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"Kick-Ass Women" erzählt die Geschichten vergessener Heldinnen | BR24

© Bayern 2

So viele Frauen haben Großartiges geleistet, aber: "Es sprach einfach keiner über diese Ladys". Damit muss Schluss sein, beschloss US-Autorin Mackenzi Lee und beschreibt nun in "Kick-Ass Women" 52 Superfrauen vom vierten Jahrhundert bis heute.

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"Kick-Ass Women" erzählt die Geschichten vergessener Heldinnen

So viele Frauen haben Großartiges geleistet, aber: "Es sprach einfach keiner über diese Ladys". Damit muss Schluss sein, beschloss US-Autorin Mackenzi Lee und beschreibt nun in "Kick-Ass Women" 52 Superfrauen vom vierten Jahrhundert bis heute.

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Es ist schon bezeichnend, dass "Kick-Ass Women" in manchen Kritiken tatsächlich als "politisches Jugendbuch" abgetan wird. Welche Botschaft steckt da wohl dahinter? Etwa die, dass sich doch bitte schön die jüngere Generation mit dem immer noch weiß- und männlich-dominierten Kultur-Kanon auseinandersetzen respektive selbigen korrigieren möge? Oder hängt diese Einordnung nur mit der Tatsache zusammen, dass die amerikanische Autorin Mackenzi Lee bisher auf ein junges Publikum spezialisiert war? Eigentlich zweitrangig. Denn beides sollte im Falle dieses schönen, wilden Buchs eine untergeordnete Rolle spielen. 52 weitgehend unbekannte Kick-Ass Women, was man mit Wahnsinns-Frauen übersetzen könnte, gilt es hier zu entdecken. Frauen, die in den unterschiedlichsten Bereichen Furore gemacht haben und selbstverständlich Teil des sogenannten abendländischen Kultur-Kanons sein sollten – es aber dank Patriarchat bis heute nicht sind.

Große Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Königinnen

"Zu oft wird lediglich Männern sowohl ein Platz am Tisch der Geschichte als auch überhaupt eine mehrschichtige Persönlichkeit zugestanden", schreibt Mackenzi Lee im Vorwort und fordert: "Um wahre Gleichberechtigung zu erreichen, muss über Frauen genauso gesprochen werden wie über Männer."

Wer jetzt vorschnell abwinkt und sagt oder denkt, hatten wir doch alles schon, der lasse sich bitte von dieser unerhörten Schar an Königinnen, Wissenschaftlerinnen, Sportlerinnen, Politikerinnen, Spioninnen, Verbrecherinnen und Erfinderinnen überraschen, die Lee hier versammelt hat: Fatima Al-Fihri, um 800 in Marokko geboren, die Gründerin der ersten neuzeitlichen Universität. Königin Christina, die androgyne Herrscherin, die im 17. Jahrhundert Schweden regierte und Ludwig XIV begeisterte, indem sie – damals radikal und nicht ungefährlich – Hosen trug. Zheng Yisao, Piratin, Kapitänin über 80.000 Seemänner und Schrecken des Südchinesischen Meeres um 1800. Emily Warren Roebling, die Chefingenieurin der Brooklyn Bridge im 19. Jahrhundert. Und Emmy Noether, von Albert Einstein als "das bedeutendste kreative mathematische Genie seit Einführung der höheren Bildung für Frauen" bezeichnet – was der 1882 in Erlangen geborenen Noether allerdings wenig nutzte, sie musste lebenslang kämpfen, um forschen zu dürfen. "Das Noether-Theorem gilt als ebenso wichtig für die moderne Physik und Algebra wie Einsteins Relativitätstheorie", schreibt Lee, "es bildet noch immer die Grundlage vieler wissenschaftlicher Fortschritte. Einige Physiker sind sogar davon überzeugt, dass Emmys Theorem das Rückgrat der modernen Physik darstellt."

