Eine Frau mit Raupe im Gesicht

Tara Nome Doyle

Bildrechte: Modern Recordings/BMG
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    Lob des Ungeziefers: Ungewöhnliche Songs von Tara Nome Doyle

    Lob des Ungeziefers: Ungewöhnliche Songs von Tara Nome Doyle

    Gleich ihre allerersten Lieder wurden millionenfach gestreamt, ihr Debütalbum "Alchemy" war ein Kritikerliebling. Mit ihrer zweiten Platte "Værmin" festigt Tara Nome Doyle ihren Ruf als Königin des gesungenen Seelenstriptease.

    Zart und zurückhaltend, die Stimme oft nur vom Klavier begleitet, so beginnen viele der Lieder von Tara Nome Doyle, um sich dann zu dramatischen Pophymnen aufzuschwingen. Thematisch geht es häufig um Liebe und um die Komplexität von Beziehungen, obwohl die Songtitel anderes vermuten lassen.

    Ungeziefer als Metapher und Konzept

    Denn ihre Lieder hat Doyle nach allerlei recht ekligem Getier benannt: Raupen, Blutegel, Schnecken, Würmer, die Motte, die Krähe. Doyle spielt dabei mit dem Schönen und dem Hässlichen, mit Anziehung und Abstoßung, ganz im Sinn des Begründers der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung, dessen Konzept von Persona und Schatten, von Bewusstheit und Verdrängung, von der hellen und der dunklen Seite der Psyche sich wie ein roter Faden durch das Album zieht.

    Jawohl – "Værmin" ist tatsächlich ein Konzeptalbum. Eines, das Ekliges als Metapher für unsere dunkle Seite sieht, unseren "Schatten". Und eines, das vieles in Frage stellt. Unser Verhältnis zu bestimmten Tieren zum Beispiel, die wir als "vermin", als Ungeziefer bezeichnen, obwohl wir sie auch wertfrei betrachten könnten. So wie die Raupe, die Tara Nome Doyle auf dem Album-Cover ungerührt über ihre Wange kriechen lässt – schließlich wird aus ihr irgendwann ein Schmetterling. Und im Lied "Snail" vergleicht sich Doyle gleich selbst mit einer Schnecke, wenn sie singt: "kissed by the rain / with a heart full of hope / avoidance of pain / is a slippery slope."

    Die Kunst der Reduktion

    Musikalisch setzt Tara Nome Doyle diesmal noch mehr auf Reduktion als bei ihrem Debütalbum. Ihr Produzent, der Geiger und Produzent Simon Goff (für seine Arbeit mit Hildur Guðnadóttir am Soundtack des Films "Chernobyl" bekam er einen Grammy) verbindet ihr sparsames Klavierspiel mit oszillierenden Synthesizer-Flächen und lässt den Gang-of-Four-Schlagzeuger Tobias Humble hypnotische Rhythmen dazu trommeln.

    Doyle selbst setzt bei einigen Liedern erstmals ihre Bruststimme ein, was ihren Gesang in diesen Passagen strenger und eindringlicher wirken lässt. Die Anmutung der Musik, die Reduktion auf wenige musikalische Elemente und der dezente Einsatz der Elektronik erinnern manchmal an Doyles Vorbild James Blake. Aber ihre Texte sind besser. Mit ihren vielen Metaphern und literarischen Anspielungen lassen eher an die Sprachgewalt einer Patti Smith denken. Und ihre grandiose Stimme, die in manchen Passagen auch ohne Instrumente bestehen kann, macht " Værmin" zu einem einzigartigen Pop-Kunstwerk

    "Værmin" von Tara Nome Doyle ist bei Modern Recordings/BMG erschienen.

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