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Warum Lion Feuchtwangers Tagebücher speziell sind | BR24

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Feuchtwangers Tagebücher werden veröffentlicht: Judith Heitkamp im Gespräch mit Joana Ortmann

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Warum Lion Feuchtwangers Tagebücher speziell sind

Lion Feuchtwanger war einer der erfolgreichsten Schriftsteller des letzten Jahrhunderts. Für die Nazis "Staatsfeind Nummer 1", lebte er seit 1933 im Exil. Jetzt sind seine Tagebücher erschienen – Tagebücher, die sich stark von anderen unterscheiden.

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Gefunden wurden diese Kladden schon Anfang der 90er Jahre bei der Auflösung der Wohnung einer alten Dame, Hilde Waldo, Feuchtwangers letzter Sekretärin. Die Entschlüsselung der Kurzschrift, die der Schriftsteller verwendet hatte, dauerte Jahre – und dann blieben die Notate zunächst unter Verschluss. Nur einzelne Wissenschaftler durften sie, unter strengen Auflagen, im Feuchtwanger-Nachlass in Los Angeles einsehen. Nach außen hin hatte Feuchtwanger bis zu seinem Tod 1958 darauf bestanden, nicht Tagebuchschreiber zu sein. Und eindeutig waren diese Aufzeichnungen – ganz anders als etwa bei den Tagebüchern von Thomas Mann – nicht für die Veröffentlichung gedacht.

Sie enthalten sehr deutliche Äußerungen über Zeitgenossen und eine geradezu pedantische Buchhaltung zu Lion Feuchtwangers ausschweifendem Liebesleben. Er notierte Stichworte zu allen Fakten, die ihm wichtig waren, jeden Tag, aber er erklärt wenig und gibt selten Einblick in seine Gefühle. Dennoch wird beim Lesen aus dem täglichen Telegrammstil ein beeindruckender Blick auf das letzte Jahrhundert und einen seiner bestvernetzten Schriftsteller. In den dramatischen Tagen des bayerischen Revolutionswinters 1918 /19 ist er als Dramaturg tätig und notiert zum Beispiel: "21. Febr. Durchsprechprobe zu Nachtasyl. Eisner erschossen. Neue Revolution. Aufführung Nachtasyl aufgeschoben. Große Aufregung. / 22. Febr. Lauter Politik. […] / 23. Febr. Politik. Einen Aufsatz über Kurt Eisner geschrieben. Er gefällt Marta nicht. In die Schublade."

Von der Studienzeit bis zur Moskau-Reise

Exil und Ausbürgerung aus Deutschland, Internierung in Frankreich, der Kampf um ein Visum nach Amerika: die Stichworte aus der Innensicht offenbaren auch einen beeindruckend gelassenen Menschen, der noch in den schlimmsten Momenten Haltung bewahrt und – irgendwie – weitermacht. Feuchtwangers Tagebücher beginnen 1906, als er in München studiert, umfassen seine Zeit als berühmter Autor in Berlin, das Exil in Frankreich und die umstrittene Moskau-Reise. Zwischendurch fehlen einzelne Phasen, und die Tagebücher reißen ganz ab, als er 1940 in Marseille versteckt eine Möglichkeit sucht, aus Frankreich herauszukommen, während die Deutschen seine Auslieferung fordern. Was mit späteren Tagebüchern passiert ist, die es wahrscheinlich gab, ist ein noch nicht gelüftetes Geheimnis. Er oder jemand anders mag sie versteckt oder sogar vernichtet haben – aber vielleicht tauchen sie auch eines Tages noch auf.

Am 4. und 11. Dezember 2018 sind Auszüge aus Lion Feuchtwangers Tagebüchern in den radioTexten am Dienstag auf Bayern 2 zu hören.

Lion Feuchtwanger, „Ein möglichst intensives Leben“, herausgegeben von Nele Holdack, Marje Schütze-Coburn und Michaela Ullmann, mit einem Vorwort von Klaus Modick, 640 S., Aufbau Verlag.

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