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"Jeder von uns täuscht vor und tut so, als ob" | BR24

© COOP99, The Bureau, Essential Films

Eine Wissenschaftlerin züchtet eine Pflanze, die glücklich macht, und nennt sie nach ihrem Sohn "Little Joe": Jessica Hausner hat einen ungewöhnlichen Film über Gefühl und Kontrolle gedreht. Was echt ist, wissen wir nicht, so Hausner im Interview.

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"Jeder von uns täuscht vor und tut so, als ob"

Eine Wissenschaftlerin züchtet eine Pflanze, die glücklich macht, und nennt sie nach ihrem Sohn "Little Joe": Jessica Hausner hat einen ungewöhnlichen Film über Gefühl und Kontrolle gedreht. Was echt ist, wissen wir nicht, so Hausner im Interview.

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Pflanzen können glücklich machen. Eine Erfahrung, die vielleicht jeder persönlich kennt. So weit, so harmlos. Diese Pflanze aber, im Labor gezüchtet, schüttet einen chemischen Botenstoff aus, der ähnlich mütterlichen Hormonen per se glücklich machen soll – die ganze Menschheit am besten. Diese Pflanze ist ein Glücksversprechen – solange man sie pflegt. Sie ist ein Geschäftsmodell. Und ein schnell wachsendes blut-mohn-rotes Grauen: Denn bald wird klar, der Duft, den sie in regelrechten Schwaden ausstößt, scheint die Menschen, die ihn einatmen, tatsächlich zu verändern. Nach dem Sohn der verantwortlichen Wissenschaftlerin wird die Pflanze Little Joe genannt. Und so heißt auch der Film der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner, die damit bei den Filmfestspielen in Cannes im Internationalen Wettbewerb vertreten war. Barbara Knopf hat mit Jessica Hausner über Film und Pflanze gesprochen.

Barbara Knopf: Frau Hausner, Ihr Film mischt zwei klassische Filmgenres, Science Fiction – also eine Zukunftsvision aus dem Genlabor – und den Horrorfilm, so ein Frankenstein-Element, dass nicht alles so unter Kontrolle ist, wie es das sterile Labor und die sehr unterkühlt agierenden Wissenschaftler versprechen. Graust Ihnen vor dem Glück und vor unserer Gesellschaft, die immer auf der Jagd nach dem ultimativen Glücksversprechen zu sein scheint?

© COOP99, The Bureau, Essential Films

Die Wissenschaftlerin mit ihrem Sohn Little Joe im Film "Little Joe"

Jessica Hausner: Ich würde sagen, der Film vereint zwei andere Genres, nämlich Psychothriller und Arthouse-Film. Ich glaube, Horrorfilm und Science-Fiction sind vielleicht nur als Assoziationen im Hintergrund zu spüren. Während die Geschichte eigentlich auch von einer Einbildung oder von der psychischen Labilität der Figuren handelt und von deren Einbildungskraft.

Das wird auch sehr trickreich, weil sie mit der Wahrnehmung spielen. Aber am Anfang wird man erst mal auf die Spur gesetzt, dass in einem Labor eine Pflanze gezüchtet wird, deren Wirkungen man nicht unter Kontrolle hat.

Da entwickelt sich dann eben im Lauf der Geschichte die Frage, ob die Pflanze tatsächlich außer Kontrolle geraten ist. Und genau diese Frage ist nicht mit Ja oder Nein zu beantworten, sondern wir haben im Verlauf des Films zunehmend den Eindruck, dass von den handelnden Figuren jede eine andere Wahrnehmung hat. Spannend finde ich, dass keiner recht hat. Wir als Zuschauer sind gefangen in einem Labyrinth von verschiedenen Möglichkeiten und Perspektiven.

Im Mittelpunkt steht eine Wissenschaftlerin und alleinerziehende Mutter, die eben diese Pflanze züchtet, deren Duft antidepressiv wirken soll. Und sie schenkt diese Pflanze ihrem 13-jährigen Sohn. Die Pflanze soll zum Glück verhelfen, wenn man sich kümmert – aber um ihren Sohn zum Beispiel kann die Mutter sich gar nicht kümmern.

