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Livekonzert-Studie vorgestellt: So könnten Groß-Events ablaufen | BR24

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Bildrechte: Hendrik Schmidt/Picture Alliance

Zuschauer beim "Test-Konzert" im August

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    Livekonzert-Studie vorgestellt: So könnten Groß-Events ablaufen

    Wissenschaftler der Universitätsklinik Halle hatten am 22. August einen Auftritt von Tim Bendzko vor 1500 "Versuchspersonen" in Leipzig begleitet, um herauszufinden, wie gefährlich Großveranstaltungen sind. Jetzt wurden die Ergebnisse präsentiert.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Es gibt einen "Hoffnungsschimmer", so Wissenschaftler der Universität Halle nach der Auswertung eines Großversuchs bei einer Pressekonferenz. Im August hatten sie rund 1500 Besucher eingeladen, an einem Konzert mit dem Pop-Sänger Tim Bendzko teilzunehmen. Dabei sollte überprüft werden, ob solche Veranstaltungen in der Pandemie überhaupt noch denkbar sind. Die Teilnehmer waren dabei mit Messgeräten ausgestattet worden, die die Kontakte aufzeichneten.

    Jetzt wurden die Ergebnisse ausgewertet und Empfehlungen abgegeben. Der Infektiologe Stefan Moritz riet im Namen seiner Kollegen aufgrund der gewonnen Erkenntnisse von einer "Vollauslastung" von Arenen und Konzertsälen ab. Auch "Stehkonzerte" seien nicht angebracht, weil dabei die Besucher ständig in Bewegung seien und dadurch "alle fünf Minuten" neue, unerwünschte Kontakte möglich würden. Im Sitzen dagegen ließen sich Kontakte "fixieren", nämlich auf die unmittelbar benachbarten Konzertbesucher beschränken.

    Masken auch am Platz

    An den Einlässen müsse die Zahl der Besucher jeweils halbiert werden, von üblicherweise 500 Gästen pro Eingang auf die Hälfte. Eine Maskenpflicht sei unabdingbar, es reiche jedoch der übliche "Mund-Nasenschutz". Allerdings raten die Wissenschaftler davon ab, die Masken während der Vorstellung abzusetzen. Das sei nicht "zielführend". Essen und Getränke müssten am Sitzplatz konsumiert werden, da die Besucher mit ihren Sitznachbarn ohnehin Kontakte hätten, beim geselligen Zusammentreffen in Foyers dagegen neuen Risiken ausgesetzt wären.

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    Bildrechte: Hendrik Schmidt/Picture Alliance

    Test im Sommer in Leipzig

    Die "adäquate Raumlufttechnik" sei das A und O, so Stefan Moritz in seiner Studien-Bilanz: "Wenn die Politik etwas tun will, schlagen wir ein Investitionsprogramm vor, das die Veranstaltungsstätten mit Lüftungstechnik nachrüstet. Wir sind uns ganz sicher, dass diese Pandemie nicht in einigen Monaten vorbei sein wird." Was allerdings eine gute Lüftung ausmacht, da wollte sich Moritz als Arzt nicht festlegen. Er konnte nur die naheliegende Vermutung anstellen, dass die Größe einer Halle eine Rolle spielt und die Geschwindigkeit, mit der die Raumluft umgewälzt wird.

    Halbierung des Publikums

    Bis zu einer Inzidenz von fünfzig Fällen pro 100 000 Einwohnern in der Woche halten die Hallenser Forscher ein "Schachbrett-System" für machbar, also jeweils einen freien Sitz zwischen zwei besetzten. Das Konzept war bereits im Sommer bei den Salzburger Festspielen erfolgreich ausprobiert worden. Die Gesamtkapazität müsse auf fünfzig Prozent der üblichen Zuschauer reduziert werden. Nicht empfehlenswert sei es jedoch, statt einem Konzert mit 8000 Gästen einfach zwei mit jeweils 4000 zu organisieren. Es gehe tatsächlich um die "Halbierung der Gesamtmenge" des Publikums.

    Oberhalb einer Inzidenz von fünfzig seien Konzerte "immer noch möglich bei guter Lüftung", allerdings dann mit größeren Abständen und einer Kapazität von maximal 25 Prozent pro Woche. Vorteil von solchen Großveranstaltungen sei es, "Hygiene-Stewards" einsetzen zu können, die auf die Einhaltung der Hygiene-Standards achten. Das sei bei privaten Treffen nicht machbar.

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    Tim Bendzko beim Konzert

    Im Modellversuch "Restart 19" errechneten die Wissenschaftler, dass sich bei guter Belüftung und Maskenpflicht je nach Infektionslage vier bis siebzig Mal weniger Konzertbesucher anstecken als ohne diese Vorkehrungen. Insgesamt sei die Zahl der Zuschauer, die trotz eines sorgfältigen Hygiene-Konzepts gefährdet sei, nach den statistischen Erhebungen "sehr gering". In einem Rechenbeispiel erläuterten die Wissenschaftler, dass ein Konzert mit 3300 Besuchern in Leipzig die Gesamtkontakte in dieser Stadt mit rund 600 000 Einwohnern nur um rund ein Prozent erhöhe. Die Forscher hatten insbesondere die Verteilung der Aerosole in der Halle penibel nachverfolgt und ausgewertet.

    Einfache Lösungen für komplexe Probleme gebe es nicht, so Michael Gekle, der Dekan der Medizinischen Fakultät der Uni Halle. Generell gebe es in der Pandemie zu viel "Meinung und Glauben" statt Wissen und Evidenz. Bei der Studie sei es in erster Linie "um raschen gesellschaftlichen Nutzen" gegangen.

    Minister hält Veranstaltungen für möglich

    "Grundsätzlich sind Veranstaltungen unter Dächern möglich, und zwar auch große Veranstaltungen", sagte der sächsische Wissenschaftsminister Armin Willingmann zu den Ergebnissen der Studie. Die "AHA-Regeln" seien bestätigt worden. Sie reduzierten das Ansteckungsrisiko "ganz erheblich". Er hätte sich gewünscht, so Willingmann, dass diese Erkenntnis auch in der Vergangenheit von den Veranstaltern immer umgesetzt worden wäre. Der Minister verwies auch auf eine Umfrage innerhalb der Studie, wonach die Befragten mehrheitlich eine Maskenpflicht auch am Sitzplatz für keinen Hinderungsgrund hielten, ein Konzert zu besuchen. Die Akzeptanz von Masken sei im letzten halben Jahr somit deutlich gestiegen. Das Geld für die Studie sei jedenfalls "gut investiert" gewesen.

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