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Warum Elke Erb den diesjährigen Georg-Büchner-Preis erhält | BR24

© picture alliance/dpa

Sie ist eine der großen Dichterinnen unserer Zeit: Elke Erb, die Georg-Büchner-Preisträgerin des Jahres 2020

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    Warum Elke Erb den diesjährigen Georg-Büchner-Preis erhält

    Seit Jahrzehnten schreibt die Lyrikerin an einem großen wie besonderen poetischen Werk. Dafür bekommt sie nun den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Diese Ehrung kommt spät – und ist doch verdient.

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    Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die den Georg-Büchner-Preis vergibt, würdigt mit ihrer Entscheidung eine „unverdrossene Aufklärerin“ und „unverwechselbares und eigenständiges schriftstellerisches Lebenswerk“. Der Dichterin gelinge es wie keiner anderen, „die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen“, heißt es in der Begründung der Akademie.

    Schreiben als Ausdruck der Freiheit

    Elke Erb wurde 1938 in der Eifel geboren und lebt heute in Berlin. Ihre Biographie wurde vielfach geprägt durch die deutsche Geschichte insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Elke Erb war elf Jahre alt, als die Familie - dem Vater folgend - in die DDR übersiedelte. Sie studierte Pädagogik, Russisch und Deutsch in Halle und arbeitete zunächst als Lektorin im Mitteldeutschen Verlag. Frühzeitig - in den 60er-Jahren - entschied sie sich für eine freiberufliche Existenz als Schriftstellerin, Lyrikerin und Übersetzerin, unter anderem aus der russischen Literatur. Ihre Übertragungen etwa von Texten von Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa sind ein wichtiger Teil des frühen Werkes. Elke Erb selbst spricht - mit Blick auf das Werk von Marina Zwetajewa - von einem "Gesellenstück".

    1975 erschien das eigentliche Debüt, der Lyrik- und Prosaband „Gutachten“, im folgenden Jahr konnte Elke Erb eine Auswahl ihrer Texte in der Bundesrepublik, im Wagenbach-Verlag, veröffentlichen („Einer schreit: Nicht!“). Durch die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache und auch ihrer Geschichte und ebenso durch die Ehe mit dem Lyriker Adolf Endler, wird Elke Erb zur „Sächsischen Dichterschule“ gezählt. Zu diesem losen Kreis gehören wichtige Lyrikerinnen und Lyriker aus der DDR, darunter Sarah Kirsch, Karl Mickel, Volker Braun, Wulf Kirsten und der sorbische Dichter Kito Lorenc. Die Vertreter der „Sächsischen Dichterschule“ versuchten, im durchherrschten SED-Staat Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu bewahren. "Du musst aus dem Schutt der Sprache, die alle sprechen, herauskommen", beschreibt Elke Erb in einem Interview ihr poetisches Programm. "Du musst baufähige Elemente finden."

    Unabhängige Position in der DDR

    Frühzeitig bezog Elke Erb, um Unabhängigkeit bemüht, eine kritische Position zum DDR-Regime. Sie sprach sich – zusammen mit Adolf Endler – gegen die offizielle Verdammung des Liedermachers Wolf Biermann aus. Ebenso arbeitete sie an einer Anthologie „inoffizieller“, also verbotener Literatur im Land und protestierte öffentlich gegen die Ausbürgerung des Dissidenten Roland Jahn – heute Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde – im Juni 1983. Dieses Eintreten für die Wahrheit brachte ihr die Überwachung durch die Staatssicherheit ein. Mit dem Schriftsteller Sascha Anderson, der nach dem Mauerfall als Informeller Mitarbeiter der Stasi enttarnt wurde, gab zusammen mit Elke Erb eine Sammlung neuer Literatur in der DDR heraus. Anderson gab auch über sie beim Geheimdienst bereitwillig Auskunft.

