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"Ich musste mir meine Biografie selber zusammenschustern" | BR24

© dpa/picture-alliance

Lukas Bärfuss erhält am 2. November 2019 den Georg Büchner-Preis

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"Ich musste mir meine Biografie selber zusammenschustern"

Er schreibt Theaterstücke, Prosa und Essays, und sein Themenspektrum reicht vom Völkermord in Ruanda bis zum Freitod des Bruders. Ein Gespräch mit dem Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss, der jetzt den Georg-Büchner-Preis bekommen hat.

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Die Nachricht überraschte: Der Georg-Büchner-Preis geht dieses Jahr an einen Theaterautor und – 25 Jahre nach Adolf Muschg – an einen Schweizer Schriftsteller. Am 26. Oktober erhielt Lukas Bärfuss aus Zürich in Darmstadt den wichtigsten Preis für deutschsprachige Literatur und veröffentlicht auch gleich neue Erzählungen: "Malinois“ heißt der Band, wie eine Rasse belgischer Schäferhunde. Cornelia Zetzsche hat mit dem Büchner-Preisträger 2019 gesprochen.

Cornelia Zetzsche: Waren Sie überrascht oder dachten Sie, höchste Zeit, dass ein erfolgreicher Dramatiker und dass ein Schweizer gewinnt?

Lukas Bärfuss (lacht): Ich war sehr sehr überrascht. Dass dieser Anruf kam, das war wirklich hollywoodreif, es hat mich vollkommen umgehauen.

Die Büchner-Preis-Jury lobte Ihre "distinkte und dennoch rätselhafte Bildersprache" und nannte sie "karg, klar, trennscharf". Darin durchdringen sich "nervöses politisches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit", hieß es mit Verweis auf Ihre Stilsicherheit und Ihren Variationsreichtum. Das sind sehr große Worte. Sehen Sie sich erkannt?

Was mich besonders gefreut hat, ist dieser Hinweis darauf, dass es bei mir mehr gibt als das gesellschaftspolitisch Relevante. Für mich stand das nie im Zentrum. Es ist schon die Auseinandersetzung mit der Sprache – und mit der menschlichen Natur natürlich. Die Gesellschaft, die ich zurzeit vorfinde, ist wichtig, gar keine Frage, aber sie kann nicht der alleinige Grund sein für meine Literatur. Denn meine Literatur wendet sich ja auch an die Nachgeborenen, die Generationen, die noch kommen werden, und da muss es etwas geben, das über die augenblicklichen Befindlichkeiten hinausweist.

Das klingt nicht unbedingt nach Demut!

(Lacht): Diese Mischung aus Demut und Hybris, das ist schon etwas, womit man umzugehen hat. Die Demut vor dem weißen Blatt Papier auf der einen Seite und die Hybris im Anspruch, dass man natürlich immer wieder versucht, etwas zu schaffen, das man noch nicht gemacht hat, die großen Räder zu drehen.

Als Prosa-Autor debütierten Sie 2002 mit der Novelle "Die toten Männer", kritisierten im Roman "Hundert Tage" die Schweizer, man kann auch sagen, die westliche Entwicklungspolitik; schrieben in "Koala" über den Selbstmord ihres Bruders und bekamen für diesen Roman den Schweizer Buchpreis. In "Hagar", einem Stalker-Roman, fällt ein Mann aus seinem bisherigen Leben. Besonders erfolgreich und produktiv sind Sie aber auch als Dramatiker. In welcher Beziehung sehen Sie Prosa und Theater?

Grundsätzlich ist es bei mir, glaub ich, dieselbe Energie oder dieselbe Leidenschaft, derselbe Impetus, in der praktischen Umsetzung ist es natürlich ganz verschieden. Auf den einfachsten Nenner gebracht: Im Theater kann man nicht blättern, wenn man ein Buch vor sich hat, dann kann jeder Leser und jede Leserin das Lesetempo selbst bestimmen. Ein Buch ist zuerst einmal eine räumliche Erscheinung, und die Umsetzung in die Imagination, von diesem abstrakten Zeichensystem in einen konkreten Bewusstseinsinhalt, ist eigentlich das Interessanteste. Das ist im Theater ganz anders. Theater ist keine Fiktion. Die Dinge, die passieren, geschehen tatsächlich, die Zeit geht vorbei. Es gibt den Raum, und das führt natürlich zu einer ganz anderen Aufgabenstellung für den Dramatiker. Man muss ehrlicherweise auch sagen, dass es im Theater nicht um die Texte geht. Ich glaube, es ist schwierig, wenn man mit seinem Ehrgeiz als Dramatiker ins Theater kommt und merkt, es geht eigentlich gar nicht so sehr um einen selbst, sondern um etwas Größeres. Es ist eine Lebensweise, das Theatermachen. Ich könnte mir mein Leben nicht ohne Theater vorstellen.

