"Rich Putin, Poor Russia" steht auf dem Poster

Plakat gegenüber eines russischen Konsulats

Bildrechte: Frank Rumpenhorst/Picture Alliance
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    Lob für den Westen: "Russland wird 30 Jahre zurückgeworfen"

    Lob für den Westen: "Russland wird 30 Jahre zurückgeworfen"

    Alles richtig gemacht, urteilt der russische Spitzendiplomat Andrei Kortunow über die Nato: Sie sei geschlossen und werde Amerikas Vormacht für "lange Zeit" zementieren. Und selbst Putin-Fanatiker erkennen sarkastisch: "Der Westen hat immer Recht."

    Natürlich schwingt da viel Sarkasmus mit, viel Bitterkeit über die vermeintliche Unterlegenheit der russischen Gesellschaftsordnung: "In Russland entsteht das Gefühl von Exklusivität nur aus der Zugehörigkeit zum Westen, dem Teilen seiner Werte und dem Dienst an seinen Idealen. Der Westen hat immer Recht, er ist stärker, besser, reicher, interessanter, vielversprechender, er hat Süßigkeiten und Reizwäsche", heißt es in einem grimmigen Kommentar von Natalia Osipova für die kremlnahe Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Zornbebend stellt sie fest, dass Intellektuelle im Westen wie in Russland fast durchweg auf der Seite der Ukraine stehen.

    "Intellektuelle klagen Russland an"

    Osipova verweist auf die Ovationen für ukrainische Künstler bei den zurückliegenden Filmfestspielen in Cannes und behauptet, westliche Verlage würden nur solche russische Autoren drucken, die gegen Putin seien. Gebildete Russen seien dem Westen geradezu hörig: "Viele Intellektuelle klagen Russland aufrichtig an, wünschen ihm eine Niederlage und hassen ihre Mitbürger, betrachten das Land als Diktatur und wünschen uns Nürnberger Hinrichtungen." Das "liberale Bewusstsein" werde durch die Vorstellung "erwärmt", auf der Seite der Wahrheit zu stehen und das Böse zu bekämpfen. Den "Informationskrieg" hat Russland demnach längst verloren, die Deutungshoheit auch.

    Marxistischer Philosoph Georg Lukács soll helfen

    Keinen Geringeren als den marxistischen Vordenker Georg Lukács (1885 - 1971) schickt Osipova ins Feld, um dem ihrer Meinung nach auf allen gesellschaftlichen Gebieten siegreichen Westen entgegenzutreten. In seinem Essay "Über die Verantwortung des Intellektuellen" von 1948 hatte Lukács behauptet, die Intellektuellen würden die "objektiven Grundlagen ihrer eigenen sozialen Existenz" nicht durchschauen: "Da ist vor allem die Fetischisierung der Demokratie . Das heißt, es wird nie untersucht: Demokratie für wen und unter wessen Ausschluss? Es wird nie gefragt , was der reale soziale Inhalt einer konkreten Demokratie ist und dieses Nichtfragen ist eine der Hauptstützen des sich jetzt vorbereitenden Neofaschismus."

    Der einst viel zitierte Lukács hatte sich auch über eine angebliche "Fetischisierung der Friedenssehnsucht der Völker" aufgeregt, die einerseits zur "Passivität" entarte, andererseits Kriegsverbrecher amnestiere und damit neue Kriege vorbereite.

    Wahre Eloge auf den Westen

    Doch mit marxistischen Parolen dürfte Russland kaum wieder "Oberwasser" bekommen. Ganz im Gegenteil: Der kremlskeptische Andrei Kortunow, Generaldirektor des Russian International Affairs Council, einer Art Interessenvertretung der russischen Diplomaten, sah sich jetzt zu einer wahren Eloge auf den Westen im Allgemeinen und den USA im Besonderen veranlasst. "Erstaunlich schnell" seien die Sanktionen gegen Russland auf den Weg gebracht worden: "Der kollektive Westen war in der Lage, die richtigen Lehren aus seinen jüngsten Schwierigkeiten zu ziehen, sich schnell zu mobilisieren, die Querelen und Streitereien der letzten Jahrzehnte hinter sich zu lassen und als geschlossene Front gegen gemeinsame Gegner und Konkurrenten aufzutreten."

    Joe Biden habe keinesfalls "abfällige und abschätzige" Kommentare verdient, er habe den Westen vielmehr, wie im Wahlkampf versprochen, wieder "geeinigt". Der Angriff auf die Ukraine sei ein "lang erwartetes und buchstäblich unbezahlbares Geschenk für Washington" gewesen, seien die USA doch somit nicht länger der "Hauptschurke" in der Welt: "Es besteht kein Zweifel, dass das Weiße Haus versuchen wird, das Beste aus diesem Geschenk des Himmels zu machen."

    "Moskaus Stellung wird noch schwieriger"

    Der Westen werde seine Fühler weit über seinen bisherigen Einflussbereich ausstrecken: "Wir werden einen hartnäckigen Kampf um die 'Seelen' von Ländern wie Indien, Indonesien, Nigeria, Südafrika, Brasilien und Mexiko erleben. Flirts mit der Türkei, Brücken nach Venezuela, Verhandlungsversuche mit dem Iran usw. Es wird unweigerlich einen Widerspruch geben zwischen proklamierter ideologischer Reinheit und politischer Zweckmäßigkeit, wobei, wie in der Vergangenheit mehr als einmal geschehen, am häufigsten zugunsten der letzteren entschieden werden wird."

    Für Moskau bedeute das alles nichts Gutes, so Kortunow, ganz im Gegenteil. Eine "Trendwende" sieht er nicht, sondern einen riesigen Rückschritt: "In diesem Bild der 'erneuerten Unipolarität' wird Russland auf die Ausgangspositionen zurückgeworfen, die es vor dreißig Jahren eingenommen hat, unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber seine Stellung wird noch schwieriger, da Moskau in absehbarer Zeit nicht mehr den 'Vertrauensvorschuss' des Westens erhalten wird, den es im letzten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts hatte. Dementsprechend wird der Druck auf Moskau stärker und mögliche politische und wirtschaftliche Boni für das 'gute Benehmen' der russischen Seite bescheidener und verzögerter ausfallen."

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