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Märchen aus dem Koffer auf der "Kleinsten Bühne der Welt" | BR24

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Die Münchner Hedwig Rost und Jörg Baesecke zaubern mit Gegenständen aus dem Alltag eine eigene Welt. Eine ihrer Spezialitäten ist ein kleiner Koffer als Märchenbühne. Die öffnet sich allerdings jetzt zum letzten Mal

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Märchen aus dem Koffer auf der "Kleinsten Bühne der Welt"

Sie sind Meister der Erzählkunst: Die Münchner Hedwig Rost und Jörg Baesecke zaubern mit Gegenständen aus dem Alltag eine eigene Welt. Eine ihrer Spezialitäten ist ein kleiner Koffer als Märchenbühne. Die öffnet sich allerdings jetzt zum letzten Mal.

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Das Raumschiff – ein kleiner Dampfgarer aus Edelstahl. Das Huhn – eine Stoffserviette. Ein Dorf in Afrika – vier halbe Kokosnüsse. Mit viel Fantasie und Liebe zum Detail erzählt das Münchner Künstlerpaar Hedwig Rost und Jörg Baesecke Märchen und Geschichten, mit denen sie Kinder und Erwachsene in ihren Bann ziehen.

Wie sie ihr Theater nennen sollen, können sie nicht festlegen, jedes Stück sucht sich seine eigene Form: Puppen-, Bilder- oder Objekttheater, Musik und Tanz - die Kunstfertigkeit der beiden ist so reich wie die Geschichten, die sie auf der Bühne erzählen.

Märchen für Erwachsene

Obwohl Märchen von uralten Zeiten erzählen und sich vieles geändert hat, verlieren sie nicht an tieferer Bedeutung und Aktualität. Viele Vorstellungen richten sich deshalb auch speziell an Erwachsene. Das besondere an Märchen sei, dass sie eine höhere Ordnung schaffen würden – eine, die nicht menschengemacht sei, sagt Rost. Die Zuschauer fühlten sich in diese Ordnung eingebettet, der sie sich ganz anvertrauen dürfen: "Märchen sprechen das Kind in uns Erwachsenen an. Unser inneres Kind muss auch gepflegt werden, denn das bleibt in uns. Wir legen es nicht ab, wie eine alte Jacke, die zu klein geworden ist. Wir haben diese Seite in uns. Und wir alle sehnen uns nach Zuwendung."

Die kleinste Bühne der Welt

Alles beginnt 1982 auf der Straße in Hamburg mit einem kleinen Koffer als Bühne. Ihren Märchenkoffer nennt das mittlerweile in München lebende Paar 'Die kleinste Bühne der Welt'. Sicherlich gibt es noch kleinere Bühnen. Aber im Verhältnis zu dem großen Schatz an Geschichten und den Märchenwelten, die sie jedes Mal aufs Neue erschaffen, ist ihre Bühne tatsächlich winzig. "Unsere Art von Theater ist, als ob man etwas durch eine Lupe anschaut", sagt Rost. "Das Kleine, das Wenige wird durch unser Theater plötzlich ganz groß. Groß wird's im Kopf und darauf kommt es an: dass etwas im Kopf passiert und im Herzen."

Jeder Handgriff muss sitzen

Was so leicht und spielerisch aussieht, ist für Rost und Baesecke Präzisionsarbeit. Jeder Handgriff muss sitzen, damit die kleine Märchenwelt nichts von ihrem Zauber einbüßt. Je genauer sie arbeiten, desto breiter werde die Assoziationsmöglichkeit, erklärt Baesecke: "Es soll nicht eindeutig sein. Jeder Zuhörer, jede Zuschauerin baut sich einen eigenen Film. Das Theater soll eine Assoziationsfülle schaffen."

Geschichten zum Weitererzählen

Ihre Geschichten sind nicht nur Märchen, sondern auch Volkserzählungen, Sagen, Balladen und sogar Zeitgeschichtliches. In ihrem Erzähl- und Theater-Werkbuch "Höher als der Himmel, tiefer als das Meer" haben sie 20 besondere Geschichten zusammengetragen und auch beschrieben, wie sie diese auf der Bühne darstellen. Sie möchten mit diesem Buch dazu anregen, diese Geschichten mit neuen und anderen Ideen weiterzuerzählen.

Tassilopreis für Lebenswerk

Hedwig Rost lernte Geige am Richard-Strauss-Konservatorium in München und hat eine tanzpädagogische und therapeutische Ausbildung. Ihre Geige und andere Instrumente spielen nicht nur eine musikalische Rolle auf der Bühne, sondern verkörpern oft auch Figuren. Jörg Baesecke arbeitet seit 1980 als Freier Schauspieler. Er ist Präsident der Gesellschaft zur Förderung des Puppenspiels am Münchner Stadtmuseum und führt auch Regie - etwa bei Produktionen des Papiertheaters Nürnberg.

Ihren Märchenkoffer sehen die Künstler als Antwort auf das 'Groß und Laut', als kleines Gegengewicht zur allgegenwärtigen Überwältigungskultur, die sich mit den Jahren immer weiter steigert. Diese Haltung haben sie auch heute noch auf der Bühne: Sie spielen direkt, ohne Musikeinspielungen, ohne Lautsprecher und Effekte.

13 Jahre lang produzieren sie ausschließlich Stücke für ihre kleine Kofferbühne. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter entwickeln sie erste Soloprogramme. So entstehen neue Formen der Erzählkunst mit Laternen, Tanz und Musik oder einem belebten Tischtuch. 2018 verlieh die Süddeutsche Zeitung Hedwig Rost und Jörg Baesecke den Tassilo-Preis für ihr Lebenswerk.

Der Koffer geht zu, die Geschichten gehen weiter

Nach fast 40 Jahren schließen sie nun den Deckel ihres kleinen Märchenkoffers und spenden ihn an das Münchner Stadtmuseum. Die beiden letzten Koffer-Vorstellungen im Stadtmuseum sind bereits ausverkauft. Die Geschichte aber geht weiter: Ihr Haupt-Ausdrucksmittel ist inzwischen das Papier geworden, wo viele Bilder erst während des Erzählens entstehen: beim Falten, Reißen, Zeichnen und Schneiden. Aber Hedwig Rost und Jörg Baesecke erzählen auch Kritzelgeschichten, Schlüsselgeschichten und vieles mehr.

Mehr über den Märchenkoffer erfahren Sie in STATIONEN am Mittwoch, den 22. Januar im BR Fernsehen und in der BR Mediathek.