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Wie kann das deutsche Kino mutiger werden? | BR24

© Bayern 2

Nachwuchs-Filmemacherin Luzie Loose dreht einen Episodenfilm, Regisseur Edgar Reitz berät sie dabei. Im Interview erzählen sie von ihrer Zusammenarbeit und warum es junge Filmemacher in Deutschland oft schwer haben.

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Wie kann das deutsche Kino mutiger werden?

Nachwuchs-Filmemacherin Luzie Loose dreht einen Episodenfilm, Regisseur Edgar Reitz berät sie dabei. Im Interview erzählen sie von ihrer Zusammenarbeit und warum es junge Filmemacher in Deutschland oft schwer haben.

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Luzie Looses Spielfilm-Debüt "Schwimmen" wurde vergangenes Jahr im Herbst mit dem Goldpreis der Hofer Filmtage prämiert. Die Nachwuchs-Auszeichnung wird von der gemeinnützigen Friedrich-Baur-Stiftung finanziert und von der Münchner Akademie der Schönen Künste verliehen. Der Preis besteht aus einem Goldbarren im Wert von rund 35.000,- Euro sowie aus einer einjährigen Mentorenschaft durch ein Mitglied der Akademie. So kam Loose mit dem "Heimat"-Regisseur Edgar Reitz zusammen. Er ist Jahrgang 1932, sie 1989. Moritz Holfelder hat mit den beiden über ihre ungewöhnliche Zusammenarbeit gesprochen.

Edgar Reitz, Sie persönlich haben bei den Filmtagen in Hof das Debüt von Luzie Loose für den Goldpreis ausgewählt. Luzie Loose blickt in "Schwimmen" auf zwei 15-jährige Mädchen, die sich unaufhörlich selbst filmen. Aufgenommen ist das mit einem Mix aus Handy-Videos und den Bildern der Kamerafrau Anne Bolick. Was hat Sie so fasziniert an dem Film?

Edgar Reitz: Wir treten hier in eine Welt ein, die wir alle vor ein paar Jahren so nicht kannten, eben auch als Filmleute nicht. Wir haben das Filmen bisher als einen separaten künstlerischen Akt angesehen. Und jetzt sind wir in einer Welt, in der jeder filmt. Und fast alles, was gefilmt wird, taucht sofort im Internet auf. Im Grunde genommen leben wir jetzt in einer Welt, die mehr in den Bildern real ist als in einer Realität außerhalb der Bilder.

Luzie Loose: Ja, wir haben uns in "Schwimmen" als professionelles Team entsprechend auch zurückgenommen. Diese Handy-Videos haben gar nicht wir gedreht, sondern unsere beiden Hauptdarstellerinnen. Es ging darum, den Jugendlichen ein bisschen eine Bühne zu geben als Co-Filmemacher. Sie haben "Schwimmen" maßgeblich mitgestaltet, weil sie das im Zusammenhang dieser Geschichte einfach sehr, sehr viel besser können als wir. Sie sind ungefähr zehn Jahre jünger als ich und handhaben die Kamera noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise, als ich es machen würde, oder als unsere Kamerafrau.

Ende Januar fand das erste Werkstattgespräch von euch beiden statt, am Tag nach der Filmvorführung von "Schwimmen" in der Münchner Akademie. Luzie Loose, wie muss man sich ihre Zusammenarbeit mit Edgar Reitz vorstellen?

Luzie Loose: Ich und mein Team wollen zum Beispiel gerade einen Episodenfilm drehen – und plötzlich gucken dich alle Leute sehr kritisch an. Es gibt in Deutschland dieses Vorurteil, Episodenfilme funktionieren nicht im Kino. Statt sich nun aber zu freuen, dass da jemand etwas machen will, was es eben in den letzten Jahren nicht so oft gab, wird man schief angeschaut. Dabei finde ich es wünschenswert, dass wir als junge Filmemacher Sachen machen, die es nicht so häufig gibt. Stattdessen wird oft gefragt, was hat im Kino gute Zahlen gemacht? Und dann wird entschieden, das machen wir jetzt nochmal in Grün. Mit einem wie Edgar Reitz solche Dinge besprechen zu können, ist sehr hilfreich.

