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"Trotz alledem": Liedermacher Hannes Wader erzählt sein Leben | BR24

© Bayern 2

Vor zwei Jahren, mit 75, hat der berühmte Liedermacher sich von der Bühne verabschiedet, jetzt blickt er auf sein Leben zurück. "Trotz alledem" heißt Hannes Waders Autobiografie - so wie sein berühmtes Protestlied von einst.

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"Trotz alledem": Liedermacher Hannes Wader erzählt sein Leben

Vor zwei Jahren, mit 75, hat der berühmte Liedermacher sich von der Bühne verabschiedet, jetzt blickt er auf sein Leben zurück. "Trotz alledem" heißt Hannes Waders Autobiografie – so wie sein berühmtes Protestlied von einst.

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"Heute hier, morgen dort": In seinem bekanntesten Lied beschreibt sich Hannes Wader selbst als Rastlosen, als Vagabund, als einen, den es nie lange an einem Ort hält. In seiner Autobiografie kann man nachlesen, wie er als Jugendlicher durch Europa trampt, erst als Straßenmusiker auftritt, später in Clubs, Hallen, Stadien. 50 bis 60 Auftritte pro Jahr sind sein Minimum. In seiner Autobiografie lernen wir freilich auch Hannes Waders andere Seiten kennen: seine Langsamkeit, seine Neigung zu Katastrophen und Krisen, seine von Armut und beengten Wohnverhältnissen geprägte Kindheit, in der Musik schon eine wichtige Rolle spielt. "Meine Mutter hat eine schöne Stimme und kennt viele, viele Lieder, die sie beim Putzen, Strümpfe stopfen, Wäsche aufhängen, bei der Gartenarbeit oder beim Abwasch singt. Oft gemeinsam mit meinen Schwestern."

Sein großes Vorbild: Georges Brassens

Hannes Wader macht eine Lehre als Dekorateur, beginnt ein Grafikstudium, aber es zieht ihn zur Musik. Erst als Klarinettist einer Jazzband, dann als Sänger mit Gitarre. Die aus den USA kommende Folkbewegung mit Bob Dylan und Joan Baez beeinflusst ihn, aber noch mehr der französische Chansonnier Georges Brassens. "Ich verstand das nicht, was er da sang – französisch – das hab‘ ich mir übersetzen lassen. Das war, als wenn mich ein Pferd getreten hätte. Ich sag: Sowas kann man singen; solche Geschichten, solche Sachen kann man singen, das ist wahnsinnig, das mach ich auch."

© Sessner/ BR

Hannes Wader hat jetzt eine Autobiografie herausgebracht. Titel: "Trotz alledem"

Hannes Waders erstes selbst geschriebenes Lied beschreibt seine prekäre Studentenexistenz in einer Mansarde. Der Text ist in seiner Autobiografie in voller Länge abgedruckt, denn da Hannes Wader nie Tagebuch geschrieben hat, bilden seine Lieder den roten Faden durch seine Erinnerungen. Erst drei Lieder hat er geschrieben, als er schon beim Folk & Songfestival auf der Burg Waldeck auf die Bühne darf. Es wird sein erster Auftritt vor einem großen Publikum – ein Auftritt, der ihn zutiefst verstört. "Und dann tobten die Leute und schrien und pfiffen, und ich dachte, die wollten mich jetzt killen. Es war aber mein Durchbruch, und ich hab' das gar nicht begriffen, weil ich nicht wusste, was ist jetzt los. Wie meinen die das? Wollen die mich fertigmachen oder haben die das gut gefunden? Sie hatten's aber gut gefunden. Hatt' ich Schwein gehabt."

Direkt und schnörkellos

So wie er erzählt, schreibt Hannes Wader auch: Direkt und ohne Schnörkel, mit deutlichen, gelegentlich drastischen Worten. Beschönigt oder verschwiegen wird nichts. Waders Alkoholexzesse kommen genauso vor wie die immensen Schulden, die er aufhäuft, und die Selbstzweifel, die ihn manchmal quälen. Auch seinen erstaunlichen politischen Weg vom CDU-Wähler – aus Protest gegen seinen sozialdemokratischen Vater – zum überzeugten Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei schildert er detailliert. "Ich werde der Partei über ein Jahrzehnt lang angehören und oft mit Ereignissen konfrontiert sein, die nicht im Einklang mit meinem Idealbild vom Sozialismus stehen; sage mir dann aber: Eine Entwicklung in Richtung einer besseren Welt ohne Widersprüche kann es nicht geben; und schließlich bin ich angetreten, um dabei mitzuwirken, Letztere aufzulösen. Dass sich statt der Widersprüche schon bald der real existierende Sozialismus auflösen wird, kann ich noch nicht ahnen."

Können Lieder die Welt verändern?

Was Hannes Waders Autobiografie von vielen anderen Autobiografien unterscheidet: Hier schreibt einer wenig von seinen Stärken und viel von seinen Schwächen. Auch davon, wie er es geschafft hat, sie davon zu überwinden. Wenn Hannes Wader sich dabei zu sehr in Einzelheiten verliert, hemmt das bisweilen den Lesefluss – aber über weite Strecken liest sich das Buch dennoch spannend. Und hinterher wird man nicht nur Hannes Wader und sein Werk, sondern auch die von ihm mit geprägte Nach-68er-Zeit um einiges besser verstehen. Den Anspruch, mit Liedern die Welt zu verändern, hat Wader längst nicht mehr. Sein Resümé: "Man kann die Veränderungen, die sich vollziehen, die sich objektiv vollziehen, kann man begleiten und unterstützen mit Liedern – und das ist nicht wenig."

© Penguin Verlag/ Montage BR

Hannes Wader: "Trotz alledem. Mein Leben"

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