BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: picture alliance / Zoonar | elxeneize

Die Bundestagswahl im Herbst entscheidet über die Politik der nächsten vier Jahre. Auch für Religionsgemeinschaften ist es wichtig, wie sich Politik entwickelt. Viele von ihnen haben Vertreter in der Hauptstadt, um Einfluss nehmen zu können.

21
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Lobbyisten für Gott: Wie Religionen Politik machen

Die Bundestagswahl im Herbst entscheidet über die Politik der nächsten vier Jahre. Auch für Religionsgemeinschaften ist es wichtig, wie sich Politik entwickelt. Viele von ihnen haben Vertreter in der Hauptstadt, um Einfluss nehmen zu können.

21
Per Mail sharen
Von
  • Hans-Joachim Vieweger
  • Martin Jarde

Berlin–Mitte, Gendarmenmarkt. Hier, gegenüber dem Französischen Doms, der zusammen mit dem Deutschen Dom und dem Schauspielhaus ein bedeutendes Ensemble im Zentrum der Stadt bildet, im Haus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat Prälat Martin Dutzmann sein Büro. Er vertritt die EKD bei den Organen der Bundesrepublik und der Europäischen Union.

Kirche nahe den politischen Entscheidungszentren

Er sei außerordentlich dankbar dafür, dass die EKD Ende der 1990er Jahre dieses Gebäude erworben habe, mitten in der Stadt, am Gendarmenmarkt, gegenüber der Kirche, sagt Dutzmann. "Aber auch in erreichbarer Nähe kultureller Einrichtungen, auch der Entscheidungszentren der Politik."

Kirche in der Mitte der Stadt, in der Mitte der Gesellschaft – das ist die Leitidee von Dutzmann. Passend dazu Kunstwerke in seinem Büro. Ein Kölner Künstler hat den so genannten Franziskus-Zyklus des italienischen Malers Giotto aus dem 14. Jahrhundert mit Fotographien aus dem heutigen Assisi überblendet.

Politik aus dem Glauben heraus deuten - und Einfluss nehmen

Diese Kunstwerke erinnerten ihn an seine Aufgabe, so der Prälat: Die christliche Tradition und Gegenwart aufeinander zu beziehen. "Nichts anderes tun wir in unserer Dienststelle, indem wir das politische Geschehen auf dem Hintergrund unseres Glaubens zu deuten versuchen und dann natürlich versuchen, Einfluss zu nehmen." Einfluss zum Beispiel bei Debatten um ethische Themen wie die Sterbehilfe oder Themen rund um Asyl und Migration.

Vier Kilometer südlich vom Gendarmenmarkt, im Stadtteil Neukölln, hat der Botschafter des Vatikans seinen Sitz, in einem modernen Komplex mit schöner Gartenanlage, direkt in Nachbarschaft zu einer großen Basilika. Botschafter - in der Kirchensprache Nuntius genannt - ist der aus dem heutigen Kroatien stammende Erzbischof Nikola Eterovic.

Als Dekan des Diplomatischen Korps spricht Eterovic auf wichtigen Empfängen für seine Botschafterkollegen. Wie sie hält er Kontakt zum Auswärtigen Amt, zum Bundeskanzleramt und zu anderen Repräsentanten des öffentlichen Lebens, ist also Repräsentant für die diplomatischen Beziehungen.

Vatikanbotschafter: "Deutschland ist immer etwas kompliziert"

Aber es gibt noch einen zweiten Aufgabenbereich: der Nuntius vertritt den Vatikan auch gegenüber der Kirche in Deutschland und ist bei Bischofsernennungen gefragt, für die es aus historischen Gründen freilich sehr unterschiedliche Regelungen gibt. Deutschland sei immer etwas kompliziert, sagt Eterovic. "Ich habe immer verschiedene Normen, in Bayern die eine Norm, in preußischen Ländern andere, noch ein drittes Modell. Man muss lang bleiben in Deutschland, um diese Verschiedenheit zu lernen, das ist wie eine Vielfältigkeit, aber in einer katholischen Kirche."

