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Literaturnobelpreis 2020 geht an US-Amerikanerin Louise Glück | BR24

© dpa/picture-alliance

Die US-amerikanische Poetin und Essayistin Louise Glück erhält den Literaturnobelpreis 2020

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    Literaturnobelpreis 2020 geht an US-Amerikanerin Louise Glück

    Die US-amerikanische Poetin Louise Glück erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt.

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    Und wieder eine Überraschung beim Literaturnobelpreis: Die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhält die Auszeichnung für ihr dichterisches Werk. Geehrt wird sie nach Angaben der Schwedischen Akademie "für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell werden lässt".

    Persönliche Erfahrung und Verwandlung

    Louise Glück gehörte nicht zu den hoch gehandelten Favorit*innen für den Literaturnobelpreis, eine Unbekannte ist sie jedoch nicht. Die 1943 in New York geborene Glück debütierte 1968 mit dem Band "Firstborn" und machte sich bald einen Namen als Dichterin. Ihre Gedichte werden oft als autobiografisch fundiert beschrieben, auch die Schwedische Akademie stellt fest: Wichtige Themen Glücks seien Kindheit und Familie, die enge Beziehung zwischen Eltern und Geschwistern. Dennoch sei sie keine Dichterin des persönlichen Bekenntnisses: "Glück sucht das Universelle und lässt sich dabei in vielen ihrer Werke von Mythen und klassischen Motiven inspirieren. Die Stimmen von Dido, Persephone und Eurydike – der Verlassenen, der Bestraften, der Verratenen – sind Masken für ein Selbst in Verwandlung, ebenso persönlich wie allgemeingültig", heißt es in der Begründung für die Preisvergabe.

    Klare dichterische Sprache

    Ein weiteres wichtiges Element in Glücks Arbeiten ist die intensive Naturerfahrung. Tages- und Jahreszeiten, Pflanzen, Wetter, Licht und Nacht gibt sie in Versen eine neue Ausdrucksqualität. Glücks Sprache ist keine der lyrischen Wort-Neuschöpfungen und des Metaphernreichtums, sondern konzentriert und klar. Eine im Wortsinn dichte Sprache für existenzielle Erfahrungen.

    Louise Glück lebt in Cambridge, Massachusetts, neben ihrem Schreiben ist sie Professorin für Englisch an der Yale University in New Haven, Connecticut. Glück hat renommierte Auszeichnungen für ihr Werk erhalten, darunter den Pulitzer-Preis (1993) und den National Book Award (2014). 2020 erhielt sie den Tomas-Tranströmer-Preis der schwedischen Stadt Västerås, benannt nach dem schwedischen Dichter, der vor neun Jahren ebenfalls mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

    Wenige Übersetzungen ins Deutsche

    Zu Glücks Werken gehören die Gedichtbände "The Triumph of Achilles" (1985), "Ararat" (1990) und "Faithful and Virtuous Night" (2014), zwei Bücher liegen in der Übersetzung der Lyrikerin und Schriftstellerin Ulrike Draesner auf Deutsch vor: "Wilde Iris" (im Original 1992) und "Averno" (im Original 2006).

    "Mit der Lyrikerin Louise Glück wird eine originäre lyrische Stimme ausgezeichnet. Sie hat früh begonnen, 'nature writing' in einem neuen Sinn aufzufassen: Die Natur ist kein Gegenüber mehr, sondern spricht selbst zu uns. Glück fragt sich, was es bedeutet, einen Körper zu haben. Und was die Seele sein könnte. Sie erkundet, wie Schmerz und Gewalt erlebt werden, wie sie weiterwirken, wie Menschen sich miteinander verbinden. Dabei erzählt sie antike Mythen auf faszinierende Weise neu oder fragt nach der Möglichkeit von Idyllen heutzutage." Ulrike Draesner gegenüber dem Bayerischen Rundfunk

    Wer die Übersetzungen nicht schon im Bücherregal hat und das Werk Louise Glücks hierzulande kennenlernen will, der wird sich noch ein wenig gedulden müssen: Die deutschen Rechte sind nach Angaben des Luchterhand-Verlags, der Louise Glück auf Deutsch herausgibt, ausgelaufen. Man könne nicht nachdrucken, solange Glücks Agent Andrew Wylie die Rechte nicht freigebe, so der Verlag, bemühe sich aber um Erlaubnis für den Nachdruck und hoffe, diese heute noch zu erhalten.

    Die Wetten haben sich getäuscht

    Mit Louise Glück ehrt die Schwedische Akademie nach Tomas Tranströmer und der Polin Wisława Szymborska (ausgezeichnet 1996) nach einigen Jahren wieder ein lyrisches Werk. Eines, das manche Ähnlichkeiten mit dem einer anderen Autorin hat, die beim britischen Wettbüro Ladbrokes im Vorfeld der diesjährigen Preisvergabe ganz vorn auf der Liste aussichtsreicher Kandidat*innen stand: Anne Carson. Wie Louise Glück bezieht sich auch die kanadische Lyrikerin immer wieder auf antike Stoffe, zugleich trägt auch ihr Werk autobiografische Züge. Mit der Wahl Louise Glücks hat die Schwedische Akademie erneut bewiesen, dass sie sich an die von Ranglisten und Wettquoten erzeugten Erwartungen nicht gerne hält.

    Glück erhält rund eine Million Euro für die Auszeichnung

    Der Literaturnobelpreis ist mit zehn Millionen Kronen (rund eine Million Euro) dotiert und wird am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel. Die Auszeichnung wird seit 1901 vergeben, die Wahl für eine Preisträgerin oder einen Preisträger trifft die Schwedische Akademie in Stockholm.

    Nachdem diese durch Vetternwirtschaft, Skandale und Vorwürfe sexueller Belästigung de facto handlungsunfähig geworden war, wurde der Literaturnobelpreis 2018 zunächst ausgesetzt – und 2019 dann für zwei Jahre verliehen: an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und den Österreicher Peter Handke.

    Kontroverse um Peter Handke

    Die Auszeichnung für Handke brachte gleich neuen Streit um den Preis: Handke stand noch einmal heftig in der Kritik für seine Stellungnahmen zu Serbien in den Balkankriegen der 1990er-Jahre. Prominente Stimmen wie der aus Bosnien stammende Schriftsteller Saša Stanišić warfen Handke eine einseitige Parteinahme für Serbien und die Leugnung serbischer Gräueltaten vor, die "Mütter von Srebrenica" protestierten in Stockholm gegen die Preisvergabe. Handke selbst reagierte dünnhäutig auf die Kritik und hielt den Medien eine mangelnde Würdigung seiner literarischen Position vor.

    Zu den Preisträgern vergangener Jahre gehören Günter Grass (1999), der Südafrikaner J. M. Coetzee (2003), Elfriede Jelinek (2004), Herta Müller (2009) und Swetlana Alexijewitsch (2015). 2016 erhielt Bob Dylan den Preis – auch das ein Lyriker, und auch das eine kontrovers debattierte Entscheidung.

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