    Eines der wohl wichtigsten Bücher von Elke Erb, der Band „Kastanienallee“, konnte trotz ihrer kritischen und aufrechten Haltung 1987 in der DDR im Aufbau-Verlag erscheinen. Das Buch mit Gedichten, Prosa und Kommentaren ist wie ein Arbeitsjournal gestaltet und wurde von der Kritik mit viel Lob bedacht. Ebenso wurde der Band für die Angehörigen der damals jungen Generation ein wichtiger Bezugspunkt. In seinem großen Roman „Stern 111“ verweist Lutz Seiler auch auf „Kastanienallee“: Seine Hauptfigur, der junge Lyriker Carl, zählt Elke Erbs Sammlung zu seinen prägenden Büchern.

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    Der Prenzlauer Berg, wie ihn heute niemand mehr kennt: Elke Erb hat diese eigene Welt literarisch genau erkundet.

    Beharrliche Arbeit am Gedicht

    In den nun 30 Jahren seit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschland veröffentlichte Elke Erb beharrlich Buch um Buch und thematisierte dabei unter anderem ihre dichterische Beziehung zu Friederike Mayröcker. Viele Gedichtbände sind in kleinen, unabhängigen Verlagen erschienen, darunter und vor allem im Schweizer Roughbooks Verlag. Im Literaturbetrieb wurde Elke Erb infolge dessen nicht immer mit der Aufmerksamkeit bedacht, die einer Dichterin und Spracherkunderin wie ihr eigentlich gebührt. Dennoch erhielt sie eine Reihe wichtiger Auszeichnungen, darunter den Georg-Trakl-Preis und im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz.

    Nun folgt mit dem Georg-Büchner-Preis die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Mit Blick auf das Werk kommt diese Ehrung spät und doch ist sie verdient. „Sie ist ein großartiges Zeichen für die Lyrik“, sagt Holger Pils, Geschäftsführer der Stiftung Lyrik Kabinett in München. Elke Erb zeige in ihrem Werk, wie man poetisch über Gedichte sprechen könne und das weit über die eigene Lyrik hinaus. „In ihren Gedichten und ebenso in ihrer Biographie wird deutlich, wie es gelingen kann, sprachreflektiert zu arbeiten und dabei auch die politische Welt nicht aus dem Blick zu verlieren.“ Im Schreiben behaupte Elke Erb einen großen Gestus von Freiheit.

    Wichtiger Bezug für Dichterinnen der Gegenwart

    Auch in der Gegenwart beziehen sich wichtige jüngere Lyrikerinnen und Lyriker auf Elke Erb und ihr Werk, darunter Nora Bossong, Monika Rinck oder Steffen Popp. Erbs besondere Position in der deutschsprachigen Literatur – ihre Eigenständigkeit und ihre beharrliche Auseinandersetzung mit der Sprache und ihrer Geschichte – eröffnen einen großen Raum, vielleicht sogar einmal eine eigene Tradition. Die Dichterin mag zurückgezogen leben und sich nur selten neben ihren Veröffentlichungen zu Wort melden. Ein Teil ihres Werkes, darunter die Auswahl „Sonnenklar“ ist öffentlich zugänglich, ein Verdienst unabhängiger und engagierter Verleger wie Urs Engeler. Der diesjährige Georg-Büchner-Preis – so ist zu hoffen – fördert eine neue und weitere Auseinandersetzung. Der Suhrkamp-Verlag hat bereits angekündigt, im Oktober eine Auswahl mit Gedichten Elke Erbs zu veröffentlichen.

    Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis am 31. Oktober in Darmstadt. Interviews möchte sie nicht geben, erklärte die frisch gekürte Preisträgerin gegenüber der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Akademie-Präsident Ernst Osterkamp sagte, sie habe die Entscheidung mit dem Charme derjenigen aufgenommen, „die die Entscheidung nicht falsch finden können“. Elke Erb ist, in den nun fast 70 Jahren, in denen die Auszeichnung vergeben wird, erst die elfte Preisträgerin. Im vergangenen Jahr wurde der Schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Essayist Lukas Bärfuss mit dem wichtigsten Literaturpreis in Deutschland geehrt, im Jahr zuvor die Schriftstellerin und Übersetzerin Terézia Mora.