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© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater
Bildrechte: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Begehrte Lulu

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Liebe, Luder, "Lulu": Lauter Tote im Tingeltangel der Triebe

Casino-Atmosphäre im Salzburger Landestheater: Frank Wedekinds Triebstau-Tragödie "Lulu" zeigt Regisseur Carl Philip von Maldeghem in flotter Boulevard-Optik, samt Chansons und Champagner. Eine unterhaltsame Deutung. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Noch bevor das Stück beginnt, haben einige Zuschauer schon alles verloren: An der Garderobe des Salzburger Landestheaters wurden provisorische Roulette-Spieltische aufgebaut. Süßigkeiten dienen als Jetons, und prompt kassiert sie der Croupier wieder ein: Rot, schwarz, gerade, ungerade - wer Glück hat, versucht´s noch einmal. Das Pech lässt garantiert nicht lange auf sich warten. Warum sollte es Lulu, eindrucksvoll und betont lässig gespielt von Nikola Rudle, anders gehen, nur weil sie auf Männer setzt? Erst wird sie reich, dann arm, und schließlich muss sie dran glauben, nicht, weil sie mit den Männern am Ende wäre, sondern mit den Gewinnen. Ein Opfer des Beziehungs-Lottos sozusagen.

Lulu ist in jedem Kostüm "nackt"

"Die Langeweile gebiert ärgere Untaten als es die schlimmste Leidenschaft vermag", heißt es im Programmheft, ein Zitat von Frank Wedekind - doch langweilig waren weder der rund zweistündige Abend, noch all die Kerle, die reihenweise der verführerischen Lulu zum Opfer fielen. Langweilig ist allenfalls das immer gleiche, öde Triebleben, das all die Verwicklungen, die Morde und Selbstmorde anrichtet. Eine Unzahl von Kostümen führt Lulu spazieren, und in keinem einzigen sieht sie angezogen aus. Sie ist letztlich immer nackt, auch deshalb, weil ihr die Hände zittern, wenn sie den Mantel zuknöpfen will.

Champagner im Gesicht

Für eine "Monstretragödie" wird überraschend viel gelacht in dieser Inszenierung des Salzburger Intendanten Carl-Philip von Maldeghem, und nicht von ungefähr hat Ausstatter Thomas Pekny, bekannt auch als Chef der Münchener Komödie im Bayerischen Hof, eine klassische Boulevardbühne entworfen: Viele Türen, ein paar Stufen, eine runde Sitzecke wie in der Fernseh-Talkshow. Hier kann es klappern, auf- und zuschlagen, hier verstecken sich die Liebhaber mal da, mal dort, versuchen sich vergeblich aufzuhängen, schütten sich Champagner ins Gesicht, reißen sich die Hose runter und wedeln mit dem Revolver.

Verzweiflung der Sex-Ikone

Ja, diese "Lulu" schnurrt herunter wie irgendeine Verwechslungskomödie, aber das ist hier nur trügerische Oberfläche, Tingeltangel-Optik, unter der viel Verzweiflung lauert. Die Verzweiflung der Männer, die weder zu sich selbst, noch zu Lulu finden, und die Verzweiflung der umschwärmten Sex-Ikone, die keine Ahnung hat, was sie eigentlich wollen soll. In jede Richtung warten nur Enttäuschungen - oder, um mit Wedekind zu sprechen, gähnende Langeweile. Gut, dass Franziska Becker als weltläufige Gräfin Geschwitz den Casinobetrieb mit wollüstigen Chansons am Laufen hält. Carl Philip von Maldeghem ist es gelungen, die heutzutage eigentlich unspielbare "Lulu" als unterhaltsame, tempo- und anspielungsreiche Varieténummer zu inszenieren.

Mann entfesselt, Frau befreit

All die freudianischen, vermeintlich tiefenpsychologischen Deutungen mit viel melodramatischem Tamtam haben sich in den Zeiten der Datings-Apps und Nacktbilder ja längst überlebt. Rein gesellschaftlich ist alles möglich, sexuell sowieso, aber nicht jeder hält das aus. Bekanntlich wird fast jede Woche jemand aus Eifersucht ermordet. Lulu, dieser perfekte Männertraum, diese Projektionsfläche, auf der alle erdenklichen Triebe flimmern und schillern, ist also immer noch eine Zumutung, aber im ganz andere Sinn als zur Zeit der Uraufführung vor gut hundert Jahren. Der Mann ist entfesselt, die Frau ist befreit - komisch, das beide immer noch nicht voneinander los kommen.

Tückisch, die Langeweile!

Eine sehenswerte und zeitgemäße "Lulu", wenn auch keine sonderlich revolutionäre. Axel Meinhardt überzeugt als Klarinette spielender Zuhälter Schigolch, der inständig hofft, aus Lulu noch genug Geld für seinen auskömmlichen Ruhestand herauszuholen: Das klingt bei ihm gar nicht böse, Geschäft ist doch Geschäft. Ähnlich kühl gehen Christoph Wieschke als Dr. Schön und Gregor Schulz als sein Sohn Alwa ihren Trieben nach - leidenschaftslos, aber gewaltbereit. Tückisch, diese Langeweile!

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Hoffnung Liebe?

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Trauer nach dem Akt

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Triebstau