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So erzählt Lutz Seiler in "Stern 111" vom Berlin der Wendezeit | BR24

© dpa - Bildarchiv

Für kurze Zeit schien alles möglich: Es war ein anarchischer Winter 1989/90 in Ost-Berlin. Lutz Seiler führt in "Stern 111" in die Szene besetzter Häuser und Kellerkneipen. Ein dichter Nachwende-Roman, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

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So erzählt Lutz Seiler in "Stern 111" vom Berlin der Wendezeit

Für kurze Zeit schien alles möglich: Es war ein anarchischer Winter 1989/90 in Ost-Berlin. Lutz Seiler führt in "Stern 111" in die Szene besetzter Häuser und Kellerkneipen. Ein dichter Nachwende-Roman, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

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"Stern 111" lautet der außerirdisch anmutende Name eines beliebten Kofferradios aus der DDR. In seiner Lyrik und Prosa huldigt Lutz Seiler seit jeher analogen technischen Geräten, so etwa im Roman "Kruso" dem "Viola" getauften Küchenradio. Es begleitet das Aussteigerleben im Ferienheim "Klausner" am Hochufer der Insel Hiddensee.

Das "Elternrätsel" und der Mauerfall

Seilers neues Buch erweist dem Radio "Stern 111" bereits im Titel Reverenz. Eigentlich war die Reihenfolge anders geplant, wie er erklärt. Er habe 2010 schon einmal versucht, den Roman zu schreiben – und sei gescheitert: "Und dann hat der gescheiterte Roman 'Kruso' ausgespuckt. Das sollte eigentlich so ein kleines Rückblick-Kapitel werden, aus dem dann der 'Kruso'-Roman entstanden ist." Später habe er die Sache noch einmal ernsthaft in Angriff genommen. Daraus ist nun "Stern 111" entstanden.

In den 1960er-Jahren führten die Rockabilly-Fans Inge und Walter Bischoff einen "Stern 111" bei Ausflügen rund um Gera mit sich, im Kinderwagen ihres Sohnes Carl. Auf der ersten Auslandsreise ihres Lebens, in den chaotischen Novembertagen nach dem Mauerfall 1989, wird das alte Kofferradio zum Leitstern für Inge und Walter. Zeitlebens hat das Einzelkind Carl seine Eltern als Inbegriff von Bienenfleiß und Zuverlässigkeit erlebt. Durch ihren scheinbar unmotivierten Weggang in Wanderkleidung nach Westen verdunkeln sie sich für ihn zum sogenannten "Elternrätsel": Sie lassen den 26-Jährigen ohne Erklärung zurück.

Wie sein Ich-Erzähler Carl wurde Lutz Seiler 1963 in Gera geboren und hat im Rahmen einer Berufsausbildung mit Abitur eine Maurerlehre absolviert. Musste der Autor selbst erst das Alter von Inge und Walter im Herbst '89 erreichen, um über dieses "Elternrätsel" schreiben zu können? "Auf alle Fälle musste ich offensichtlich älter werden, um mir das Unerhörte an diesem Aufbruch in dieser Ausführlichkeit vorstellen zu können", sagt Lutz Seiler. "Wenn man selbst an die 50 heranrückt und merkt, welche Müdigkeit in einen einzuziehen beginnt – und dann die Vorstellung, mit über 50 noch mal so vollkommen neu anzufangen und aufzubrechen, das schien mir doch absolut unerhört und für mich selber eigentlich unvorstellbar. Und das hat für mich auch die Ereignisdimension des Ganzen nochmal vergrößert."

