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Margot Käßmann hat sie - trotz - oder gerade wegen ihrer Trunkenheitsfahrt und dem folgenden Rücktritt: Autorität.

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    Macht heißt nicht Autorität: Die Kunst zu führen

    Margot Käßmann hat sie, trotz - oder wegen - Trunkenheitsfahrt und Rücktritt. Auch Papst Franziskus hat sie - mit Einschränkung: Autorität. Das sagen jedenfalls Experten und betonen: Autorität habe nichts mit Macht zu tun. Aber mit was dann?

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    Von
    • Irene Esmann

    Hannover am 24. Februar 2010. Die damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, tritt ans Mikrofon. Vier Tage nach einer nächtlichen Alkoholfahrt mit gut 1,5 Promille im Blut: "Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete."

    Ein Eingeständnis, ein Rückzug, ein Machtverlust. Doch an Autorität hat Margot Käßmann nicht verloren, sagt Claudia Peus. In ihrer Forschung an der TU München beschäftigt sich die Psychologin vor allem mit den Themen Führung und Führungskräfteentwicklung. Und Merkmale guter Führung und Autorität seien, authentisch zu sein, Fehler zuzugeben - sowie sich der eigenen Werte bewusst zu sein und danach zu handeln.

    Wer Macht abgibt, kann Autorität erlangen

    "Mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Gradlinigkeit, die mir viel bedeutet", hatte Käßmann damals erklärt. "Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so, wie ich sie hatte."

    Hans-Joachim Sander, katholischer Theologe an der Universität Salzburg, formuliert das so: Wer Macht abgibt, kann genau dadurch womöglich Autorität erlangen. Seine Definition: "Macht ist Durchsetzung. Macht ist die Fähigkeit andere zu nötigen, sich so zu disziplinieren, dass sie das tun, was man denkt, was sie tun sollen. Autorität ist ein Autorisierungsvorgang an andere. ... Autorität ist die Autorisierung von anderen zur Lösung von Problemen, zu denen sie alleine nicht so in der Lage sind. Das heißt: Autorität entsteht über andere, Macht durch das Kleinhalten anderer."

    Johannes XXIII.: Der unfehlbare Papst gibt Macht ab

    Sander denkt dabei an Papst Johannes XXIII. An den Papst, der im Dezember 1961 das Zweite Vatikanische Konzil einberief. Damals glaubten viele, der Papst sei mit Unfehlbarkeit ausgestattet und könne jedes Problem sofort lösen, so der Theologe. "Und der sagt: Ich brauche ein allgemeines Konzil - wir würden heute sagen, vielleicht können es die Bischöfe heute alleine auch nicht mehr, sondern wir brauchen eine andere Versammlung, einen anderen Autoritätsprozess, um Glaubensprobleme zu lösen"

    Ob Papst Franziskus Ähnliches gelingen wird? So sehr der Dogmatik-Professor Franziskus für dessen klare Worte in der Weltpolitik schätzt, so skeptisch ist er, was die Position des Papstes innerhalb der katholischen Kirche anbelangt. "Innerkirchlich sind die letzten Jahre eine Enttäuschung", so Sander. Denn Franziskus habe das, was er vielfach angemahnt hatte, nicht angepackt oder gar durchgesetzt. Trotz seiner Machtposition. Ein Problem für die Autorität des derzeitigen Papstes, so der katholische Theologe.

    "Papst Franziskus traut sich nicht, Dinge zu verändern"

    Er habe die Position, Dinge zu verändern und traue sich da nicht heran, erklärt Sander: "Also da ist ein Autoritätsverfall festzustellen. Aber: Autorität ist ein fragiles Gut: Man hat sie nicht einfach, sondern jemand muss etwas zu sagen haben, womit jemand anderes anfangen kann, Probleme zu lösen. Und da haben wir von dem Papst in den letzten Jahren wenig gehört."

    Macht und Autorität: in der katholischen Kirche sei das ein Riesen-Thema, sagt Sander. Und womöglich auch einer der Gründe, weshalb in den vergangenen Jahren viele Katholiken ihrer Kirche den Rücken gekehrt haben: Das hierarchische Konstrukt des Katholizismus demonstriere vor allem Macht.

    Ein Chef der Macht ausübt, ist mittelfristig nicht erfolgreich

    Stephan Teuber aus Tübingen ist einer, der viel Erfahrung hat mit Führung: Er leitet ein überregional agierendes Unternehmen im Bereich Reha-Sport. Gleichzeitig ist er Coach und Chef einer Beratungsfirma mit dem Schwerpunkt Führungskräfte. Und: Teuber engagiert sich ehrenamtlich im erweiterten Vorstand des Bunds katholischer Unternehmer. Sein erster Gedanke zur Frage nach Macht und Autorität:

    "Beim Thema Macht muss ich Sie enttäuschen. Denn die hat man nicht. Mitarbeiter können sofort kündigen und gehen. Ein Unternehmen muss attraktiv sein, um dort mitzuwirken." Unternehmer Stephan Teuber

    Für Stephan Teuber ist der Machtbegriff eine Frage des eigenen Selbstverständnisses und er wäre keine gute Führungskraft, wenn er nicht auch den Erfolg des Unternehmens im Blick hätte. Der Berater erklärt, ein Chef, der seine Führung nur über Macht ausübt, sei mittelfristig nicht erfolgreich: "Wenn ich mit Mitarbeitern zusammenarbeiten möchte, die begabt sind, die sich voll einbringen wollen, dann habe ich keine Chance, über Macht zu arbeiten."

