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"Liebling" von Motown: Supremes-Sängerin Mary Wilson gestorben | BR24

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Mary Wilson

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    "Liebling" von Motown: Supremes-Sängerin Mary Wilson gestorben

    Sie hielt die Band bis 1977 zusammen, auch ohne Diana Ross. Die Supremes schrieben in den Sechzigern Pop-Geschichte und reihten einen Hit an den anderen. Nun ist Mary Wilson im Alter von 76 in Las Vegas gestorben, wie ihr Agent mitteilte.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Mary Wilson ist tot. Wie ihr langjähriger Agent Jay Schwatz mitteilte, ist die Musikerin am Montagabend unerwartet in ihrem Haus in Las Vegas gestorben. Noch Mitte Januar war die 76-jährige Mary Wilson gefragt worden, ob sie sich nicht vorstellen könnte, noch einmal mit Diana Ross aufzutreten, also die legendären "Supremes" aus den 1960er-Jahren wieder auf die Bühne zu bringen. Immerhin hatte es im Jahr 2000 Gespräche darüber gegeben, die allerdings an finanziellen Forderungen scheiterten. "Es macht keinen Sinn, wenn das nicht in Liebe geschieht", hatte Wilson damals dem "Hollywoodreporter" gesagt: "Es könnte eine Verständigung geben, na gut. Aber ich glaube nicht, dass Diana das will. Deshalb lebe ich mein Leben weiter. Gerade in der Pandemie kümmere ich mich darum, wer weiß schon, wann das Ende kommt. Und mit 76 Jahren werde ich nicht rumsitzen und auf etwas warten. Wie meine Mutter immer sagte: Weine nicht um vergossene Milch."

    "Amerika liebte uns nicht"

    Mit 15 Jahren hatte Mary Wilson in einer Sozialwohnung in Detroit die Supremes mitgegründet, und anders als ihre Kolleginnen Diana Ross und Florence Ballard blieb Wilson der Gruppe bis zur Auflösung 1977 treu. Unvergessen sind die großen Hits des Trios, allesamt im "Motown"-Sound der Ära: "You Can´t Hurry Love", "Love Child", "Stop! In the Name of Love", "I Hear A Symphony" und "Where Did Our Love Go". Als die Erfolgsgeschichte der Vokalband begann, im Januar 1961, gingen Mary Wilson und ihre Partnerinnen noch auf die Highschool. Als "Primettes" hatten sie sich zusammengefunden und hingen regelmäßig vor dem Plattenstudio von "Motown" herum. Irgendwann kam dann mal ein Produzent raus und suchte nach ein paar Leuten, die im Hintergrund einer Aufnahme rhythmisch mit den Händen klatschen sollten – der Rest ist Geschichte.

    Die Supremes mussten allerdings noch ein paar Jahre warten, bis sie wirklich berühmt wurden. Die ersten Aufnahmen floppten, erst im Juni 1964 landeten sie mit "Where Did Our Love Go" einen Nummer-eins-Hit. Weil im selben Jahr die Bürgerrechte für Schwarze endlich reformiert wurden, sagte Mary Wilson, sie und ihre Kolleginnen, die allesamt aus ärmlichen Verhältnissen kamen, seien damals gleichzeitig "Diven und Bürgerinnen" geworden. Und weil das die Zeit war, in der das Fernsehen richtig populär wurde, hatten es die Supremes leichter, ein großes Publikum zu erreichen. Motown schärfte ihnen ein, dass sie stets die Schwarzen repräsentieren sollten, aber Mary Wilson wollte sich darauf nicht reduzieren lassen: "Als wir begannen, die Welt zu bereisen, waren wir nicht nur Schwarze. Wir waren Menschen. Wir wurden geachtet. Wir wurden geliebt. In den Vereinigten Staaten wurden wir nicht geliebt."

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    Bildrechte: King Collection/Picture Alliance

    Die "Supremes" auf dem Höhepunkt ihres Ruhms

    Über die Bedeutung von Mary Wilson für die "Supremes" gehen die Meinungen auseinander. Während die einen sie für eine solide Backup-Sängerin hielten, die unauffällig Diana Ross begleitete, verweisen andere darauf, dass Wilson die ganze Gruppe mit ihrer Standhaftigkeit und Autorität zusammenhielt. Wie die Sängerin ihre Rolle einschätzte, ist in ihren Erinnerungen nachzulesen, die 1986 ein Bestseller wurden: "Dreamgirl: My Life As a Supreme". Diana Ross kommt dort nicht besonders gut weg, sie wird als zickige Diva beschrieben, die ihren Einfluss auf Label-Chef Gordy geschickt für sich auszunutzen wusste.

    "Ich habe jetzt meinen eigenen Standpunkt"

    Wilson, die am 6. März 1944 in Greenville in Mississippi geboren wurde, wuchs in Detroit bei einer Tante und einem Onkel auf. Ihre Eltern lernte sie erst mit sechs Jahren kennen. Die Geschichte der "Supremes" endete im Juni 1977 mit einem letzten Auftritt in London. Der Versuch einer Solo-Karriere von Wilson scheiterte früh, mit einer Single kam sie nur auf Platz 95 der Charts. Es folgten einige weitere Platten und DVDs, 2015 gelang ihr mit der Single "Time to Move On" immerhin ein Hit auf Platz 25 der Dance-Charts. Es waren jedoch vor allem ihre Memoiren, die sie im Gespräch hielten: "Als ich noch in der Band war, hatte ich meinen Platz und kam Diana nicht in die Quere. Jetzt bin ich nicht länger dabei. Ich habe jetzt meinen eigenen Standpunkt, und der ist nicht im Hintergrund."

    Noch zwei Tage vor ihrem Tod stellte Wilson auf Youtube ein Video ein, in dem sie ankündigte, bei Universal Music Solo-Material zu veröffentlichen, einschließlich ein bisher unveröffentlichtes Album mit dem Titel "Red Hot", das sie in den 1970ern mit Produzent Gus Dugeon aufgenommen hatte. Außerdem wollte sie einige Interviews über ihre Erfahrungen mit Rassismus geben. Überhaupt war die 76-jährige vergleichsweise präsent: 2019 nahm sie an der amerikanischen Ausgabe von "Let's Dance" teil und brachte ein Erinnerungsbuch auf den Markt ("Supreme Glamour").

    "Motown"-Gründer Berry Gordy, inzwischen 91 Jahre alt, würdigte die "Supremes" als "Lieblinge" des Labels: "Ich war auf Mary immer sehr stolz. Sie war aus eigener Kraft ein Star und arbeitete hart am Vermächtnis der Supremes. Mary Wilson war für mich etwas außergewöhnlich Besonderes. Sie war eine Wegbereiterin, eine Diva und wird schmerzlich vermisst werden."

    Mary Wilson starb am Montagabend unerwartet in ihrem Haus in Las Vegas, wie ihr langjähriger Agent Jay Schwartz mitteilte.

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