Ein weiterer Ort, der für die Repräsentanz von Religionsgemeinschaften im politischen Berlin steht, ist das Leo-Baeck-Haus in der Nähe der Neuen Synagoge, die mit ihrer Kuppel im orientalisierenden Stil das Stadtbild mitprägt. "Es ist ein historischer Ort, die ehemalige Hochschule der jüdischen Wissenschaft, wo Leo Baeck gewirkt hat", erklärt Daniel Botmann. 1999 zog hier der Zentralrat der Juden ein. Daniel Botmann ist Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland und hat in dieser Funktion auch die Aufgabe, den Zentralrat gegenüber der Politik zu vertreten.

Orthodoxer Bischof: Keine Sekretärin, aber viel Gottvertrauen

Nebenberuflich, wenn man so will, ist auch der griechisch-orthodoxe Bischof Emmanuel als Politikbeauftragter tätig. Er leitet eine Kirchengemeinde im Stadtteil Steglitz. "Ich habe keine Sekretärin, ich habe keine Mitarbeiter, aber ich habe sehr viel Gottvertrauen, das gibt mir die Möglichkeit, die Belange meiner Kirche vorzubringen. Ein orthodoxer Geistlicher macht sich auch durch seine Kleidung bemerkbar, wird wahrgenommen, das hilft auch manchmal."

Emmanuel Sfiatkos vertritt nicht nur seine griechisch-orthodoxe Kirche, sondern die unterschiedlichsten orthodoxen Kirchen. Orthodoxe Christen seien in Deutschland ein Teil der Gesellschaft, über zweieinhalb Millionen Gläubige würden die Bundesrepublik als ihr Zuhause ansehen. "Gleichwohl bringt ein jeder ein Stück seiner Heimat mit", sagt Sfiatkos.

Und natürlich seien auch die Sorgen, die aus der Heimat mitkommen, ein Thema: "Bezüglich dieses Themas spreche ich immer wieder vor, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Möglichkeiten der Politik in Deutschland uns wichtig sind. Bitte erhebt eure Stimme, wenn in einem Land gegen Christen gehandelt wird, wenn Christen verfolgt werden."

Gespräche führen bei Spaziergängen und in Büros

Neben dem Einsatz gegen Christenverfolgung geht es dem Geistlichen um Themen wie orthodoxen Religionsunterricht. Seit 2010 ist er Beauftragter der Orthodoxen Bischofskonferenz am Sitz der Bundesregierung - eine Aufgabe, die Konstantin von Abendroth für die Vereinigung Evangelischer Freikirchen erst seit gut einem Jahr ausübt. Arbeitsbeginn also just in Corona-Zeiten und somit "definitiv ein besonderer Arbeitseinstieg", sagt Abendroth.

Denn alles was eine solche Arbeit ausmache, zum Beispiel Empfänge, auf denen man mit Leuten im Small Talk ins Gespräch kommen kann, gab es nicht. "Aber dennoch einzelne Gespräche führen, bei Spaziergängen, in Büros, das war eine Chance, eine dreiviertel Stunde sich kennenzulernen."

Lobbyist für den lieben Gott und die Menschen

Schon seit dem Jahr 2000 hat Prälat Karl Jüsten seinen Sitz als Beauftragter der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in Berlin, in einem Gebäudeensemble zusammen mit der Katholischen Akademie in Nachbarschaft zur großen Charité-Klinik. Besonders stolz ist man darauf, dass in den Räumen des Büros vor zehn Jahren ein Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und Bundeskanzlerin Merkel stattfand.

"Es hat mal einer über mich gesagt, ich wäre ein Lobbyist für den lieben Gott und die Menschen, und das finde ich eine schöne Bezeichnung." Prälat Dr. Karl Jüsten

Jüsten und sein Team wollen in Berlin den Glauben präsent machen, ihn auf der einen Seite leben. "Auf der anderen geht es um den konkreten Menschen, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen verbessern, dass insbesondere die schwache Kreatur in uns einen Anwalt, eine Anwältin haben." Dafür führt Jüsten Gespräche mit Abgeordneten und gibt Stellungnahmen der Kirche weiter - zum Klimaschutz, zum Lieferkettengesetz oder zur Diskussion um Kinderrechte im Grundgesetz.