© picture alliance / dpa

Autor Lutz Seiler

Romantik, Expressionismus und Abenteuerfilme als Vorbild

Zwei große Bewegungen, zum einen in die Ferne, zum anderen in die Tiefe, bestimmen den Roman. Während die Eltern in die Ferne, westwärts, schweifen und ihn in Gera wähnen, gräbt sich Carl im anarchischen Winter 1989/90 in die Erdschichten der Ost-Berliner Historie ein. Angereist ist er mit Papas wohlgehütetem Auto, einem orange-weißen Shiguli. Im damals verfallenden Bezirk Prenzlauer Berg will sich Carl nach romantischem Vorbild eine Dichterhöhle einrichten. Und er trifft seine Jugendliebe Effi wieder.

Für den Roman wirkte unter anderem Charlie Chaplins im verschneiten Alaska spielender Film "Goldrausch" inspirierend, so Lutz Seiler. Auch andere Einflüsse nennt er: Wie Carl sich nach einer Art Territorium, nach einem poetischen Dasein sehnt, ist für ihn vergleichbar mit Novalis' "Heinrich von Ofterdingen", auch in der Sprache seines Romans sei die Romantik spürbar, aber, so beschreibt Seiler es selbst, "eben auch ein bisschen Expressionismus und die Abenteuerfilme über die Goldgräber Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts." Als Carl in Berlin ankommt, liegt er da im Shiguli, und erinnert sich an ein Bild, in dem man einen Zug von Goldgräbern im Schnee über einen Berg ziehen sieht – und entdeckt dort seine Eltern, erzählt Lutz Seiler: "Das alles trägt dazu bei, dass ich eigentlich denke, dass ich eine Abenteuergeschichte erzählt habe."

Asyl in der Kellerkneipe

Carl findet Aufnahme bei einem Ost-Berliner Untergrund-Kollektiv, genannt "das kluge Rudel". Tatkräftig hilft er bei der Einrichtung des Kellerlokals "Assel" in der Oranienburger Straße mit. "Stern 111" liest sich in vielem wie eine Festland-Version des Inselromans "Kruso", inklusive der erotischen Initiation des jugendlichen Helden in die jeweilige Geheimgesellschaft: auf Hiddensee in die Belegschaft des Betriebsferienheims "Klausner", nun in das Asyl der "Assel", zu dem auch eine weiße Ziege mit magischen Kräften gehört.

Seiler geht es auch darum, mit der Geschichte der "Assel" die verschiedenen Phasen der Nach-Wendezeit abzubilden, die schnellen und tiefgreifenden Veränderungen in dieser Zeit: "Das alles sollte miterzählt werden, und dadurch ist es ein größerer Roman geworden", so der Autor. Er glaubt daran, dass so eine Untergrundkneipe ein bestimmtes Milieu mit bestimmten Personen anzieht – und vermutlich sei so etwas herausgekommen, was dem "Klausner" vergleichbar sei. "Aber abgesehen davon, sind das einfach die beiden Kneipen, in denen ich in meinem Leben gearbeitet habe, also der 'Klausner' und die 'Assel'. Es gibt noch eine dritte, die 'Krähe', aber da war ich so kurz, dass auch nicht die Gefahr besteht, dass das jetzt eine Kneipen-Trilogie wird."

Atmosphärische Dichte, geerdete Höhenflüge

"Stern 111" schildert ausführlich die Ost-Berliner Hausbesetzerszene und ihr Lebensgefühl in den Monaten zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Inge und Walter sind da längst in Kalifornien. Dieser unverhoffte Nachwende-Roman aus dem teilweise verfallenen, längst noch nicht gentrifizierten Berlin überzeugt durch seine einmalige atmosphärische Dichte, durch sanfte Ironie und die Hinwendung zur Materie. Wenn beim Verputzen der Mauer die panisch davonkriechenden Asseln für Carl lesbar werden wie eine Schrift, wie es heißt, dann wird erkennbar, was Lutz Seilers romantische bis fantastische Höhenflüge stets so meisterlich kontrastiert und erdet.

"Stern 111" von Lutz Seiler ist im Suhrkamp Verlag erschienen. Das Buch ist unter den fünf Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse 2020 in der Kategorie Belletristik.

© Suhrkamp

"Stern 111" von Lutz Seiler

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