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Luisenburg-Festspiele: Wunsiedel und der Zuckerschmuggel | BR24

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Im 19. Jahrhundert war Zucker ein kostbares Gut. Ein Hamburger Handelshaus organisierte in Wunsiedel einen lukrativen Schmuggel. Verbunden mit einer Liebesgeschichte bester Musical-Stoff, so Birgit Simmler, Intendantin der Luisenburg-Festspiele.

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Luisenburg-Festspiele: Wunsiedel und der Zuckerschmuggel

Im 19. Jahrhundert war Zucker ein kostbares Gut. Ein Hamburger Handelshaus organisierte in Wunsiedel einen lukrativen Schmuggel. Verbunden mit einer Liebesgeschichte bester Musical-Stoff, findet Birgit Simmler, Intendantin der Luisenburg-Festspiele.

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Er ist überall drin, macht dick und abhängig, und die Verführung beginnt bereits mit Knabberangeboten im Säuglinge: Zucker ist eine der Geißeln der modernen Nahrungsmittelindustrie. Dabei ist es wie überall, wo der Stoff zur Droge wird: Die Dosis macht das Gift. Denn eigentlich ist Zucker doch eine Gabe der Götter. Um dieses Luxusgut soll es in dem Musical "Zucker" gehen, geschrieben von Birgit Simmler, der Intendantin der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel. Barbara Knopf hat mit ihr gesprochen.

Barbara Knopf: Frau Simmler, was ist das für ein Stoff – im doppelten Sinn –, den Sie sich zum Thema Ihres Musicals auserkoren haben?

Birgit Simmler: Das ist ein ganz großartiger Abenteuer- und durchaus auch Liebesgeschichten-Stoff, wo es um Verrat geht, um Schmuggel und um große Gefühle. Er spielt Anfang des 19. Jahrhunderts, als der Zucker noch importiert wurde von den Karibischen Inseln und eines der teuersten Luxusgüter war. Das heißt, wir bewegen uns im Bereich des Wirtschaftskrimis.

Wunsiedel liegt ja nun mal nicht auf einer Zuckerrohrinsel wie Kuba. Wie kommt Wunsiedel zu Beginn des 19. Jahrhunderts an diesen Zucker und welche Rolle spielt er dann in dieser Stadt?

Napoleon wollte zu der Zeit alle Wirtschaft in Frankreich vereinigen, hatte Europa überrannt und hat den Handel mit England aufgekündigt, sodass die Handelshäuser in Hamburg nicht überleben konnten, insbesondere solche, die auf Kolonialwaren spezialisiert waren. Es gab eine private Verbindung eines Hamburger Händlers nach Wunsiedel, wohin der Zucker dann geschmuggelt wurde. Dort siedete man ihn und verkaufte ihn weiter, zum Beispiel nach Österreich.

Das ist tatsächlich historisch verbrieft?

Ja, der Name ist Florentin Schmidt. Er war Mitleiter des Handelshauses Merck in Hamburg und ist aus ungeklärten Gründen 1809 zurückgegangen nach Wunsiedel, als das Embargo am stärksten war. Dort gibt es auch diese Zuckersiederei. Ich gehe davon aus, dass die illegal gebaut worden ist zur damaligen Zeit, und dieser Zucker in Särgen über die Grenze geschmuggelt worden ist.

In Särgen?

In Särgen! Weil da nicht kontrolliert wurde. Kein Zöllner wollte da aufmachen und eine modrige Leiche drin sehen – bis man irgendwann darauf kam, dass so viel zu der Zeit wohl doch gar nicht gestorben werden konnte.

© Harald Dietz

Damen, die in Tassen rühren: "Zucker" bei den Luisenburg-Festspielen

Und um diese historischen Fakten herum haben Sie sich dann eine Geschichte ausgedacht?

Genau. Gut die Hälfte des Personals sind historische Personen. Aber da geht es jetzt nicht darum, dass es so gewesen ist, sondern dass es so gewesen sein könnte. Ich sage immer, dass ich romantische Räuberpistolen erzähle, die eine historische Erdung haben.

Wie frei haben Sie sich gefühlt, um diesen historischen Kern herum etwas zu erfinden?

Wenn ich anständig recherchiert habe, sehr frei. Ich nutze dann die Faktenlage als Hintergrund wie ein Panoramabild, in dem sich dann verschiedene Figuren bewegen. Recherche ist für mich erstmal Gespräch, mit Leuten sprechen, die sich mit der Historie von Ort und Region auskennen. Bestimmte Stoffe fixen mich an, dann gehe ich auf die Suche nach Quellen. Was war Zucker für ein Lebensmittel, wie lief das damals mit der Seeblockade gegen Hamburg, was war mit Napoleon los, wie sehen die alten historischen Karten aus? Die Zuckersiederei gibt es noch vor Ort, das ist inzwischen eine Kletterhalle, die heißt Zuckerhut – an diesen historischen Stätten bekommt man noch mal einen ganz sinnlichen Eindruck dessen, was da damals gelaufen sein könnte. Wir haben ein sehr reduziertes Bühnenbild mit Fässern, Bottichen, Siedestangen, wo das Sinnliche, Dampfende dieser Siederei dargestellt wird, historische Kostüme, 20 Leute Cast und eine achtköpfige Live-Band.

Mit der Verbindung von lokalen oder regionalen Themen an einem spezifischen Ort verfolgen Sie auch ein Konzept: Was versprechen Sie sich davon?

Theater ist im Gegensatz zu Film an ein Haus und eine Region gebunden. Ich persönlich finde es spannend, neue Stoffe zu entwickeln und denke, wenn ich schon an dem Ort bin, warum nicht Geschichten aus der Region machen? Spannende Geschichten findet man überall, und wenn die gut gemacht sind, ist das nachher egal, ob der Spielort Paris, Anatevka oder Wunsiedel lautet.

Wunsiedel hat es bisher noch nicht in die Weltliteratur geschafft … Sie sind seit letztem Jahr Intendantin der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel. Sie haben irgendwann in Ihrer Vita auch mal am Broadway gearbeitet. Nimmt man da Tricks mit für die Inszenierung eines Musicals auch in Wunsiedel?

Tatsächlich jede Menge. Der Broadway war für mich ein Erweckungserlebnis. Da geht's jetzt weniger um das Handwerkliche als vielmehr um die Frage, wie entwickle ich neue Stoffe. Ich denke, warum soll ich eine Geschichte aus dem amerikanischen Bürgerkrieg importieren, statt selbst etwas aus dem eigenen Raum zu entwickeln.

© BR

Das Musical "Zucker" ist eine Wunsiedler Eigenproduktion und soll eine fränkische Geschichte bei den Luisenburg-Festspielen erzählen. Das Stück handelt von einer Reise zwischen Hamburg und Wunsiedel.

Musical "Zucker", Idee und Buch Birgit Simmler, Musik Paul Graham Brown: Uraufführung 16. August bei den Luisenburg-Festspielen, weitere Aufführungen am 17. und 18. August.

Bayern 2 ist Medienpartner der Luisenburg-Festspiele.

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