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Maggie Nelson beschreibt in ihrem Buch den Schmerz ihrer Familie | BR24

© dpa/picture-alliance

Mordermittlung

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    Maggie Nelson beschreibt in ihrem Buch den Schmerz ihrer Familie

    True Crime hat Konjunktur. Doch was die Verbrechen mit den Opferfamilien machen, bleibt oft im Dunkeln. Die US-amerikanische Autorin Maggie Nelson, deren Tante ermordet wurde, fokussiert diese Leerstelle in ihrem Buch "Die roten Stellen".

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    Ein Anruf. Nach 35 Jahren glaubt die Polizei, den Mörder der Tante gefunden zu haben. In Maggie Nelsons Familie hatte niemand mehr an eine Aufklärung geglaubt. 23 Jahre war Jane Mixer alt, als man sie erschossen auffand. Kein Motiv, keine Spur.

    Täter 35 Jahre nach dem Mord aufgespürt

    Erst als eine DNS-Probe aus einem anderen Fall mit den alten Beweisen abgeglichen wird, kann die Polizei den Täter ermittelt. Nelson schildert ihn in "Die roten Stellen" als einen unauffälligen Mann:"Gary Earl Leiterman ist ein pensionierter Krankenpfleger, der mit seiner langjährigen Ehefrau Solly in einem Haus am See in Pine Grove Township in der Nähe von Gobles, Michigan, lebt. Er und Solly haben zwei erwachsene Adoptivkinder, die die Kinder seiner Schwägerin sind; beide stammen von den Philippinen. Er war verhaftet worden, weil er unausgefüllte Rezeptformulare des Borgess Medical Center, des Krankenhauses, für das er seit vielen Jahren tätig war, verwendet hatte, um in einer örtlichen Apotheke das Schmerzmittel Vicodin zu beziehen. Er wurde zu einer Entziehungskur verurteilt. Darüber hinaus hatte er keine Vorstrafen".

    © Harry Dodge

    Maggie Nelson

    So nüchtern, wie die Schilderung des Mörders ist auch das gesamte Buch. Nelsons Familie denkt nicht an Rache. Obwohl die Wunden tief sind. Nelsons Großvater hatte die Autorin jahrzehntelang immer wieder mit Jane angesprochen, dem Namen seiner ermordeten Tochter. Seine größte Sorge, noch einmal den Schmerz durchleben zu müssen. "Mitzuerleben, wie der Fall nach 36 Jahren erneut aufgerollt wird, ist, als hätte man sie nicht einmal, sondern zweimal verloren."

    Rachegelüste und Voyeurismus liegen den Nelsons fern

    Maggie Nelson ist abgestoßen von der medialen Vermarktung des Verbrechens. Sie wird zu einer True-Crime-Show eingeladen, auf der Titelseite der lokalen Tageszeitung nimmt der Prozess großen Raum ein. Und Befürworter der Todesstrafe versuchen die Aufmerksamkeit für ihre Zwecke zu nutzen. Maggie Nelson hingegen fragt sich, was bringt das Gefängnis nach über dreißig Jahren?: "Im Laufe des Prozesses hatten meine Mutter und ich uns gegenseitig gefragt, ob Leiterman für Janes Mord 'bezahlen' sollte (vorausgesetzt, er hat ihn begangen), indem er der beste Vater, Großvater, Softballtrainer fürs Mädchenteam, Krankenpfleger oder was auch immer wäre, der er zu sein in der Lage war – natürlich nur unter der Voraussetzung, dass er für niemanden mehr eine Gefahr darstellt.", heißt es in dem Buch.

    Maggie Nelson ist ein großartiger Text gelungen: ein Bericht über den Schmerz einer Familie, der durch keine Strafe aus der Welt geschafft werden kann.

    Maggie Nelson, "Die roten Stellen" sind, aus dem Englischen übersetzt von Jan Wilm, bei Hanser Berlin erschienen.

    © Hanser Berlin/ Montage BR

    Cover: Maggie Nelson"Die Roten Stellen"

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