    Führung heißt, Mitarbeiter zu befähigen

    Er ist davon überzeugt: gefragt und erfolgreich sind Führungspersönlichkeiten mit Autorität. Also Menschen, die sich ein Ansehen erarbeitet haben. Persönlichkeiten, die ihr Wissen und ihre Macht dafür einsetzen, bei ihren Mitarbeitern Einfluss zu nehmen. Nicht in dem Sinn, sie zu manipulieren. Es gehe vielmehr darum, die Mitarbeiter zu befähigen und zu stärken. Ihnen eher als Ratgeber, denn als Entscheider zur Seite zu stehen.

    Ein Verständnis von Führung, das noch nicht überall angekommen ist, sagt Teuber. Im Mittelstand sei es inzwischen weiter verbreitet als in den oft streng hierarchisch strukturierten Großkonzernen. Dort spiele Macht nach wie vor eine Rolle. Doch die so genannte Generation Y habe erreicht, dass viele Führungskräfte inzwischen umdenken: "Die fragt, welcher Arbeitgeber passt zu meinem Sinn in meinem Leben. Und im „war of talents“, also dem Kampf um die Mitarbeiter, wird deutlich, dass Macht alleine nicht mehr junge talentierte Mitarbeiter in die Betriebe zieht."

    Was nicht heißt, dass Führungspersönlichkeiten nicht auch mal ein Machtwort sprechen oder unpopuläre Entscheidungen treffen müssen. Dann müsse aber auch deutlich werden, welche Entscheidung man bewusst gegen Widerstand treffen wolle, sagt Teuber. "Und ich übernehme das Risiko. Ich kann dann nicht die Schuld an die Mitarbeiter delegieren."

    Begriff "Human Ressources" wird Menschen nicht gerecht

    Es ist unternehmerisches Kalkül, aber nicht nur, was Stephan Teuber zu seinem Umgang mit Macht, zu seiner Definition von guter Führung, gebracht hat. Als gläubiger Katholik, sagt er, leite ihn das christliche Menschenbild. In gewisser Weise ist das Evangelium für ihn eine Art Autorität. Deshalb gefällt ihm auch die Bezeichnung von Mitarbeitern in vielen Unternehmen nicht. Von HR - von Human Ressources - sei da oft die Rede.

    Eine Versachlichung, die den Menschen nicht gerecht werde: "Ein Mitarbeiter ist ein Geschöpf, ein Ebenbild Gottes mit seinen eigenen Begabungen und seinem Lebensauftrag. Ich spreche immer mit einem Ebenbild Gottes. Und das hilft auch bei einem Kritikgespräch und einem Abmahnungsgespräch. Dass es immer um das Verhalten und nicht um die Person des Mitarbeiters geht."

    Gute Führungsarbeit: authentisches Leben der eigenen Werte

    Werte: ein authentisches Leben der eigenen Werte - das ist es, was gute Führungsarbeit ausmacht. Davon ist Claudia Peus überzeugt. Sie forscht an der Technischen Universität München im Bereich der Führungskräfte-Entwicklung. Wertebildung gehört inzwischen zu den zentralen Inhalten in den entsprechenden Trainings. Führungskräfte können damit an Autorität gewinnen - gerade wenn es darum geht, in Konfliktsituationen Entscheidungen zu treffen und die Mitarbeiter dabei auch mitzunehmen:

    "Es ist relativ leicht, in sicheren Zeiten zu regieren. Die Qualität einer Regierung zeigt sich oft erst in Notsituationen und Krisen." Ex-Kanzler Helmut Schmidt

    Dieser Mann - Ex-Kanzler Helmut Schmidt - fällt Claudia Peus ein - als jemand, der in der Lage war, Krisen zu managen und dabei gleichzeitig viel Vertrauen genoss, der Autorität ausstrahlte. Wegen oder trotz seiner kantigen Art, habe man ihm abgenommen, "dass er für seine Werte steht, dass er bereit ist, dafür Risiken einzugehen ... als das Thema RAF virulent war, hat er mit seiner Frau die Vereinbarung getroffen, dass, wenn einer von beiden entführt wird, die BRD kein Lösegeld zahlt."

    Werteverfall bei Führungskräften? Im Gegenteil!

    Und das seien die Dinge, die eine Führungsperson authentisch erscheinen lassen, und an Autorität gewinnen ließen, erklärt Peus. Sie ist davon überzeugt, dass es mehr Persönlichkeiten mit echter Autorität gibt als es zunächst erscheinen mag. Einen "Werteverfall" sieht sie nicht.

    Im Gegenteil. Gerade jetzt, in der Corona-Krise, erlebe sie Führungskräfte in ihren Seminaren, die mehr als zuvor darüber nachdenken, wofür sie eigentlich stehen: "Die letzten Monate haben den Wert von Solidarität und Familie stärker gezeigt. Und haben durch die vielen Videokonferenzen und das Home-Office dazu geführt, dass man die Mitarbeiter und auch die Führungskräfte mehr als Menschen wahrgenommen hat."

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