In Ihren Stücken, in Ihren Essays hat man immer das Gefühl, das gesellschaftspolitische Gegenüber ist sehr präsent, der Leser, das Publikum, die Öffentlichkeit. Ist das richtig?

Ja, das kann sein, allerdings ist das nicht unbedingt mein Anspruch. Ich glaube, das kommt einfach aus einer sehr persönlichen Erfahrung, dass ich nämlich in jedem Augenblick mitten in dieser Gesellschaft bin, und alles, was ich tue, gesellschaftlich gespiegelt wird, und sich die Gesellschaft auch in meinem Verhalten spiegelt. Ich finde das ein unglaublich reiches Feld. Meine ganzen Affekte haben etwas zu tun mit der Zeit, in der ich lebe, und der Untersuchungsgegenstand, der immer vorhanden ist, 24 Stunden am Tag, bin natürlich ich. Weil ich aber gleichzeitig finde, dass ich alleine nicht so interessant bin, versuche ich, das dann zu übersetzen in eine gesellschaftliche Erfahrung.

Wenn wir beim Autobiografischen sind: Welche Rolle spielt es, dass Sie auf Umwegen Autor geworden sind? Dass es Stationen wie Tabakbauer im Jura, Gabelstaplerfahrer, Gärtner und dergleichen gab, auch eine Buchhändlerlehre, bis Sie Schriftsteller wurden?

Ich habe keine Lehre gemacht, ich habe nur das Diplom nachgeholt, also auch dort bin ich eigentlich ohne Ausbildung geblieben. Das spielt natürlich eine entscheidende Rolle, das ist mein Leben, das sind meine Erfahrungen. Ich musste mir die Dinge, die mir wichtig sind, selber beibringen und habe natürlich auch in Lebenswelten hineingesehen, die schon ziemlich besonders sind. Ich musste mir meine Biografie selber zusammenschustern. Und das ist ein großer Reichtum. Damals war es auch immer wieder gefährlich, ich hab lange auf der Straße gelebt, ab 15, 16, und hab mich selber durchbringen müssen. Dass ich das jetzt, im Gegensatz zu vielen meiner Freunde, nicht nur überlebt, sondern sogar unbeschadet überlebt habe, gibt mir natürlich einen reichen Erfahrungsschatz und einen Blick in die Gesellschaft, der gerade in der Schweiz total ungewöhnlich ist. Ich war nicht privilegiert in einer sehr privilegierten Gesellschaft, und das ist eine einigermaßen besondere Position.

Die Büchner-Preis-Jury hat, sehr zu Recht, Ihre große Themenvielfalt hervorgehoben, Ihre gesellschaftlichen Analysen von Entwicklungspolitik bis Öl und Sterbehilfe. Worum geht es Ihnen letztlich? Was ist da das verbindende Element?

Da denke ich jetzt an Büchner, an Dantons Frage, was es ist, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet; die Frage nach der Gewalt, nach der Faszination der Gewalt, auch nach dem Schöpferischen der Gewalt. Und die Frage, ob wir irgendwann aus diesen Kreisläufen herauskommen, aus dieser ewigen Wiederholung der Gewalt. Die Frage, die Danton stellt, ist, glaub‘ ich, nicht ganz korrekt, er fragt ja, was es ist, das in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet. Und ich glaube es ist nicht in uns, es ist zwischen uns, irgendetwas, das zwischen Menschen geschieht. Und die Untersuchung dieses Dazwischen, das hat nicht aufgehört, meine Faszination in Gang zu setzen.

Na ja, das "in uns" zielt auf unser Menschenbild, wie viel Böses ist in uns? Die Frage ist schon sehr berechtigt angesichts unserer Welt heute.

Ja, aber die Vorstellung, dass es in uns ist, das ist mir zu metaphysisch. Ich glaube nicht, dass in uns irgendetwas hockt, das böse ist. Ich glaube, das Böse entsteht tatsächlich außerhalb von uns selbst, in der Auseinandersetzung mit der Welt und mit den anderen Menschen. Der Mensch in der totalen Isolation hat das Böse nicht in sich.

