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Kultur

Medea auf Abwegen: "Madama Butterfly" in Nürnberg | BR24

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Zu allem entschlossen: Madama Butterfly und Suzuki (im Hintergrund)

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    Medea auf Abwegen: "Madama Butterfly" in Nürnberg

    Puccinis einst exotisch gemeinte Geisha-Oper nach einem tränenseligen Boulevardstück wird in der Regie von Tina Lanik zu einer feministischen Abrechnung mit Sexismus und Kolonialismus, an denen die anpassungswillige Cio-Cio-San scheitern muss.

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    Natürlich kann das funktionieren, Puccini ganz ohne Zuckerguß, Streusel und Krokant zu servieren, ihm also alle Süßlichkeit auszutreiben. Und die "Madama Butterfly" ist diesbezüglich nun mal besonders kalorienreich, manche halten sie sogar für fast ungenießbar. Es machte also Sinn, dass Regisseurin Tina Lanik und ihr Ausstatter Stefan Hageneier im Nürnberger Staatstheater auf jedwede fernöstliche Geisha-Exotik und japanischen Schnickschnack verzichteten und stattdessen die Geschichte einer modernen Frau erzählten, die an Rassismus, Sexismus und Kolonialismus scheitert. Oder, anders ausgedrückt, die trotz ihrer geradezu bizarren Anpassungsbereitschaft nicht in der Welt ankommt, die sie sich erträumt, nämlich in den Vereinigten Staaten.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Wenig Geisha-Exotik

    Es stand Medea auf der Bühne

    Ein wirklich zeitgemäßes Thema, gilt Integration doch derzeit als Zauberwort, das angeblich viele, wenn nicht sogar alle multikulturellen Probleme löst. Doch bei soviel Regie-Ehrgeiz kam Tina Lanik dann leider die titelgebende Madama Butterfly vollkommen abhanden und es stand stattdessen Medea auf der Bühne, die selbstbewusste, starke, ja gefährliche Power-Frau, die sich nichts gefallen lässt, schon gar nicht von wankelmütigen, opportunistischen Männern. Mit der naiven, devoten, romantischen und zartfühlenden japanischen Tänzerin Cio-Cio-San, genannt Schmetterling, hat diese antike Heldin nichts gemeinsam, und daran scheiterte leider diese Inszenierung. Jedenfalls blieben die Augen trocken und der Beifall freundlich statt enthusiastisch.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Zerstobene Illusionen

    Was bei Puccini rührt, ist eine Frau, die bis zuletzt an ihre Illusionen glaubt und sich umbringt, weil sie die Wahrheit nicht erträgt, nämlich für den Amerikaner Pinkerton nur eine Gespielin gewesen zu sein. In Nürnberg steht eine Butterfly auf der Bühne, die von Anfang an unter ihrer japanischen Tracht Jeans trägt, mit dunkler Mähne und recht resolut durchs Leben geht und merkwürdiger Weise dauernd ohne konkreten Anlass mit einem Dolch fuchtelt. Weil Regisseurin Tina Lanik das offenbar selbst unterkühlt fand, ist für das Sentimentale Cio-Cio-Sans Kind zuständig, das von Jana Beck herausragend gespielt wird, auf der Bühne aber auch überpräsent ist - so sehr, dass sich Zuschauer darüber aufregten, dass eine so kleine Statistin mit so einer düsteren Oper konfrontiert wurde.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Die Tochter von Butterfly

    Die Echse als Schmusetier

    Ärgerlich geradezu, wie die Amerikanerin dargestellt wurde, die der untreue Pinkerton der Madama Butterfly vorzieht: Ein blondes Dummchen auf hohen Absätzen. So platt lässt sich mit dem Sexismus leider nicht abrechnen. Das äußerst sparsame Bühnenbild ließe sich für ein halbes Dutzend weitere Opern verwenden, denn außer ein paar verschiebbaren Wänden war wenig zu sehen. So blieb letztlich nur ein wirklich treffender Regie-Einfall: Der Zuhälter Goro, herrlich servil und hyperaktiv von Heinz Kittelmann verkörpert, streichelt unentwegt einen Leguan auf seiner Brust, eine Echse als Schmusetier, während er seine Frauen-Ware mit aasiger Kälte in Handschellen und halbnackt vorführt. Musikalisch war es ein Abend mit viel Überdruck: Dirigent Guido Johannes Rumstadt ließ über knapp drei Stunden hinweg ordentlich Dampf ab, so laut und scharf klang die Staatsphilharmonie Nürnberg.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Blondes Dummchen aus den USA

    Genderpolitik nicht Puccinis Stärke

    Recht harsch war auch die usbekische Sopranistin Barno Ismatullaeva in der Titelrolle. Eine bemerkenswert durchsetzungskräftige, ja dominante Sängerin, die stimmlich wie schauspielerisch tatsächlich eine gute Medea wäre, aber als Butterfly fehlbesetzt schien. Der polnische Tenor Tadeusz Szlenkier gab einen erschreckend wenig reumütigen, um nicht zu sagen unbewegten Pinkerton. Ein beklemmendes Rollenporträt gelang dagegen Almerija Delic als glatzköpfiger Dienerin Suzuki, die von Anfang alles durchschaut und die Tragödie entsprechend leidensfähig und abgebrüht über sich ergehen lässt. Insgesamt wohl eine feministisch gemeinte Butterfly, aber Genderpolitik war nicht gerade Puccinis Stärke.

    Wieder am 27. März, sowie 5. und 8. April, weitere Termine.