrang der Geschichte, gibt die Graphic Novel auch Einblicke in den ungewöhnlichen Alltag der Familie. Lange Zeit lebten die Klarsfelds bei Serges Mutter. Sie unterstützte ihren Kampf. Immer wieder wird aber auch die Angst von Serges Mutter um die beiden thematisiert. Zwei Attentate haben sie und ihre Familie unbeschadet überlebt. Eine Nagelbombe, die Serge rechtzeitig zur Polizei gebracht hat. Eine Autobombe, die explodierte, als niemand im Wagen saß.

Und Autor Pascal Bresson hat intime Momente festgehalten aus dem Leben von Beate und Serge Klarsfeld: "Als Serge zum ersten Mal in Auschwitz war, auf den Spuren seines Vaters. Es war sehr kalt an diesem Tag, er war fast alleine auf dem Gelände. Er berührte die Steine des Krematoriums, der Gaskammern. Er hat mir das erzählt und es hat mich sehr berührt. Er sagte, er hatte das Gefühl die Stimmen der Deportierten zu hören. Sie sagten ihm: Es ist deine Aufgabe, die Schuldigen zu finden. Und da war ihm alles klar."

Der Comic als Mutmacher und Apell

Zeichner Sylvain Dorange hat diese Passage, wie alle Rückblicke in der Geschichte, in schwarz-weiß gehalten. Das macht sie umso eindrücklicher, emotionaler. Möglichst originalgetreu zeichnet er die Baracken, die Schienen, die noch heute in der Gedenkstätte Auschwitz zu sehen sind. Aber auch in allen anderen Szenen stimmen die Details, sei es das Botschaftsgebäude von La Paz, so wie es in den 70-er Jahren ausgesehen hat, die alten Autos, oder Orte in Paris, an denen Serge und Beate Klarsfeld teils konspirative Treffen mit ihren Verbündeten abgehalten haben.

Einzig die beiden Hauptfiguren der Geschichte sehen ihren Originalen, Serge und Beate Klarsfeld, fast gar nicht ähnlich. Beate Klarsfeld ist da ganz gelassen: "Nein, nicht unbedingt. Aber man hat hinten einen Anhang mit Fotos und sieht, wie wir richtig ausgesehen haben. Es ist wahrscheinlich ganz schön für die Jugendlichen, wenn wir ein bisschen anders dargestellt werden, auch ein bisschen lustiger."

Eitel sind sie und ihr Mann nicht. Ihnen geht es nicht um sich selbst. Auch mit Mitte 80 geht es den beiden noch immer um ihren Kampf, um ihr Engagement und darum, anderen, vor allem auch jungen Menschen Mut zu machen: "Vielleicht zeigt dieses Buch auch, dass sich zwei älter Menschen damals engagiert haben. Und man soll sagen, ihr Jugendlichen, ihr habt heute alles, was ihr braucht, es geht euch gut. Aber ihr müsst euch engagieren und wenn ihr was tun wollt, dann tut es sofort."

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