Sie legen den Finger in Wunden, haben keine Furcht vor der Verbindung von Literatur und Politik, wie würden Sie diese Beziehung ihres Schreibens mit Politik sehen?

Ich wüsste nicht, wo da die Grenze zu ziehen wäre. Das habe ich habe ich nie begriffen. Literatur ist ein Teil der Öffentlichkeit, und die Öffentlichkeit ist dort, wo die Politik geschieht, und das definiert unser Selbstbild, unsere Identität und das, was wir über uns denken, unsere Geschichte. Gerade als Schweizer ist das ja augenfällig, der nationale Mythos wurde in Mannheim uraufgeführt, mit Schillers "Wilhelm Tell". Da hat die Literatur Politik gemacht und umgekehrt. Wenn man versucht, das voneinander zu trennen, dann macht man beides schwächer und marginalisiert sich selbst. Und dieses belletristische Ghetto finde ich ganz grässlich, das ist eigentlich eine bürgerliche Verirrung. Es geht natürlich nicht darum, dass man parteipolitische Traktate schreibt, überhaupt nicht, aber man müsste versuchen, die Lebenserfahrungen in aller Breite darzustellen und mit der Literatur etwas zu bewegen. Darunter mache ich es nicht, ich wüsste sonst nicht, wozu Literatur überhaupt eine Bedeutung haben könnte.

Jede Literatur sollte zuerst vom gelebten Leben erzählen, wie Ihre neuen Erzählungen. Der Titel des Bandes irritiert: "Malinois"?!

Der "Malinois" ist eine Art belgischer Schäferhund, eine sehr erstaunliche Hunderasse, weil sie sehr oft eingesetzt wird in Polizeiverbänden und bei der Armee, und weil dieses Wort in einem starken Kontrast dazu steht, es ist ein sehr weiches und schönes Wort.

Der Erzählband bündelt Geschichten in denen es um Liebe und Begehren geht, um Sehnsüchte und Leidenschaften, bis hin zur lebenslangen nicht gelebten Liebe, immer wieder scheitern Paare. Haben Sie beim Schreiben Antworten gefunden, warum?

Nein. Ich bin zufällig auf einen Text von Susan Sontag gestoßen, den sie eigentlich über Cesare Pavese geschrieben hat, und darin sagt sie etwas Erstaunliches, was mich sehr getroffen hat. Dass nämlich Cesare Pavese, wie Stendhal vor ihm, herausgefunden hat, dass Liebe eigentlich eine Fiktion sei. Das ist ein Gedanke, der mich doch sehr beunruhigt. Es ist auch etwas Seltsames, dass wir im Deutschen nur ein Wort für Liebe haben. Es gab mal das Wissen, dass es viele Wörter gibt, dass es Agape gibt und Eros, die Liebe unter Freunden ist etwas anderes als die erotische Liebe und etwas anderes als die spirituelle Liebe. Dass wir im Deutschen nur noch diesen einen Begriff dafür haben das macht mich irgendwie misstrauisch. Ich habe noch nicht herausgefunden, was das denn sei, die Liebe, aber ich habe es schon empfunden!

Am 2. November nehmen Sie, Lukas Bärfuss, den Büchner-Preis in Darmstadt in Empfang. Georg Büchner, der radikale politische Dichter, hat für Sie vermutlich eine große Bedeutung?

Ja, Büchner hat mein Leben verändert. Es ist noch heute so: Das grundsätzliche Leseerlebnis bei Büchner ist diese Unmittelbarkeit, dass einen diese Texte anspringen und man das Gefühl hat, da sitzt jemand in diesem Buch und sagt einem diese Dinge unmittelbar. Wenn ich irgendwo feststecke in einem Text, oder wenn ich wieder eine Vergeblichkeits-Attacke habe, und wenn ich denke, das ist doch alles vollkommen unnötig, dann gehe ich zu Büchner, geh ich zu "Lenz" oder "Woyzeck" oder zu den "Schädelnerven'" und dann weiß ich wieder, warum es sich lohnt zu schreiben.

Lukas Bärfuss' Erzählband "Malinois“ ist im Wallstein Verlag erschienen.

© Bayern 2

Ein Mann stürzt vom Fahrrad, und auf einmal ist nichts wie vorher. "Der Keller" ist eine von dreizehn neuen Erzählungen im Band "Malinois" von Lukas Bärfuss.

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