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Liebe reicht nicht: Beziehungsextreme im Metropoltheater München | BR24

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In seinem Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" berichtet der französische Autor Joël Pommerat in Kurz-Szenen vom Elend menschlicher Annäherungsversuche. Das ist oft extrem und überzeugt in der Regie von Jochen Schölch nur teilweise.

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Liebe reicht nicht: Beziehungsextreme im Metropoltheater München

In seinem Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" berichtet der französische Autor Joël Pommerat in Kurz-Szenen vom Elend menschlicher Annäherungsversuche. Das ist oft extrem – und überzeugt in der Regie von Jochen Schölch nur teilweise.

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Das weite Feld menschlicher Beziehungen ist, vor allem wenn es um die Liebe geht, ähnlich vermintes Gelände, wie es der Grenzstreifen zwischen Nord- und Südkorea sein dürfte. Am Münchner Metropoltheater ist dieses Gelände ein schwarz glänzender Boden. Weil er ein paar Kratzer hat, erinnert er an eine Eisfläche. Auf spiegelglattem Untergrund kann man leicht ausrutschen, wovon der Autor Joël Pommerat – im übertragenen Sinne natürlich – tatsächlich ausgiebig erzählt.

Ausrutscher und Kettenreaktionen

In Pommerats Stück ereignen sich ein paar besonders spektakuläre zwischenmenschliche Zusammenstöße. Da ist zum Beispiel das Brautpaar am Standesamt. Kurz vor der Trauung eröffnet die Schwester der Braut der Hochzeitsgesellschaft, der Bräutigam hätte sie mal geküsst. Auch nur so ein Ausrutscher eigentlich, doch das Geständnis löst eine Kettenreaktion aus, die nicht nur eine einzelne Beziehung, sondern ein ganzes Beziehungsgeflecht ins Wanken bringt.

Das hört sich ein wenig nach Liebeskomödie an. Joël Pommerats Stück aber ist, bei aller Komik, keine "Rom Com", keine Romantische Komödie. Er erzählt in kurzen Szenen knapp zwanzig Mini-Dramen, überwiegend Paarbegegnungen, oft mit realistischer Ausgangssituation, aber dann wird es meist schnell "überlebensgroß". Vermeintlich harmlose Situationen eskalieren, Plaudereien nehmen rätselhafte Wendungen: Eine Frau kann nachts nicht schlafen. Was los sei, fragt ihr Mann. Sie werde ihn verlassen, sagt die Frau. Zwar liebe sie ihn. Aber Liebe – das reiche nicht.

© Jean-Marc Turmes/Metropoltheater München

Umschlagen ins Extreme

Herausforderung für das Ensemble

Pommerats Stück, in dem das Alltägliche schnell ins Extreme umschlägt, braucht ein Ensemble, das solche Stimmungswechsel mit lässiger Selbstverständlichkeit bewältigt. Erst recht angesichts der leeren Spiegelfläche, die Bühnenbildner Thomas Flach für die Aufführung entworfen hat, wo es außer gelegentlichen Stühlen wenig gibt, was von den Akteuren ablenken könnte. Metropolhausherr Jochen Schölch hat einige seiner bewährten Stammspieler versammelt, darunter Eli Wasserscheid und Vanessa Eckart, Butz Buse und Thomas Schrimm. Umso mehr erstaunt es, dass nicht alle immer souverän die Balance zwischen Understatement und Übersteigerung finden. Vor allem emotionale Ausnahmezustände wirken zuweilen in der Darstellung forciert.

© Jean-Marc Turmes/Metropoltheater München

Runterspülen: Verzweiflungskomik

Den Beziehungs-Ballast abwerfen

Pommerats Stück berührt und amüsiert. Manchmal ist man aber auch irritiert. Die Geschlechterbilder wirken, gerade was die Frauenfiguren angeht, nicht immer auf der Höhe der Zeit. Und fast immer ist die Liebe hier heterosexuell. Am besten ist "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas", wenn es skurril wird. Wenn ein Priester sein Verhältnis zu einer Prostituierten beenden will, weil er jetzt eine feste Freundin hat. Oder wenn eine Frau sich an einen Mann klammert, den sie liebt, während sie beteuert, wie sehr sie sich freue, demnächst einen anderen zu heiraten – und dieser andere steht dabei neben ihr.

Meist ist in solchen Szenen die wunderbare Lucca Züchner dabei, deren Verzweiflungskomik auch in der Überzeichnung noch wahrhaftig wirkt. Und zum Glück häufen sich zum Ende hin die starken Szenen, in denen die Gesten und Gefühle bei fast allen sitzen. Der zentrale, auf den Stücktitel verweisende Satz aber fällt bereits in der ersten Hälfte. Ein Mann besucht seine Frau in der Klinik. Sie leidet unter Gedächtnisverlust, lernt ihn jeden Tag neu kennen. Für ihn ist das ungeheuer anstrengend, aber auch jedes Mal ein Neuanfang – als wäre der ganze Ballast, der sich in einer Beziehung über die Jahre anhäuft, mit einem Mal fort.

Noch bis 16. Februar am Metropoltheater München.

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