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"Lost Exhibitions": Diese Ausstellungen wird kaum jemand sehen | BR24

© 2020 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc., Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York
Bildrechte: 2020 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc., Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York

Detail aus: Andy Warhol, Skull, 1976, Sammlung Froehlich, Stuttgart

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    "Lost Exhibitions": Diese Ausstellungen wird kaum jemand sehen

    Ausstellungen ohne Publikum? Für Künstler und Kuratoren ist das eine grauenvolle Vorstellung. Mit dem Lockdown aber findet Kunst tatsächlich hinter verschlossenen Türen statt. Denn nicht jede Schau kann einfach so verschoben oder verlängert werden.

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    Von
    • Julie Metzdorf

    Sie kennen Angela Davis nicht? Kein Wunder: Die Schwarze Bürgerrechtsaktivistin hätte zwar eine der prägenden Figuren des deutschen Kunstjahres 2020 werden können. Doch die Ausstellung "1 Million Rosen für Angela Davis" in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden wurde nie eröffnet – und wird es auch nicht mehr. Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, hat auch schon den passenden Namen für das bisher unbekannte Phänomen: "Lost Exhibitions" nennt sie all jene Ausstellungen, die zwar fertig aufgebaut, aber nie vor Ort von Publikum gesehen wurden.

    Kunst als Überlebensstrategie – auf Eis gelegt

    Völlig unbesehen – dabei thematisch aber gerade besonders wichtig – ist derzeit zum Beispiel die Schau "How to survive – Kunst als Überlebensstrategie" im Sprengel-Museum in Hannover. Bis 28. Februar sollte die Schau ursprünglich gehen, jetzt wurde sie bis 25. April verlängert. Doch das ist nicht immer so einfach: Eine Ausstellung mit Leihgaben aus Dutzenden verschiedenen Institutionen zu verlängern oder zu verschieben, sei "wie Tetris im 500. Level", sagte "Angela-Davis"-Kuratorin Kathleen Reinhardt kürzlich gegenüber der Kunstzeitung Monopol.

    Selbst wenn die Museen im März wirklich wieder öffnen sollten, mit wirklich vielen Besuchern ist für sie nicht mehr zu rechnen. Andy Warhol im Museum Ludwig in Köln (12.12. – 18.4.) oder auch Giorgio de Chirico in der Kunsthalle Hamburg (22.1. – 25.4.): Beide Ausstellungen hätten das Zeug zu echten Blockbustern gehabt. Mittlerweile können die Macher froh sein, wenn sie überhaupt noch ein paar Tage öffnen dürfen.

    © SKD/Laura Fiorio
    Bildrechte: SKD/Laura Fiorio

    Ausstellungen sind Orte der Bildung: Lese- und Medienraum der der Ausstellung "1 Million Rosen für Angela Davis" in Dresden.

    Pechvögel im bayerischen Lockdown Roulette

    In Bayern sieht die Sache ähnlich aus: Manche Ausstellungen konnten im Herbst noch eröffnen, waren dann aber nur kurz zu sehen, bis die Museen am 2. November deutschlandweit dichtmachen mussten. Darunter etwa Michael Armitage im Haus der Kunst in München. Der junge britisch-kenianische Maler Michael Armitage gilt als einer der spannendsten Künstler der Gegenwartsmalerei. Doch statt der angesetzten fünf Monate, war die Schau nur sieben Wochen lang zu sehen – und gehört damit noch zu den Glückspilzen im Lockdown-Roulette.

    Weniger gut erging es dem deutschen Impressionisten Karl Hagemeister im Museum Georg Schäfer (18.10.-21.2.) in Schweinfurt: Die Schau war genau zwei Wochen lang zu sehen. Noch kürzer, nämlich nur eine Woche, hatte die Schau zu Karl Hubbuch, einem Vertreter der Neuen Sachlichkeit im Kunstmuseum Bayreuth geöffnet (25.10. – 21.2.).

    © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte
    Bildrechte: Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

    Karl Hagemeister: Wiesenstück, 1906, Öl auf Leinwand, 71 x 111 cm,

    Schlafende Schönheiten

    Daneben gibt es die "schlafenden Ausstellungen": fertig aufgebaut, bisher aber nicht eröffnet, warten sie im Dornröschenschlaf darauf, dass Königin Angela und ihre Prinzengarde sie wachküssen.

    Die Chancen stehen mal besser mal schlechter: "MUC/Schmuck. Perspektiven auf eine Münchner Privatsammlung" im Münchner Stadtmuseum kann entspannen: Bis zum Laufzeitende 26. September wird es wohl noch ein paar Wochen ohne Lockdown geben. Auch das Lenbachhaus kann auf den Sommer bauen: Die Schau "Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter" ist bis 6. Juni angesetzt.

    Auch "German Pop" im Münchner Museum Brandhorst mit Arbeiten u.a. von Jörg Immendorf, Sigmar Polke und Gerhard Richter hat bis Ende Juni gute Chancen, die Türen noch öffnen zu können. "Kunst und Kapitalverbrechen", eine Schau über Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar im Bayerische Nationalmuseum ist bis 2. Mai angesetzt. Viel Zeit bleibt da nicht.

    © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
    Bildrechte: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957

    Wassily Kandinsky: Gabriele Münter beim Malen I, Sommer 1903

    Das gilt auch für die aktuelle Foto-Ausstellung "Resistant faces" in der Pinakothek der Moderne: die Schau, die sich Fragen zur künstlerischen Fotografie im digitalen Zeitalter widmet, ist nur bis 11. April angesetzt – das wird richtig eng. Zur kompletten "Lost Exhibition" wurde ausgerechnet die Ausstellung der Studienabgängerinnen und Studienabgänger der Akademie der Bildenden Künste München: Ihre Ausstellung zum Staatsexamen hatte nie ein Publikum.

    Grundsätzlich gilt natürlich: Je kürzer die Sonderausstellungen angesetzt waren, desto größer die Chance, schlafende Schönheiten zu produzieren. Die Galerie Handwerk in München kann mit ihrem engagierten Programm von sieben Ausstellungen pro Jahr Pechvögel aus allen Kategorien vorweisen: Die umfangreiche Retrospektive des Glaskünstlers Florian Lechner "Materialisiertes Licht" (15.10. - 14.11.) war nur zwei Wochen zu sehen, die Weihnachtsausstellung mit künstlerischem Spielzeug konnte gar nicht eröffnen und die für Januar geplante Keramik-Schau wurde gleich ganz abgesagt.

    © Florian Lechner
    Bildrechte: Florian Lechner

    Detail eines Glasobjekts von Florian Lechner

    Immerhin virtuell sichtbar

    Nicht anders ergeht es dem Bayerischen Kunstgewerbeverein. Die aktuell aufgebaute Ausstellung mit Arbeiten dreier japansicher Schmuckkünstlerinnen gehört mit ihrer Laufzeit vom 22.1. bis zum 27.2. zu den echten Lost Exhibitions und damit zu den Pechvögeln unter den Pechvögeln. Ganz so wörtlich hatten die Macherinnen den Titel ihrer Schau eigentlich nicht verstanden wissen wollen: "Invisible Thread – unsichtbarer Faden", heißt die Schau.

    © Mari Ishikawa
    Bildrechte: Mari Ishikawa

    Brosche "Rebirth" von Mari Ishikawa

    Immerhin: Alle Museen und Galerien haben durch die Pandemie einen echten Digitalisierungsschub erfahren. Viele Museen bieten neben den oft aufwändigen Ausstellungs-Katalogen nun auch umfangreiches Bild-, Video- und Textmaterial, mit dem man sich die Ausstellungen auch online erschließen kann. Auch überzeugten Online-Muffeln sei geraten, sich mal vor den Bildschirm zu setzen und das rege Angebot zu nutzen. Die Eindrücke sind zwar mit einem Vor-Ort-Besuch nicht zu vergleichen, aber alle oben genannten Ausstellung hätte ich mir nicht persönlich anschauen können – online ging es aber wohl!

    Probieren Sie es selbst, zum Beispiel

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