© Mariah Manley

Die Autorin Mackenzi Lee

Berühmt wurden nur die, die in eigener Sache kämpften

Mackenzi Lee öffnet mit ihren historischen Superfrauen ein weites Feld, wirft mit großer, lässiger Geste die Namen und Kurzbiografien hin. Dabei bleiben zwar einige Details auf der Strecke, über viele dieser unbekannten Pionierinnen möchte man aber sofort mehr erfahren – und man merkt, wie viel hier aufzuholen ist. Die Autorin will einen lang überfälligen Anfang machen, fordert dazu auf, weiter zu sammeln, den verpassten weiblichen Kanon jetzt und hier und heute endlich um all die Vergessenen zu ergänzen. Das war schon ihr Anliegen, als sie noch Geschichte studierte und feststellte, dass sie in den regulären Vorlesungen nur etwas über berühmte Frauen erfuhr, wenn es sich um Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht handelte. Ein Widerspruch.

"Solange Geschichte aufgezeichnet wird, solange tauchen darin auch schon komplexe, ehrgeizige, niederträchtige und tugendhafte Frauen auf, die die Welt nachhaltig und auf bemerkenswerte Weise geprägt haben", heißt es im Buch, und weiter: "Es gab so viele Frauen, die Großartiges geleistet hatten, von denen ich jedoch weder in der Schule noch an der Uni je etwas gehört hatte. Es sprach einfach keiner über diese Ladys."

© Suhrkamp Verlag

Maria Tallchief: Eine der vergessenen Superfrauen, die Mackenzi Lee aus der Vergessenheit holt.

Jede Woche eine vergessene Heldin

Also begann Mackenzi Lee zunächst zu twittern – Jede Woche über eine andere unbekannte Heldin, die sie neu entdeckt hatte. Begeisterung schlug ihr entgegen, und noch mehr Namen, von denen sie noch nie gehört hatte, Geschichten, die offiziell nicht erzählt wurden. Sie machte ein Buch daraus. Klar, ihre Sammlung ist höchst subjektiv. 52 Lieblingsheldinnen der Autorin, doch die sind zumindest nicht nur weiß, nicht nur westlich, nicht nur heterosexuell und es gibt unter ihnen wirklich einige unglaubliche Entdeckungen: Agnodike, die als Mann verkleidete Hebamme, die erste Gynäkologin im alten Athen, 300 vor Chr. Khutulun, Wrestling-Champion aus der mittelalterlichen Mongolei. Mary Fields, die afroamerikanische Postkutscherin mit der Pistole unter der Schürze und dem Herz aus Gold. Jackie Mitchel, die Linkshänderin und Baseball-Ikone. Alice Ball, die Chemikerin, die Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die Lepra kämpfte. Oder die philippinische Kämpferin Kumander Liwayway, die nur mit knallroten Lippen in die Schlacht zog.

© picture alliance/CPA Media

Remedios Gomez-Paraiso (1919-2014), auch bekannt unter dem Namen Kumander Liwayway

"Mit ihrem frisierten Haar und dem Lippenstift (den sie vor jedem Kampf auftrug, um gelassen zu wirken und auch ihren Soldaten Gelassenheit zu vermitteln und weil sie einfach gerne fabelhaft aussah) und mit einer Vorliebe dafür, Männer anzugreifen, die ihr gegenüber sexuell aggressive Kommentare abgaben, war sie vielleicht nicht die traditionellste Militärführerin unter den Huk-Rebellen. Aber sicherlich eine sehr erfolgreiche", schreibt Lee über Kumander. Kumander Liwayway starb übrigens erst 2014, im hohen Alter von 95 Jahren.

Rein sprachlich merkt man Mackenzi Lees frisch-forschem Geschichtsnachhilfe-Buch seinen Twitter-Ursprung trotz guter Übersetzung manchmal an – was nicht weiter stört, denn mit Sicherheit wird sich nicht nur die jugendliche Zielgruppe an den Kick-Ass Women erfreuen, sondern auch alle anderen Frauen und Männer, die Lust haben, sich mal ordentlich das historisch eingefahrene Hirn durchpusten zu lassen.

"Kick-ass" von Mackenzi Lee ist, übersetzt von Jenny Merling und mit Illustrationen von Petra Eriksson, bei Suhrkamp nova erschienen.

© Suhrkamp nova/ Montage BR

Cover von "Kick-Ass Women" von Mackenzi Lee

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