Religions-Lobbyist? Nicht alle finden den Begriff gut

Ähnlich sieht das bei allen Vertretern der Religionsgemeinschaften aus - auch, wenn sie mit dem Begriff des Lobbyisten fremdeln: "Vor allen Dingen ist man ein Interessensvertreter für jüdische Belange, aber nicht nur für jüdische Belange, letztendlich sind es Themen, die alle betreffen", sagt Daniel Botmann vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Der klassische Begriff des Lobbyisten sei für ihn mit wirtschaftlichen Interessen verbunden, "die gibt es ja hier nicht, hier geht es meistens um andere Fragestellungen".

Konstantin von Abendroth von der Vereinigung evangelischer Freikirchen versteht seine Arbeit "eher als eine advocacy-Arbeit, als eine Art Fürsprecher-Arbeit als eine Eigeninteressenvertretung". Denn bei Themen wie Menschenrechten, Religionsfreiheit oder fairer Asylpolitik mitzusprechen, ist auch für ihn nicht die typische Lobbyismus-Arbeit.

Prälat Martin Dutzmann von der EKD sieht sich als "eine Mischung aus Pastor, Lobbyist und Diplomat". Er sei eben auch Pastor, gestalte Gottesdienste, stehe als Seelsorger zur Verfügung und trete auch für die Interessen anderer ein, etwa Geflüchteter. "Insofern geht das in Lobbyismus nicht auf."

Häufig auch Seelsorger für Politiker

Gemeinsam ist allen der Hinweis auf die gute Zusammenarbeit: man kennt sich und schätzt sich. Auch, wenn nicht jeder die gleichen Schwerpunkte setzt – schließlich gibt es eine Reihe von Themen wie Lebensschutz, demnächst kommt das Thema des Assistierten Suizids wieder auf die Tagesordnung, oder eben Asyl und Integration.

Doch noch etwas ist gemeinsam: Die Religionsvertreter werden, wie Martin Dutzmann sagt, häufig auch als Seelsorger wahrgenommen. "Ein Beispiel ist eine Trauerfeier, die ich gestaltet habe für eine jüngst plötzlich verstorbene Abgeordnete, dann habe ich mit dem Fraktionsvorsitzendem gesprochen, für die Fraktion Gottesdienst zu feiern", erzählt Prälat Dutzmann. "Ein anderes Beispiel: Als die Corona-Krise über uns hereinbrach, habe ich begonnen, alle Abgeordneten in ihren Wahlkreisen anzurufen, das waren zum Teil sehr intensive und lange Gespräche über Herausforderungen an die Politik, aber auch ins Persönliche gehend."

Zahl der Kirchenmitglieder nimmt ab: Wie verändert das den Einfluss?

Die Offenheit für die Kirchen ist freilich unterschiedlich ausgeprägt. Auch wenn sich einzelne Abgeordnete aus allen Parteien zu interfraktionellen Gebetsfrühstücken treffen, bestehen nach wie vor die engsten Beziehungen zu CDU und CSU - so feiert Prälat Jüsten mit rund zwanzig Unions-Abgeordneten regelmäßig Gottesdienst.

Über alle Fraktionsgrenzen hinweg nimmt die Zahl der Kirchenmitglieder jedoch ab. Wie verändert sich das Gewicht der Kirchen, wenn sie kleiner werden? "Wenn wir zu Sachthemen uns vernünftig und klug und angemessen äußern, so dass der Staat, die Politik ein Gemeinwohlinteresse dahinter entdecken, dann werden wir sehr wohl gehört", sagt Prälat Jüsten. Dann komme es weniger auf die Größe der Organisation an, als auf die Qualität der Argumente. "Und da haben wir als Kirchen - muss ich richtigerweise sagen, weil wir mit der evangelischen Kirche immer zusammen agieren - noch ein großes Gewicht."

Sie interessieren sich für Themen rund um Religion, Kirche, Spiritualität und ethische Fragestellungen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Jeden Freitag die wichtigsten Meldungen der Woche direkt in Ihr Postfach. Hier geht's zur Anmeldung.