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© Audio: Bayerischer Rundfunk / Foto: Münchner Kammerspiele Krafft Angerer
Bildrechte: Münchner Kammerspiele / Krafft Angerer

Like Lovers do - Nach einer Liedzeile aus einem Pop-Song der Eurythmics hat die israelische Autorin Sivan Ben Yishai ihr Theaterstück benannt.

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"Like Lovers Do" - Theaterperformance über toxischen Sexismus

Sexistische Gewalt, toxische Rollenbilder und unterdrückte weibliche Sexualität: Das Bühnenstück "Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)", das gestern an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, ist Theater für heute.

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Von
  • Sven Ricklefs

Es ist die bedrohliche Soundkulisse, die den ersten Akzent des Abends setzt. Dazu zuckt sich im vorhangverhängten Bühnenhalbrund eine groteske Blondine im roten Body aus dem eigenen Würgegriff immer wieder in eine Freiheitssehnsucht hinein. So als sei die elfjährige Tänzerin aus dem berühmten Video zu Sias "Chandelier" leibhaftig auf die Bühne gekommen, um sich die Verzweiflung des Partygirls aus dem Leib zu tanzen.

Einen Song nennt Dramatikerin Sivan Ben Yishai ihre radikalpoetische Textfläche unter dem Titel "Like Lovers Do". Sie widmet diesen Song ebenso radikalironisch eben denen, die sie in den gnadenlosen Fokus ihres Textes stellt: die missbrauchen und vergewaltigen, mit Wort und mit Tat. Und dabei greift sie zu drastischen Formulierungen.

Triggerwarnung gerechtfertigt

Mit einer schonungslos rohen Wucht benennt Sivan Ben Yishai in ihrem wie ein kollektives Klagelied komponierten Textgeflecht alle erdenklichen Details sexualisierter Gewalt, und stellt sie damit an ihren sprachlichen Pranger. Und so ist die explizite Triggerwarnung der Münchner Kammerspiele vor eventuellen Re-Traumatisierungen nur mehr als verantwortungsvoll und gerechtfertigt. Kein tatsächliches Vergewaltigungsopfer sollte sich ungewarnt diesem Text aussetzen müssen. Die Gesellschaft als Ganzes aber sollte sich ihm trotzdem und gerade stellen. Denn noch immer werden in unserem patriarchal dominierten System Vergewaltigungsopfer unter Verdacht gestellt oder verdammt. Davon erzählte schon der Medusenmythos und das spiegelt sich mancherorts noch immer etwa in der heutigen Rechtsprechung.

"Memoiren der Medusa" nennt die Autorin ihren Text im Untertitel und macht zugleich deutlich, wie heteronormative Klischees schon die Zukunftsphantasien junger Mädchen dominieren, die sie ihre fünf Freundinnen nennt.

© Münchner Kammerspiele / Krafft Angerer
Bildrechte: Münchner Kammerspiele / Krafft Angerer

Theater als Crossover von Tanz, Pop und Performance - "Like lovers do" in den Münchner Kammerspielen

"Unsere Köpfe ganz nah beieinander über den Eisbecher gebeugt, wie eine große Blütenknospe, die sich noch nicht geöffnet hat, stellten wir uns vor, wie es sein würde, groß zu werden, und wie der Mann unserer Träume aussehen würde."

In den Münchner Kammerspielen schickt Regisseurin Pinar Karabulut diese fünf Freundinnen in Gestalt von drei Schauspielerinnen und zwei Schauspielern auf die Bühne, alle in knalligen Kostümen, die sie zu genderfluiden Wesen machen.

Tanz, Pop & Performance

Es ist, als wären sie durch die Erfahrung von sexualisierter Gewalt in die Groteske explodiert und könnten nun in diesem fast schon schmerzhaft quietschbunten Kosmos die erbarmungslosen Erkenntnisse ertragen, die ihnen in den Mund gelegt werden.

Denn bei aller performativen Verve, die Pinar Karabulut zusammen mit ihrem Ensemble aus dem Text heraus zu kitzeln vermag, bleibt die Zukunft doch ein großes Fragezeichen, auch wenn ein abgeschnittenes patriarchales Geschlechtsteil für kurze Zeit einmal Hoffnung aufkeimen lässt. Und so ist das fulminante Finale, in der das Ensemble mit einer Art Spacecar in den Bühnenhimmel entschwindet, eher eine ästhetische Behauptung. Aber trotzdem eine zu recht bejubelte.

Like Lovers do (Memoiren der Muedusa) von Sivan Ben Yishai [Deutsch von Maren Kames]. Münchner Kammerspiele 2021 - Regie & Choreografie: Pınar Karabulut. Mit Wiebke Puls, Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljic, Mehmet Sözer. Länge: 1,5 Std.

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