Autorin Claudia Schumacher

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"Liebe ist gewaltig": Ein Debüt, das als Buch für Furore sorgt

"Liebe ist gewaltig": Ein Debüt, das als Buch für Furore sorgt

Claudia Schumachers erster Roman "Liebe ist gewaltig" hat es in kurzer Zeit auf drei Auflagen gebracht und ist für den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt nominiert. Wie kann man lieben, wenn man häusliche Gewalt erlebt hat?

Drei Zeilen aus einem Gedicht der Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück hat Claudia Schumacher ihrem ersten Roman "Liebe ist gewaltig" vorangestellt: "Man kann mir nicht trauen. / Denn ein verwundetes Herz / ist auch ein verwundeter Geist." Das verwundete Herz dieses Romans gehört Juli Ehre, einer jungen hochintelligenten Frau aus gutem Hause, das für sie aber stets ein Geisterhaus war. Denn der Vater, ein angesehener Anwalt, schlug nicht nur sie krankenhausreif, sondern misshandelte auch ihre Geschwister sowie die Mutter – und der als Arzt praktizierende Onkel des Mädchens, der Bruder des brutalen Schlägers und Psychopathen, deckte die Straftaten. Statt zur Polizei zu gehen, assistierte die Mutter ihrem Tyrann von Ehemann als Tatortreinigerin, indem sie Blutflecken aus dem Teppich entfernte. Claudia Schumacher erzählt vom Tabu-Thema häusliche Gewalt.

Gewalt im wohlsituierten Geisterhaus

Dass sie sich hier in einer Familie aus der oberem Mittelschicht ereignet, ist zwar Fiktion, hat aber trotzdem sehr viel mit der Realität zu tun, wie Schumacher, die bisher als Journalistin gearbeitet hat, im Gespräch erklärt: "Ich habe mich viele Jahre mit dem Thema befasst. Was mir dabei immer auffiel, war, dass es im öffentlichen Diskurs schon so eher als Angelegenheit von Problemfamilien erzählt wird, gerne anhand der Stichwörter Alkoholiker-Vater und prekäre Familienverhältnisse – und das ist einfach nicht so. Statistisch gesehen, durchzieht das alle Milieus und es gibt sogar ziemlich viele wohlsituierte Familien, in denen es vorkommt, mit einer gewissen Häufung bei Professorenfamilien, was ich bei der Recherche ganz spannend fand." Am unheimlichsten ist Schumachers fesselnder Roman immer dann, wenn in Abwesenheit des Vaters, des Kindervernichters, dessen Gewalttaten wortreich beschwiegen werden. Dann, wenn die von ihm ausgehende Gefahr rundheraus geleugnet wird von der Mutter, die selbst im Sommer Rollkragenpullover trägt, um die Striemen und Flecken am Hals zu verdecken, die von seinen Malträtierungen rühren.

Die Opfer decken den Täter

Im Roman wird das mal ein Amalgam aus "Selbsthass und Familienscham" bezeichnet. Es führt dazu, dass auch nichts nach außen dringt, was in dieser Vorstadtvilla an Schrecklichem passiert. Die Autorin lässt ihre Protagonistin einmal treffend sagen, das Vater-Monster habe alle "stumm geschaltet". Ein typisches Verhaltensmuster: "Absolut. Also, das war mir schon bei der Recherchezeit klar, dass es sich hier um Muster handelt, und darum ging’s mir auch im Roman. Ich wollte einerseits detailreich und präzise die fiktive Geschichte von Juli Ehre erzählen, aber gleichzeitig auch das Psychogramm von Verhaltensmustern bei häuslicher Gewalt auffächern, die universal sind und sich immer wieder vorfinden. Ich bekomme das jetzt auch bestätigt von dem Leser:innen-Feedback. Viele schreiben mir: Das ist meine Geschichte. Ich bin Juli Ehre. Ich glaube, das ist weit verbreitet. Viele Erwachsene haben aber diesen Schweigedruck so stark miterlebt, das Erlebte und Erlittene wurde von den eigenen Eltern so stark runtergespielt, dass sie selbst im Erwachsenenalter das noch total relativieren und abschwächen und sagen Ja, ich habe mal eine geklebt bekommen. Die Drastik, wenn sie die traumatische Erinnerung einholt, müssen sie sich erst mal selber eingestehen, weil das Schweigen so tief sitzt."

Profi-Gamerin als Roman-Heldin

Schumachers Roman-Heldin Juli sagt einmal als längst fern dem Elternhaus lebende Frau, dass sie die Zeit der Kindheit immer wieder einholt: "Das alte Grauen überfällt mich aus dem Hinterhalt und stürzt sich immer wieder auf mich. Bis heute frisst es mich von innen und lässt mich ausgeweidet zurück. Ich bin hilflos." Claudia Schumachers Heldin, die als Profi-Gamerin, als Counter-Strike-Computerspielerin, Geld auf internationalen Turnieren verdient und nebenher in Mathematik promoviert, gibt allein das Gefühl, "in der Logik der Zahlen versinken zu können", Sicherheit und Halt. Ein weiterer Rettungsanker ist ihr Humor, ihr rotziger Charme, der dem Roman einen wunderbar temporeichen Sound verleiht und der Ich-Erzählerin – seltsames Wort in diesem Zusammenhang – eine große Schlagfertigkeit. Womit wir schon wieder bei den Schattenseiten wären, denn die väterliche Hyperaggressivität und Gewaltbereitschaft scheint sich weiterzuvererben auf die Kinder. Sie schlummert auch in Juli und ihrem Bruder Bruno, und kann von beiden nicht gänzlich unterdrückt werden. Sie tickt aus, prügelt etwa unvermittelt auf die Türsteherin eines Clubs ein, und kann sich anschließend nicht mehr daran erinnern. Wie es zu solchen Ausrastern kommt bei dieser Person, die zwischen lesbischer und heterosexueller Liebe hin- und herschwankt? Im Roman "Liebe ist gewaltig" heißt es mal: "Ich wollte das, Liebe, unbedingt. Nur ging es dabei immer um Macht, und hatte ich den Eindruck, die Kontrolle zu verlieren, begann das große Toben." Angesprochen auf den Titel ihres Romans, sagt Claudia Schumacher im Gespräch mit dem BR: "Darin klingt ja auch diese Ambivalenz an: Liebe hat immer etwas Überwältigendes. Es geht um große Gefühle im Roman, und es gibt Menschen, bei denen Liebe schon immer als Hassliebe angelegt ist. Das zu ergründen, war mein Interesse. Wie kann es sein, dass Liebe und Hass in manchen Familien so eng beieinanderliegen? Warum tun Menschen ihren wichtigsten Nächsten und Liebsten Brutalität an? Dem literarisch nachzuspüren, fand ich hochspannend."

Ein bravouröses Debüt. Man liest diesen Roman mit angehaltenem Atem bis zur letzten Seite.

Claudia Schumacher: „Liebe ist gewaltig“. dtv. 372 Seiten, 22.00 Euro

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