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Madonna mit dem Perlenohrring: Amanda Gorman beim Super Bowl | BR24

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Bildrechte: Evan Agostini/Picture Alliance

Der Rummel um die amerikanische Nachwuchs-Lyrikerin erreicht immer neue Höhepunkte. Beim Endspiel der US-Football-Liga besang Gorman drei Helden der Pandemie-Krise – und wirkte wie herabgeschwebt aus dem Himmel der Poesie. Pathos scheut sie nicht.

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Madonna mit dem Perlenohrring: Amanda Gorman beim Super Bowl

Der Rummel um die amerikanische Nachwuchs-Lyrikerin erreicht immer neue Höhepunkte. Beim Endspiel der US-Football-Liga besang Gorman drei Helden der Pandemie-Krise – und wirkte wie herabgeschwebt aus dem Himmel der Poesie. Pathos scheut sie nicht.

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Von
  • Peter Jungblut

Die amerikanische Nationalhymne und ein paar Grußworte von Joe Biden: Was für ein ganz und gar unpoetisches, staatstragendes Gepränge zum Auftakt des Super Bowl. Auf dem Titelblatt des Nachrichtenmagazins "Time" war Amanda Gorman letzte Woche als "Mädchen mit dem Perlenohrring" zu sehen, ein Bildzitat nach dem berühmten Gemälde von Jan Vermeer aus dem 17. Jahrhundert. Gestern Nacht hatte es die Lyrikerin dann schon zur "schwarzen Madonna" gebracht. Mit einer blütenweißen Perlenkette im Haar und in einem strahlend hellblauen Mantel, der ebenfalls mit Perlen übersät war, wirkte sie im Einspielfilm unmittelbar vor Beginn des Endspiels der US-Football-Liga wie herabgeschwebt aus dem Himmel der Poesie.

Das ist der Sound der Ode

Das mögen manche, die für Pathos nicht viel übrig haben, für sagenhaften Kitsch halten, für eine bizarre Lyrik-Show – bei Amanda Gorman wirkte das jedoch tatsächlich alles sehr authentisch. Mit ihrem jugendlichen Schwung rappte sie sich durch die wenigen Textzeilen, mit denen sie drei Helden besingen sollte, die sich in der Corona-Pandemie Verdienste erwarben: Den Lehrer Trimaine Davis, die Krankenschwester Suzie Dorner und den Marine-Veteranen James Martin. Davis sorgte dafür, dass seine Schüler Internet-Anschlüsse bekamen, Dorner arbeitet auf der Intensivstation in Tampa und Martin hält im Lockdown den Kontakt unter Veteranen über soziale Netzwerk aufrecht: "Sie haben weit über alle unsere Erwartungen und Beschränkungen hinaus die Führung übernommen, ihre Gemeinden und Nachbarschaften nach vorn gebracht als Anführer, Heilkundige und Erzieher."

Das ist zweifellos der Sound der Ode, ein Lobpreis, eine Hymne, wie sie längst aus der Mode gekommen schien. Gorman orientiert sich dabei an so großen Vorbildern wie dem antiken Dichter Pindar, der die lorbeerbekränzten Sieger der damaligen Olympischen Spiele wortmächtig ehrte. Mit den Gedichten von "toten, weißen Männern" kann Gorman nach eigener Aussage zwar wenig anfangen, doch ihr halb gerapptes, halb gepredigtes Gedicht wirkte fast aus einem antiken Schauspiel und hätte auch gut ins Amphitheater von Epidauros gepasst: "Lasst sie uns feiern, in dem wir mit Mut und Leidenschaft arbeiten, in dem wir tun, was richtig und gerecht ist. Ehren wir sie heute, die uns Tag für Tag in Ehren halten. "

"Die letzte Zeit war der Wahnsinn"

Amanda Gorman kommt aus Los Angeles, der internationalen Hauptstadt des Entertainments, sie hat also keinerlei Berührungsängste zur Unterhaltungsindustrie und Bescheidenheit ist dort wohl auch eher eine Last als eine Tugend: "Die letzte Zeit war einfach nur der Wahnsinn, das ist buchstäblich das, was mir im Kopf herumgeht. Tatsächlich habe ich bei allen Gedichten, die ich jemals geschrieben habe, daran gedacht, dass sie bei einer Amtseinführung vorgetragen werden könnten."

Ein Vertrag mit einer Model-Agentur, Übersetzungen in wichtige Weltsprachen, Einladungen ohne Ende und ein Interview mit Michelle Obama – Amanda Gorman hat es geschafft, und für alle Zweifel kündigte sie in Time schon an, sie werde kein einmaliger Blitz sein, sondern ein Hurrikan, der jedes Jahr wiederkommt: "Das wahre Ziel, der wahre Hügel, den wir als Dichter erklimmen, ist meiner Meinung nach die Düsternis zu erkennen und die Leute aus diesem Schatten herauszuführen."

