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Italo-Western in München: Andreas Dresen inszeniert Puccini | BR24

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Unter dem Galgen

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    Italo-Western in München: Andreas Dresen inszeniert Puccini

    "Das Mädchen aus dem Goldenen Westen" als packender Reißer über die Elenden und Malocher dieser Welt: In der Bayerischen Staatsoper wird aus dem sonst oft überzuckerten Puccini ein hartes Drama über Menschen unter Tage und jenseits der Hoffnung.

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    Kalifornien als Dreckloch ohne Recht und Gesetz, aus heutiger Sicht ein ziemlich ungewohnter Gedanke. Doch im Januar 1848, als auf dem Bauplatz für ein Sägewerk zufällig Gold gefunden wurde, gab´s drum herum nur Schlamm und Wüste. Dort haust Puccinis "Mädchen aus dem Goldenen Westen" unter lauter raubeinigen Kerlen, die nichts zu verlieren und wenig zu gewinnen haben. Alle zwei Minuten gehen sie aufeinander los, zinken, lügen und betrügen, und es wird natürlich auch geballert. Nur getanzt wird nicht, mangels Frauen.

    Kein Ritt in den Sonnenuntergang

    Filmregisseur Andreas Dresen inszenierte das an der Bayerischen Staatsoper als so fessselnden wie düsteren Italo-Western - er hatte schon im Vorfeld der Premiere angekündigt: Bei ihm wird am Ende niemand in den Sonnenuntergang reiten. Wie´s ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten, ist ja schließlich ein Western, nur soviel: Der Silberstreif am Horizont ist ziemlich dünn. Puccini gilt unter den Komponisten ja als großer Ranschmeißer, der sehr gezielt mit den Gefühlen des Publikums jongliert, sie womöglich sogar ausbeutet, aber er verträgt gerade deshalb filmische, ja naturalistische Regie-Konzepte, die nichts verrätseln, sondern grell ausleuchten. Andreas Dresen erzählt von lauter Verlierern in einem nicht notwendiger Weise amerikanischen Westen, der ganz und gar nicht "golden" ist, deshalb nutzt die Bayerische Staatsoper auch den nüchternen italienischen Titel "La Fanciulla del West".

    © Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

    Abwehr im Goldgräber-Camp

    "Ich finde, das sind sehr ambivalente und von ihrer Liebessehnsucht getriebene Gestalten", sagte Andreas Dresen im Interview mit dem BR, "die sich in einem extremen Umfeld behaupten müssen. Das interessiert mich, ehrlich gesagt, an dieser Oper. Die drei Protagonisten sind total interessant in ihrer Zerrissenheit, und die Männnerwelt, von der sie umgeben sind, die ist davon geprägt, dass diese Leute alle am sozialen Abgrund leben. Das sind, auch historisch gesehen, die Ärmsten der Armen gewesen, die da in diese Goldgräber-Camps gezogen sind. Und man kann schon heutige Migrations-Bewegungen damit assoziieren: Leuten gehen an einen anderen Ort, an einen Un-Ort. Damals war da wirklich nichts, in Kalifornien."

    Malocher in aller Welt als Inspirationsquelle

    Die Gegend ist jedenfalls sozial total verwahrlost: Die Goldgräber gönnen sich gegenseitig nichts, auch der Sheriff denkt nur an sich, und der aasige Banker von Wells Fargo sowieso. Ausstatter Mathias Fischer-Dieskau und Kostümbildnerin Sabine Greunig hatten sich gemeinsam mit Andreas Dresen optisch von einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2005 inspirieren lassen, "Workingman´s Death". Dessen Autor Michael Glawogger zeigt darin Malocher in aller Welt, Schwerstarbeiter, die teils unter Tage schuften. Ihre Welt ist auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper von Stacheldraht abgesperrt, schemenhaft ausgeleuchtet. Ein schwarzer Himmel dräut darüber, außer ein paar Kisten als Sitzgelegenheit und einem schäbigen Tresen zur Ausgabe von Whisky ist nichts geboten. Sarkastisch ragt eine metallene "Show-Treppe" in diese Arena der Hoffnungslosigkeit. Nicht auszuhalten, und deshalb dreht gleich zu Beginn einer der Minen-Arbeiter durch und wird mit ein paar Münzen nach Hause geschickt.

    © Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

    Rangelei unter Kerlen

    Die Übrigen träumen alle vom Reichtum und der wahren, großen Liebe, auch die titelgebende Minnie, die Bar-Besitzerin, die sich ausgerechnet in einen Gangster verguckt, der an das Gold der Arbeiter ran will. Kann eigentlich nicht gut gehen - so kitschig schreibt nur Puccini, Andreas Dresen hält konsequent und mit beeindruckender Kraft dagegen. Ein fulminanter Abend über Menschen unter Tage, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Zufall, dass der großartige Tenor Brandon Jovanovich, der den kriminellen Dick Johnson spektakulär singt, in der Bergarbeiter-Gegend Billings in Montana geboren wurde.

    © Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

    Unter Verdacht

    Absolut typgerecht besetzt auch der bullige schwedische Bariton John Lundgren als rabiater Sheriff Jack Rance. Anja Kampe ist Minnie, eine gestandene Frau in Stiefeln und Jeans, die immer ihren Revolver dabei hat und auf hohen Absätzen nicht laufen kann - außer, ihr Liebhaber hat sich angekündigt. Ein psychologisch treffendes Rollenporträt: Eine harte, ja kalte Person, die immerhin noch von Poesie träumt, aber gar nicht weiß, was das ist. Folglich meint auch sie, die Liebe sei mit einer Knarre zu erzwingen.

    © Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

    In den Fängen des Gesetzes

    Der aus New York stammende Dirigent James Gaffigan begleitete das so druckvoll, als ob er eine Broadway-Show zum Erfolg zu führen hatte, ohne dabei freilich die Sänger in Schwierigkeiten zu bringen. Mag sein, dass das bisweilen effekthascherisch klang, Puccini wäre es auf jeden Fall recht gewesen. Sehr freundlicher Applaus des Publikums, das über diesen derben Italo-Western aber teilweise auch etwas irritiert war und wohl Angst hatte, unter Niveau unterhalten zu werden. Mit dem Bergbau hat München eben wenig Erfahrung.

    Wieder am 19., 22., 26. und 30. März, weitere Termine.

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