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Von einer Krise der Autoritäten ist schon länger die Rede. Die "Anti-Corona-Demos" und die Krawalle von Stuttgart und Frankfurt verstärken diesen Eindruck. Doch wie erlangen Politiker und Führungskräfte Autorität und wie können sie diese behalten?

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Macht, Werte und Ehrlichkeit: Woher kommt Autorität?

Von einer Krise der Autoritäten ist schon länger die Rede. Die "Anti-Corona-Demos" und die Krawalle von Stuttgart und Frankfurt verstärken diesen Eindruck. Doch wie erlangen Politiker und Führungskräfte Autorität – und wie können sie diese behalten?

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Hannover, 24. Februar 2010: Die damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, tritt ans Mikrofon. Vier Tage nach einer nächtlichen Alkoholfahrt mit gut 1,54 Promille im Blut. "Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete", verkündet Käßmann.

Autorität durch Ehrlichkeit

Ein Eingeständnis, ein Rückzug, ein Machtverlust. Doch an Autorität hat Margot Käßmann nicht verloren, sagt Claudia Peus: "Sie hat diesen Fehler sehr deutlich eingestanden, in einer Weise, die gleich die Verbindung zu ihren Werten hergestellt hat." In ihrer Forschung an der TU München beschäftigt sich die Psychologin vor allem mit den Themen Führung und Führungskräfteentwicklung.

Ein Merkmal guter Führung und Autorität ist laut Peus authentisches Handeln. Hinzu kommt die Fähigkeit, Fehler zuzugeben und bewusst nach den eigenen Werten zu handeln. "Mir geht es, neben dem Amt, auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Gradlinigkeit, die mir viel bedeutet", sagte Margot Käßmann in ihrer Ansprache im Jahr 2010. Ihre Gradlinigkeit habe ihre Authentizität gesteigert, meint die Psychologin Claudia Peus - in einer Weise, "dass man ihr trotz oder gerade aufgrund des Fehlers Autorität zuschreibt." Käßmann habe eine gute Nachricht verbreitet: Keiner muss perfekt sein.

Autorität durch Machtabgabe

Wer Macht abgibt, kann genau dadurch womöglich Autorität erlangen, so Hans-Joachim Sander, katholischer Theologe an der Universität Salzburg. Er denkt dabei an Papst Johannes XXIII., der im Dezember 1961 das Zweite Vatikanische Konzil einberief. "Er hat enorm Macht abgegeben, keiner hat erwartet, dass jemals wieder ein Konzil in der katholischen Kirche nötig ist", sagt Sanders.

Ein Papst setzte bei wesentlichen theologischen Entscheidungen auf den Dialog mit den Klerikern. "Wer in der Lage ist, solche Dinge in die Wege zu leiten, wird große Autorität gewinnen", so Hans-Joachim Sander.

Auch Papst Franziskus flogen nach seiner Wahl die Herzen vieler Menschen zu. Das Amt gab ihm Macht. Aber sein unprätentiöses Auftreten und die Tatsache, dass er auch Fehler innerhalb der Kirche benannte, hätten ihm Autorität verschafft, findet Hans-Joachim Sander. "Er ist eine der wenigen globalen Figuren mit Autorität." Innerkirchlich sehe das allerdings anders aus. "Franziskus hat die Position, Dinge zu verändern und traut sich da nicht heran. Da ist ein Autoritätsverfall festzustellen." Autorität sei eben ein fragiles Gut.

Autorität durch Werte

Das Leben nach den eigenen Werten ausrichten - damit können Führungskräfte an Autorität gewinnen, so Claudia Peus, die im Bereich der Führungskräfte-Entwicklung forscht. Für Chefinnen und Chefs sei es wichtig, darüber zu reflektieren, welche Wertekonflikte in einem Unternehmen oder in der eigenen Abteilung auftreten können. "Ein typischer Konflikt könnte sein: Gewinnmaximierung versus Fürsorge für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", sagt Peus.

Gerade in Krisenzeiten, wenn Unsicherheiten entstehen, seien Führungskräfte gefordert, Orientierung zu bieten. "Es ist relativ leicht, in normalen Zeiten zu regieren. Die Qualität einer Regierung zeigt sich oft erst in unvorhergesehenen Notsituationen und Krisen", sagte schon der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Er sei jemand gewesen, der in der Lage war, Krisen zu managen und dabei gleichzeitig viel Vertrauen genoss und Autorität ausstrahlte, findet Claudia Peus.

Wegen oder trotz seiner kantigen Art habe man ihm abgenommen, dass er für seine Werte steht und bereit ist, Risiken einzugehen. "Als das Thema RAF virulent war, hat er mit seiner Frau die Vereinbarung getroffen, dass die BRD kein Lösegeld zahlt, wenn einer von beiden entführt wird." Selbst auch große Opfer in Kauf zu nehmen, trage dazu bei, dass Führungspersonen als Autorität akzeptiert werden.

So wurde dem SPD-Politiker auch verziehen, dass er in einer Sache immer einen Sonderstatus genoss: So betonte er einst in einem Hamburger Theater: "Diese beiden Herren dürfen nicht rauchen, weil es im Theater nicht zulässig ist. Ich hingegen schon, weil es zur Inszenierung gehört." Helmut Schmidt wie er eben war: authentisch und nicht zuletzt deshalb eine Autorität.