In dreißig Jahren will sie US-Präsidentin sein

Auf der Homepage von "Time" teilte sie sogar mit, dass sie schon länger auf die US-Präsidentschaft hinarbeitet: "Den Traum, eines Tages Präsidentin zu werden, habe ich seit der sechsten Klasse. Da musst du dann schon anfangen, an deinem Image zu arbeiten, nicht nur authentisch sein, sondern auch immer beachten, dass in unserer Generation ja alles dokumentiert wird. So habe ich bei vielen Selfies mit Freunden nicht mitgemacht. Da sagte ich immer, Mensch, Leute, in dreißig Jahren will ich Präsidentin sein."

Das Publikum an die Hand nehmen, ein Leuchtfeuer sein, den Weg weisen – das klingt alles doch sehr amerikanisch, und Gorman verweist denn auch stolz darauf, dass auf dem Sockel der Freiheitsstatue ein Gedicht zu lesen ist. Das ist ihr Maßstab: "Gebt mir eure Müden, eure Armen", beginnt bekanntlich das Werk "The New Colossus" der Dichterin Emma Lazarus aus dem 19. Jahrhundert. Schwer sind unsere Zeiten ja zweifellos, die Ironie hat erst mal ausgedient, es zieht eine Ära der neuen Ernsthaftigkeit auf – und ausgerechnet die 22-jährige Amanda Gorman trägt die Fackel voran.

© Serena Xu-Ning/Picture Alliance
Bildrechte: Serena Xu-Ning/Picture Alliance

Amanda Gorman: Beim "Women in the World Summit" 2019

Es ist nicht so, dass Gormans Auftritt bei der Amtseinführung von Joe Biden durchweg nur Beifall gefunden hätte. Die konservative "Neue Zürcher Zeitung" sprach gar von einer "ideologischen Kampfansage" und krittelte ziemlich missgelaunt herum, für einen "Blick hinter die Fassade" scheine Gorman "die Neugierde zu fehlen", sie baue sogar "fleißig an ihr mit": "Ihr Vortrag bildete den Höhepunkt einer Veranstaltung, in der das Pathos eine Behauptung blieb. Einer Veranstaltung, die dem Anti-Trump-Lager zur Selbstvergewisserung diente. Wenn bei den Zuhörern tatsächlich Tränen flossen, dann waren es wohl vor allem Tränen der Rührung – über sich selbst."

Sie will ein "Hurrikan" sein, der jährlich wiederkehrt

Solche Verrisse wird Gorman inzwischen locker verkraften können: Am vergangenen Donnerstag, beim spektakulären Auftritt auf dem Titelbild des amerikanischen Nachrichtenmagazins "Time", trug sie ein signalgelbes Kleid und setzte abermals ein modisches Ausrufezeichen. Und die junge Lyrikerin verriet auch gleich ein "Geheimnis": Am Tag von Bidens Inauguration habe sie nur eines befürchtet, dass ihre Finger in der Kälte ertauben könnten, so dass sie nicht mehr in der Lage gewesen wäre, umzublättern.

Gorman verwies darauf, dass sie sich bis vor kurzem auf die Schnelle in irgendeinem "Starbucks"-Café für Auftritte vor 1.000 Menschen schminken musste, ganz ohne Mitarbeiter: "Ich stehe nicht im Wettbewerb, ich folge der Laufbahn des Lebens, das mir vorgegeben ist." Ihr Lampenfieber vertreibt die Autorin nach eigener Aussage mit der Meditation über einen Song aus dem Disney-Film "Vaiana", in dem eine Häuptlingstochter ihre Ahnen in Erinnerung ruft und daraus Kraft schöpft.

Und natürlich bedauert Gorman, dass speziell in den Schulen immer noch hauptsächlich die "Lyrik toter weißer Männer" unterrichtet werde. Es sei wichtig herauszukommen aus dieser "Pathologie", wonach Gedichte eine Angelegenheit bestimmter Eliten seien: "Die Poesie ist die Linse, durch die wir die Geschichte befragen, in der wir wurzeln und die Zukunft, für die wir stehen. Es ist kein Zufall, dass auf dem Sockel der Freiheitsstatue ein Gedicht steht. Unser Instinkt lenkt uns auf die Poesie, wenn wir aus einem Geist heraus kommunizieren wollen, der größer ist als wir selbst."

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