BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Gerald von Foris
Bildrechte: Gerald von Foris

Dana von Suffrin, Autorin des BR-Hörspiels "Otto"

Per Mail sharen

    Liebevoller Tyrann - Dana von Suffrins Hörspieldebüt "Otto"

    Dana von Suffrin hat ihren preisgekrönten Debütroman "Otto" (2019) für den BR als Hörspiel adaptiert. Im Interview erklärt sie den eigenwilligen Protagonisten – und warum schreckliche Witze in Familien von Holocaust-Überlebenden wichtig sein können.

    Per Mail sharen
    Von
    • Pauline Seiberlich

    Was tut man, wenn ein Mann zum Pflegefall wird, den man eigentlich sein ganzes Leben schon gerne losgeworden wäre? Aufbrausend, manipulativ und distanzlos war Otto schon immer. Jetzt ist der pensionierte jüdische Ingenieur auch noch ein Pflegefall und bestellt seine Töchter täglich zum Besuch ein. Für Timna und Babi bedeutet das: Eine Zerreißprobe zwischen ständiger Verfügbarkeit und dem Aufarbeiten der eigenen Familiengeschichte, in der die Abgründe des 20. Jahrhunderts aufscheinen. Dana von Suffrin, Autorin von "Otto", nun auch als BR-Hörspiel -Adaption verfügbar, ist promovierte Historikerin und lebt in München. Ihr eigener Vater hat mit Otto unter anderem gemeinsam, dass er immer ein kleines Täschchen mit allen wichtigen Dokumenten bei sich trug - für den Fall einer plötzlichen Deportation.

    Pauline Seiberlich, BR: Sehr viel von Otto erfahren wir über Stationen seines Lebens, über Lebensstationen seiner Großeltern und Urgroßeltern. Inwiefern glauben Sie, das Traumata und Angewohnheiten an Kinder weitergegeben werden?

    Dana von Suffrin: Das ist eine der zentralen Fragestellungen von "Otto". Nicht umsonst geht es um mehrere Generationen, weil ich zeigen wollte, wie eine Familiengeschichte, die im Hintergrund wabert, trotzdem auch die heutige Existenz einer jungen Frau beeinflussen kann. Als Historikerin haben mich solche Fragen einfach schon immer interessiert, Familiengeschichte im Besonderen.

    Was mich am meisten gepackt hat, ist die Beziehung zwischen Vater und Tochter. Einerseits sehr liebevoll, andererseits oft auch wahnsinnig schwierig. Der Umgangston ist teilweise sehr harsch. Trotzdem ist da eine ganz tiefe Verbindung. Was hat Sie daran gereizt, diese sehr spezielle Tochter-Vater Beziehung abzubilden?

    Besonders die Figur des Patriarchen, weil ich über die Familiengeschichte hinausgehen wollte. Ich wollte an dieser Figur auch das 20. Jahrhundert abbilden, das natürlich besonders für Juden ein besonders schlimmes und ereignisreiches Jahrhundert war. Und da hat sich natürlich angeboten, so eine alternde Figur zu nehmen. Ich hätte es nicht so interessant gefunden, Otto einfach als Familientyrann in seinen besten Jahren abzubilden. Ich fand es interessanter, eine Figur, die so viel erlebt hat oder vielmehr, der so viel passiert ist, im Moment des Verfalls zu beobachten. Alter ist ja sowieso schon ein wahnsinnig lehrreiches und schwieriges Thema. Diese starke Figur kippt einfach in diesem Moment. Und es gibt immer wieder Momente, in denen sie sich zurückbesinnt, dass sie eigentlich einmal diese starke, tyrannische Figur war. Aber andererseits ist da der körperliche Verfall. Das ist eine traurige, aber natürlich auch eine komische Situation. Auch die Tatsache, dass ich eine Vater-Tochter-Beziehung ins Zentrum gestellt habe, ist kein Zufall. Ich hatte das Gefühl, dass diese Beziehung in Romanen ganz selten behandelt wird. Mutter-Tochter-Beziehungen oder auch Vater-Sohn-Beziehungen sind, glaube ich, viel häufiger anzutreffen.

    Sie haben gerade schon angesprochen, dass durch die besondere Situation auch viel Komisches entsteht. Überhaupt sind Roman und Hörspiel sehr humorvoll. "Otto" handelt von der Shoah, von Krieg, Krankheit und im Endeffekt von Ottos Tod. Und trotzdem ist es mit so einer Leichtigkeit erzählt.

    Ich bin jetzt Mitte 30. Ich habe in meinem Leben auch so einiges erlebt und dabei gemerkt, dass es besser ist, die Dinge, die man sowieso nicht ändern kann, wenigstens mit Humor zu betrachten. Ich glaube, man muss sich dem Leben oft einfach ein bisschen auf heitere Weise entgegenstemmen. Viele vergossene Tränen sind einfach umsonst. Deswegen lieber lachen, wenn es sich irgendwie anbietet. Das ist die eine Antwort, und die andere Sache ist, ich habe auch versucht, ein ganz schwieriges Thema auf eine, wie man mir öfter sagt, in Deutschland ungewöhnliche Weise zu verarbeiten. Allerdings kam mir das gar nicht so ungewöhnlich vor. Ich habe in meinem Freundeskreis eben auch viele Leute, die, wie ich selbst, aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden stammen, und für uns ist es einfach immer sehr wichtig gewesen, über solche Themen auch, ehrlich gesagt, wirklich ziemlich schreckliche Witze zu machen. Da gibt es eine gewisse Tradition in der jüdischen Kultur. Letztlich ist das häufig der Weg, den schrecklichen Ereignissen im Leben durch den Humor in gewisser Weise ein bisschen den Schrecken zu nehmen.

