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30 Jahre Lyrik Kabinett München: Ein Haus für die Poesie | BR24

© Bayern 2

Das Gedicht hat in München einen festen Ort: das Lyrik Kabinett in der Amalienstraße im Univiertel. Aus einer Buchhandlung ist über die Jahre hinweg eine wichtige Institution geworden, die nicht nur in Bayern bekannt ist.

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30 Jahre Lyrik Kabinett München: Ein Haus für die Poesie

Das Gedicht hat in München einen festen Ort: das Lyrik Kabinett in der Amalienstraße im Univiertel. Aus einer Buchhandlung ist über die Jahre hinweg eine wichtige Institution geworden, die nicht nur in Bayern bekannt ist.

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Rund 1300 Veranstaltungen fanden seit 1989 im Lyrik-Kabinett statt, in der gleichnamigen Buchhandlung in der Maximilianstraße und – seit 2005 – in der Amalienstraße: Lesungen, Themenabende, etwa zu Ehren Georg Trakls, Reden zur Poesie. Mit dem Lyrik Kabinett hat das Gedicht, ein immer wieder kleines, fast zerbrechlich wirkendes Kunstwerk, ein eigenes Haus.

"Gedichte hätten sonst eben diesen eigenen Raum nicht", sagt Holger Pils, seit 2014 Geschäftsführer der Stiftung Lyrik Kabinett, in der Nachfolge von Maria Gazzetti. "Man findet sie im Buchmarkt eher am Rande. Da ist das wirklich ein sehr kleines Segment. Und gerade deswegen braucht die Lyrik ein Haus, um ihr ein bisschen Sichtbarkeit zu geben. Und auch, um zu zeigen, den Lyrikern auf der einen Seite, dem Publikum auf der anderen Seite, dass das ein Ort ist, wo man sich begegnen kann."

Verdichtete Augenblicke und Dichterblicke

Zu den Menschen, die dem Lyrik Kabinett von Anfang an verbunden sind, gehört die renommierte Fotografin Isolde Ohlbaum. Über das Gedicht sagt sie, das sei die vielleicht schönste Form der Literatur. "Man kann mit ein paar wenigen Zeilen eine Geschichte erfahren, Gedanken, neue Bilder vielleicht auch vermittelt bekommen, neue Erkenntnisse."

Einige der Porträts von Isolde Ohlbaum, zumeist Schwarz-Weiß-Aufnahmen, hängen in den Räumen in der Amalienstraße: Dichterblicke und zugleich verdichtete Augenblicke (das könnte die Bilder mit den Gedichten verbinden). Hier Wolfdietrich Schnurre, der Kopf ruht auf den Armen, ein Augenzwinkern – er war der erste, der im Lyrik Kabinett zu Gast gewesen ist, im April 1989. Dort Les Murray, mächtig, neben einem mächtigen Baumstamm. Oder Lars Gustafsson, der Körper ganz leicht gebeugt, in der Hand eine Zigarette, eine schwere Tür im Hintergrund und Kopfsteinpflaster, eine spannende geometrische Struktur.

"Das Foto ist in München entstanden", erzählt die Fotografin, "am Marstall. Lars Gustafsson habe ich schon Ende der 70er-Jahre fotografiert, im Herzogpark, beim Hanser-Verlag. Gustafsson ist einfach ein Philosoph, muss ich sagen. Und ein Naturwissenschaftler. Man hat immer das Gefühl, er seziert etwas, er analysiert und sucht nach einem Sinn. Diese Gedichte, die kann man gar nicht auswendig lernen, habe ich festgestellt. Die muss man einfach lesen. Gustafsson hat zum Beispiel gesagt – und das passt wunderbar – 'Dezember war immer ein Monat, in dem man aufhörte zu sein'."

© S. Rumpf

Holger Pils, Geschäftsführer der Stiftung Lyrik Kabinett

Aus Begeisterung für das Gedicht

Seine Existenz verdankt das Haus der Gedichte Ursula Haeusgen. Sie hat 1989 die Buchhandlung Lyrik Kabinett eröffnet. Und sie hat die Gründung der Stiftung vierzehn Jahre später initiiert und ihr gesamtes Vermögen darin eingebracht. Aus dem Tagesgeschäft hat sich Haeusgen mittlerweile zurückgezogen. Sie ist Vorsitzende des Stiftungsrates und kommt immer wieder zu Veranstaltungen im Haus. Und sie bestellt Bücher für die Bibliothek. Diese hat nach eigenen Angaben einen Bestand von 63.000 Medien. All das wäre undenkbar ohne die Begeisterung einer Frau für das Gedicht.