Es gibt eine Parallele in der Geschichte zwischen der Pflanze und dem Jungen. Beide sind in gewisser Weise Kinder der Hauptfigur. Die Hauptfigur als Wissenschaftlerin hat ein Kind geschaffen, nämlich die Pflanze, und ihr anderes Kind ist ihr Sohn. Die beiden werden immer wieder gegenübergestellt. Und es ist für sie ein Konflikt: Um welches ihrer Kinder wird sie sich letztlich besser kümmern? Das Interessante an dieser Thematik ist, dass Frauen vor allem in ihrer Rolle als Mutter teilweise noch ein sehr altmodisches Bild im Kopf haben und sich selber sozusagen ein schlechtes Gewissen machen, wenn sie sich um ihren Beruf kümmern. Davon handelt der Film auch. Die Hauptfigur könnte eigentlich beides vereinen, aber sie macht sich selber Vorwürfe und hat Schuldgefühle. Und am Ende versteht man langsam, dass das wahrscheinlich nicht nötig wäre.

Die Frage ist ja irgendwann auch mal, ob überhaupt wirklich diese Pflanze so persönlichkeitsverändernd wirkt, oder ob das alles Einbildung ist.

Es gibt eine Stelle, wo Karl, der Leiter vom Plant House, sagt, wer kann schon die Echtheit von Gefühlen überprüfen? Es geht immer wieder um die Frage, ob die Menschen befallen worden sind, ihre Gefühle nur noch vortäuschen oder so tun, als ob. Und Karl sagt sehr pointiert an einer Stelle: Ob jemand echt ist oder nur so tut, als ob – wen kümmert's? Das ist ein interessanter Witz an der Geschichte, denn das ist unsere Wirklichkeit: Jeder von uns ist auch ein Impostor, jeder von uns täuscht auch vor und tut so, als ob. Das gehört zu unserem Zusammenleben dazu, dass man auch lügt oder bestimmte Rollen spielt oder dem anderen etwas recht macht. Aber trotzdem finde ich es spannend, genau das zu zeigen, und nicht immer wieder davon zu reden oder zu träumen, ein ultimatives Glück zu erreichen. Das ist die Gegenüberstellung, um die es mir geht: Mit einem etwas genaueren Blick auf die Dinge festzustellen, dass vieles nur Illusion ist. Wenn man diese Erkenntnis zulässt, ist das auch eine gewisse Erleichterung.

© Evelyn Rois

Jessica Hausner

Das Ganze ist optisch unglaublich reizvoll umgesetzt. Es gibt eine sehr verlangsamte Kamera. Die Schauspieler agieren manchmal wie unter Wasser – Ihre Darstellerin, Emily Beecham, hat die Goldene Palme in Cannes als beste Darstellerin bekommen. Der Film ist auch farblich vollkommen durchgestylt: Im sterilen Labor grelle Farbakzente, in der Wohnung Rosé- und Mint-Töne. Und dann ist da noch die Musik: sehr minimalistisch, der Sound erzeugt fast ein ohrenziehendes Geräusch. Ist der Film eigentlich auch selbst eine Versuchsanordnung mit einem ethnologischen Blick auf uns Menschen?

Ja, das könnte man so sagen. Ich konstruiere meine Drehbücher oft wie Märchen. Und Märchen haben ja auch viel Symbolkraft. Und die handelnden Personen in Märchen sind oft Stellvertreter, Archetypen einer Gesellschaft. Auch das Setting für meine Filme hat immer eine optische Spezialität. Man könnte auch sagen, der Film sieht wie eine Fabel aus, eigentlich ist es eine parabelhafte Erzählung.

Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, die Filmstory an einer Pflanze aufzuziehen?

Ich habe viel über die Frankenstein-Geschichte nachgedacht. Diese ursprüngliche Geschichte von einem männlichen Wissenschaftler, der ein Monster erschafft, hat mich immer sehr fasziniert. Dieses Monster ist aber in "Little Joe" eigentlich zweifach da. Es ist einerseits die Pflanze, andererseits das Kind. Eine Mutter, die ein Kind zur Welt bringt, bringt ja einen Menschen auf die Welt. Und dieser Mensch verselbstständigt sich und ist sicher nicht so, wie sich die Mutter das ausgedacht hat. Diesen Kontrollverlust über das Wesen, das man erschaffen hat, finde ich eine archaische Situation einer Mutter. Und diesen Vergleich fand ich interessant. Der Wissenschaftler mit seinem Frankenstein-Monster und in unserem Fall eine weibliche Wissenschaftlerin, die ein Kind hat, aber auch eine Pflanze geschaffen hat. Die rote Blume ist jetzt sozusagen eine Verdichtung oder Überhöhung. Wie der rote Apfel bei Schneewittchen. Es hat auch hier einen märchenhaften Charakter. Aber zugleich ist es ganz konkret eine sehr aktuelle gesellschaftspolitische Diskussion: Wie weit dürfen Gentechniker gehen, wo sollten sie stoppen, und was ist ihre ethische Vorgabe?

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