    Was war für Sie denn bei der Hörspiel-Bearbeitung spannend? Wo haben Sie gemerkt: Ach, das funktioniert vielleicht im Hörspiel ganz anders oder besser?

    Natürlich musste ich ganz viel kürzen. Ich habe mich auf den Erzählstrang beschränkt, der mir am wichtigsten vorkam. Und das war eben die Vater-Tochter-Beziehung, das andere Personal musste sich dieser Idee dann fügen. Es geht sehr viel um das Thema Erinnerung und Autobiografie, es geht viel um so ein anekdotisches, kaskadisches Erzählen, das ich irgendwie in dem Hörspiel umsetzen musste. Und natürlich konnte ich sehr schlecht nur eine Erzählstimme auftreten lassen. Deswegen musste ich auch überlegen, wie ich ganz gezielt Dialoge einbauen kann. Und da hab ich viele Dialoge neu geschrieben. Für mich war das eigentlich eine sehr schöne Arbeit, weil die Figuren noch mal ein anderes Leben bekommen haben. Es ist halt doch ein anderer Zugriff auf eine Person, auf irgendeine Weise entstehen die Personen noch mal neu. Nachdem ich dann das Hörspiel gehört hatte, haben sich diese Personen auch noch mal ein bisschen verwandelt. Die Rolle von Timnas Schwester Babi zum Beispiel wurde ganz außergewöhnlich besetzt , eine sehr kraftvolle Stimme, die sehr überdreht ist. Und Babi war irgendwie schon so angelegt, aber ich hatte trotzdem nicht so ein klares Bild. Dadurch hat diese Figur für mich zum Beispiel wirklich noch mal ein bisschen an Kontur gewonnen, was eine ganz interessante Erfahrung war.

    Sie haben an anderer Stelle schon mal erwähnt, dass sie sich bei der Sprechweise von Otto schon ein bisschen haben inspirieren lassen von ihrem eigenen Vater.

    Ich habe mich sprachlich wirklich stark von der Sprache meines eigenen Vaters beeinflussen lassen, der in Siebenbürgen groß geworden ist. Das Siebenbürger Deutsch, das ist wirklich eine wunderbare Sprache für sich. Es ist schon irgendeine Art von Deutsch, aber die Satzstellung ist anders, irgendwie sehr kreativ. Ich habe manchmal das Gefühl gehabt, dass es eine Sprache ist, die sogar die Wahrnehmung auf eine Weise ein bisschen steuert. Mein Vater hatte eben diesen starken Einschlag, was ich auch erst sehr spät begriffen habe, dass er gar nicht Deutsch spricht wie die anderen Leute. Ich habe dann schon immer, wenn ich Dialoge formuliert habe, überlegt, okay, wie würde er das jetzt sagen, habe manchmal dann auch wirklich so seine Stimme im Kopf gehört. Aber natürlich ist es dann sehr erstaunlich, wenn man das Ergebnis vor sich hat und merkt, die Rolle klingt ganz anders, als ich mir sie vorgestellt hätte. Dieses Gefühl hatte ich bei einigen Figuren.

    Dieses Jahr ist Jubiläumsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". "Otto" ist ja eine jüdische Familiengeschichte. Hätte er, der ja doch ein nicht nur gutes Verhältnis zu Deutschland hatte oder hat, sich über dieses Jubiläum gefreut?

    Ich glaube, Otto wäre auf eine Weise schon stolz gewesen, dass so ein Jubiläum heutzutage begangen wird, dass man darüber spricht. Andererseits ist er ja auch eine Figur, die mit Deutschland immer stark hadert. Das tun seine Töchter auch noch. Aber Otto wird immer wieder Ziel von Antisemitismus. Er wittert auch überall Antisemitismus. Antisemitismus ist irgendwie zu einer Art Angstneurose geworden, und das ist kein unbeschwertes Verhältnis. Die Figur ist ja eine Figur, die an Kleinigkeiten zeigt, dass sie in der Gesellschaft keinen ganz so sicheren Stand hat.

    Eine Sache, auf die ich zum Beispiel oft angesprochen werde: Otto hat im Roman immer ein Täschchen dabei, so ein kleines Herrenhandtäschchen, in dem seine Dokumente in Kopie aufbewahrt werden, also Reisepässe, Geburtsurkunden, ein bisschen Geld und so weiter. Ich habe diese Anekdote von meinem Vater übernommen. Mein Vater hatte wirklich immer so ein Täschchen dabei. Auch das hat mich ganz lange nicht gewundert, bis ich irgendwann kapiert habe, dass er sich einfach für den aller-aller-aller-ernstesten Notfall rüsten möchte. Das heißt: eine Deportation. Mein Vater kam aus einer Zeit, in der ganz viele Dinge geschehen sind, auf er die überhaupt keinen Einfluss hatte. Auf eine Weise wurden er und seine ganze Familie und auch sehr, sehr viele andere Menschen sehr passiv zum Spielball der Geschichte gemacht. Und deswegen glaube ich auch, dass es wichtig sein könnte, sich auch an solche negativen Erfahrungen zu erinnern, wenn wir solche Jubiläen begehen.

    Das BR-Hörspiel "Otto" von Dana von Suffrin können Sie hier abrufen.

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick - kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!