"Es war Neugier", sagt Holger Pils, der heutige Geschäftsführer der Stiftung. "Das ist bei der Lyrik auch etwas Wichtiges. Man glaubt einiges zu kennen, aber man wird jeden Tag etwas Neues kennenlernen und entdecken können. Das war ihr immer wichtig und ist ihr immer wichtig. Und natürlich auch, diese Begeisterung weiterzugeben. Und einfach eine Möglichkeit der Begegnung mit Gedichten zu schaffen, die ihr selber viel bedeutet, diese Begegnung. Diese auch anderen Leuten zu eröffnen."

Das Gedicht braucht solche Menschen. Es braucht eine Lobby. Und natürlich, es braucht Vermittlung. Es reicht nicht, auf die Gäste zu setzen, die zu einer der etwa 45 Veranstaltungen im Jahr kommen. Die Mitarbeiter des Lyrik Kabinetts werben mit eigenen Schwerpunkten etwa auch bei jungen Menschen für die Poesie. Es gibt Workshop-Angebote für Schulen, darunter ein Programm mit dem Titel "Lust auf Lyrik" – und Reihen wie "Poetry in Motion" für die Slam-Szene.

Der Blick in die Welt

Von Anfang an ging es im Lyrik Kabinett nie allein um die deutschsprachige Poesie. Es ging und geht immer auch um den Blick in die Welt, auf andere Literaturen. Zu den ersten Gästen im Jahr 1989 gehörte Adam Zagajewski aus Polen. Und auch Aleš Šteger aus Slowenien hat wiederholt hier gelesen. In diesem Jahr erschien eine Auswahl seiner Gedichte in der Edition, die das Haus zusammen mit dem Hanser-Verlag herausgibt: bislang 45 Bände. Das ist nur eine von mehreren Buchreihen, die auch in der Amalienstraße entstehen.

Man fragt sich gelegentlich, ob eine Stadt wie München eigentlich weiß, welchen Ort sie mit dem Lyrik Kabinett hat. "Das wissen noch viel zu Wenige, was sie für ein Schmuckkästchen hier in der Stadt haben, mitten in Schwabing", sagt die Fotografin Isolde Ohlbaum. "Ich wünsche diesem Lyrik Kabinett wirklich, dass der Kreis der Nutzer größer und größer wird. Lyrik ist etwas, das sich sehr schnell vermittelt, in wenigen Sätzen."

Eine schwierige Diskussion zum Jubiläum

"treten sie ein / legen sie ihre traurigkeit ab / hier dürfen sie schweigen": Diese Verse aus Reiner Kunzes Gedicht "Einladung zu einer Tasse Jasmintee" wären auch ein schönes Motto für das Lyrik Kabinett. Hier darf man schweigen und zuhören. Unmittelbar vor einer Festveranstaltung zum 30. Geburtstag in der kommenden Woche ist freilich auch eine nicht einfache Diskussion entfacht worden. Anlass waren zwei Gedichte von Michael Krüger, der für das Lyrik Kabinett eine zentrale Rolle spielt und der Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung ist.

Krüger hat die Verse Siegfried Mauser gewidmet, dem ehemaligen Rektor der Münchner Musikhochschule, der wegen sexueller Nötigung rechtskräftig verurteilt wurde. Die Gedichte haben nichts mit der Arbeit des Lyrik Kabinettes zu tun und wurden bei Facebook veröffentlicht. Die Autorin Birgit Müller-Wieland protestierte in einem offenen Brief dagegen und kündigte an, nicht zur Festlesung zu kommen, bei der wiederum Michael Krüger Ursula Haeusgen würdigen wird.

Holger Pils, Geschäftsführer der Stiftung Lyrik Kabinett sagt, man bedauere die Absage sehr. Man habe daraufhin ein gutes persönliches Gespräch mit Birgit Müller-Wieland geführt. Den von ihr darin angesprochenen Themen sollen sich nun die Gremien der Stiftung Lyrik Kabinett widmen. Die Diskussion ist wichtig. Und doch trifft sie mit dem Lyrik Kabinett nicht den richtigen Adressaten. Es geht um eine Institution, die in nun drei Jahrzehnten für das Gedicht so viel getan hat, für dieses kleine Wunder aus Worten. Und die uns ebenso zeigen kann, warum auch wir Gedichte brauchen.

Zum 30-jährigen Jubiläum des Lyrik Kabinetts ist im Hanser Verlag eine große Gedicht-Anthologie erschienen, herausgegeben von Michael Krüger und Holger Pils: "Im Grunde wäre ich lieber ein Gedicht: Drei Jahrzehnte Poesie".

Die nächsten Veranstaltungen im Lyrik Kabinett: "Poetry in Motion" am 9. Dezember und "Das lyrische Quartett" am 11. Dezember, zu Gast ist dabei Christian Metz.

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