Edgar Reitz: Ich gab Luzie Loose in Hof den Preis, weil ich das Gefühl habe, diese Regisseurin soll unbedingt ihren zweiten Film so machen können, wie sie es für richtig hält. Ich versuche sie zu beraten, so gut ich das kann, sowohl inhaltlich dramaturgisch als auch, was die Produktion angeht. In den deutschen Filmhochschulen werden gerne Hürden erzeugt, mentale Hürden, wie etwa, dass man lernt, wenn du eine Idee hast, musst du zuerst eine Redaktion finden, die sich dafür begeistert. Dann musst du mit der zusammen einen Produzenten finden, dann müsst ihr Förder-Anträge stellen, dann müsst ihr nach Möglichkeit Absichtserklärungen von Schauspielern und Verleihfirmen für den Film auftreiben. Dieser ganze bürokratische Apparat wird sozusagen im Hirn beschworen – und der macht eine zarte Idee sofort kaputt. Da ist man schon fertig, bevor man überhaupt anfängt.

Luzie Loose: Ja, einfach jemanden hinter sich zu haben, der wirklich an den besonderen und mutigen und künstlerischen Film glaubt wie Edgar Reitz, das ist wahnsinnig wertvoll. Ich finde es genial.

© SWR

Crew von "Schwimmen": Kamerafrau Anne Bolick, Regisseurin Luzie Loose und die Schauspielerinnen Stephanie Amarell und Lisa Vicari

Vor genau einem Jahr wurde im Rahmen des Lichter Filmfestes in Frankfurt darüber gesprochen, wie die Zukunft der deutschen Branche ausschaut, ausschauen könnte. Auf Wunsch auch von Edgar Reitz, der vor 57 Jahren schon bei einer vergleichbaren Veranstaltung mit dabei war, beim Oberhausener Manifest. Damals zettelte er noch als Jungfilmer eine Revolution mit an. Jetzt hat er die "Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films" mitentwickelt.

Luzie Loose: Er ist wirklich sehr zukunftsorientiert, und hat überhaupt nicht diese Angst, die ja manche ältere Menschen entwickeln vor Innovationen oder vor dem Neuen. Er macht sich auch wahnsinnig viele Gedanken über diese ganzen Streaming-Anbieter, darüber, wie man die Leute zurück ins Kino holt. Ich kann wirklich sehr sehr viele Punkte dieses Frankfurter Papiers absolut unterstützen. Ich glaube aber auch, dass es wichtig wäre, wenn diese Wünsche nach Veränderung noch mehr aus unserer Generation kommen würden, dass wir das leidenschaftlicher mittragen und anstoßen. Im Rahmen der Frankfurter Positionen geht es viel darum, wie die Fördersysteme verändert werden können. Und da ist es natürlich wichtig, die Entscheider, die dort arbeiten, mit ins Boot zu holen. Um die zu erreichen, ist es schon wichtig, dass so eine Instanz wie Edgar Reitz sich auch dafür einsetzt.

Edgar Reitz: Im Moment justiert sich alles neu. Wir sehen zum Beispiel, dass ein Streaming-Portal wie Netflix auch Filmkunst produziert, und zwar in einer so großen Freiheit für die Filmemacher, wie es das Fernsehen nie hinbekommen hat. Da ist aufgrund der großen technologischen Entwicklungen wahnsinnig viel in Bewegung – und das sind die Kräfte, auf die wir achten müssen. Da geht es nicht um die Frage: Bin ich ein Alt-Oberhausener oder ein Jungfilmer? Da sind Veränderungen im Gange, die sind viel wirksamer und global entscheidender, als wir das so denken.

Luzie Loose: Ich entdecke auf jeden Fall die Parallele, dass wir uns beide mutigere deutsche Filme wünschen. Edgar Reitz sagt, ein großes Problem in Deutschland ist, dass wir so krass auf Problem- und Themen-Filme fixiert sind. Und das möchte er gern abschaffen, oder zumindest so ein bisschen aufbrechen. Das ist etwas, was ich auf jeden Fall absolut unterstütze.

© picture alliance/Harald Tittel/dpa

Filmemacher Edgar Reitz

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Von
  • Moritz Holfelder
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