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Liv Strömquists Comics leisten feministische Aufklärungsarbeit | BR24

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Liv Strömquist, "I'm every woman"

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    Liv Strömquists Comics leisten feministische Aufklärungsarbeit

    Das männliche "Genie"? Entlarvt! Die weibliche "Natur"? Hinterfragt! Liv Strömquist vermittelt in ihrer Graphic-Novel "I’m every woman" feministisches Gedankengut mit bissigem Humor. An mancher Stelle bleibt einem das Lachen dabei im Halse stecken.

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    Der Mathematiker Albert Einstein, der Maler Pablo Picasso und der Philosoph Karl Marx haben sich einen neuen Ehrentitel verdient: Sie sind die "unsäglichsten Lover der Weltgeschichte". Warum? Das erzählt Liv Strömquist in ihrem neuen Graphic-Novel "I’m every woman". Die schwedische Comicautorin und Politikwissenschaftlerin widmet sich dort jenen, die die Liebhaberqualitäten dieser Männer am besten bestimmen können: den Frauen, die in ihrem Schatten standen.

    Abrechnung mit männlichen Genies

    Denn während jeder von Einsteins Relativitätstheorie gehört hat, weiß fast niemand: Seine erste Frau war maßgeblich an der Forschung beteiligt. Jenny Marx wiederum redigierte die Texte ihres Mannes, während er die Haushälterin schwängerte. Und Picasso? Er vergnügte sich gleich mit einer ganzen Schar von – oft minderjährigen – "Musen", die ihn rund um die Uhr versorgen "durften".

    Im ersten Teil von "I’m every woman" rechnet Strömquist mit dem Mythos vom ‚männlichen Genie‘ ab. Sie erzählt die Geschichten der vergessenen "Frauen von", die oft selbst Denkerinnen, Mathematikerinnen, Künstlerinnen waren. Frauen, die von ihren Männern ausgebeutet wurden: als Arbeitskraft, Inspirationsquelle und Kühle-Hand-auf-Die-Stirn-Legerin.

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    Albert Einstein und seine erste Frau Mileva Mavic

    Comics als Aufklärungsarbeit

    Doch Strömquist geht es längst nicht nur darum, Frauen sichtbar zu machen und Männer anzuklagen. Sie illustriert in "I’m every woman" zum Beispiel auch: was Kinder mit rechtskonservativen Politikern gemeinsam haben (Kernfamilienfans!), wie absurd es ist, sich auf das "natürliche" Verhalten von Tieren zu berufen, um Normen sexuellen Verhaltens zu rechtfertigen (asexuelle Riesenpandas! Schwule Enten!) und dass Gottheiten auch mal dezidiert weiblich waren, bevor sich die monotheistischen Religionen durchsetzten.

    Zwei Graphic-Novels – "Der Ursprung der Welt" über die weibliche Sexualität und "Der Ursprung der Liebe", eine Abrechnung mit der Idee der romantischen Liebe – haben Liv Strömquist in Deutschland bekannt gemacht. Mit "I’m every woman" verfolgt sie diesmal kein klares Erzählkonzept. Der Band ist fragmentarischer, die Geschichten wirken zusammengewürfelt.

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    Einer von sieben Gründen, warum Kinder rechtskonservativ sind ...

    Feminismus mit Fußnoten

    Das ist aber gar nicht schlimm. Denn Strömquist leistet auch hier wieder Aufklärungsarbeit. Ihre Comics sind eigentlich satirisch durchsetzte Sachbücher: Sie verarbeitet Briefwechsel, wissenschaftliche Texte, Interviews und feministische Essays, zitiert aus einem jahrtausendealten Gedicht einer sumerischen Mondpriesterin genauso selbstverständlich wie aus einem Popsong von Sting. Was sie zusammengetragen hat, klingt oft unglaublich – aber Strömquist belegt alles akribisch mit Quellen: An den Comic-Panels haften sogar Fußnoten!

    Im feministischen Diskurs bezieht Strömquist klar Position. So leistet sie in ‚I’m every woman‘ zum Beispiel einen kritischen Beitrag zur aktuellen Gleichstellungsdebatte, indem sie fragt: "Wäre es 'besser' für das Ökosystem im Nigerdelta, wenn die Hälfte des Shell-Aufsichtsrats aus Frauen bestünde? Wäre es 'besser' für die Arbeiterinnen in den Sweatshops der Dritten Welt, wenn Nike und Adidas mehr weibliche Anteilseigner hätten? Wäre es 'besser' für die Gefangenen in Guantanamo, wenn die Hälfte der Wärter Frauen wären?" Strömquists Feminismus‘ sind Frauenquoten also nicht genug. Sie hält auch nichts davon, in feministischer Manier eine "Natur der Frau" zu zelebrieren.

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    Illustration zur "Gleichstellung", der Pyramide des kapitalistischen Systems nachempfunden, 1911 im "Industrial Worker" veröffentlicht.

    Radikal feministische Lektüre für alle

    Strömquists Zeichenstil ist mal farbenfroh, mal schwarz-weiß, aber stets verspielt (wer genau hinsieht, findet den einen oder anderen versteckten Gag). Und ihre Texte beweisen, dass man auch ohne akademischen Slang auf den Punkt feministisch argumentieren kann. Es ist die große Stärke Strömquists, komplexe gesellschaftliche Themen zugänglich zu machen.

    Damit ist "I’m every woman" gerade auch eine Lektüre für diejenigen, die sich noch nicht umfassend mit feministischen Debatten beschäftigt haben. Doch auch, wer de Beauvoir und Butler gelesen hat, wird mit Sicherheit noch etwas Neues lernen. Amüsieren werden sich alle. Denn Strömquists bissige Pointen sind wahnsinnig komisch. Dennoch bleibt an den richtigen Stellen das Lachen im Halse stecken – dann, wenn klar wird, dass der Blick in die Geschichte hier auch verschränkt ist mit dem Blick in die Gegenwart.

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