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Liebe in Vollzeit: Schwungvoller "Oberon" in Salzburg | BR24

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Auf hoher See

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    Liebe in Vollzeit: Schwungvoller "Oberon" in Salzburg

    Carl Maria von Webers Romantische Feenoper wird am Landestheater Salzburg zu einer vergnüglichen Kreuzfahrt unter einem kunterbunten Honigmond. Die Diktatoren schwafeln von "Ibiza", die Nixen schaukeln und die Kreuzritter arbeiten als Straßenkehrer.

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    Keine Ahnung, auf welchem Planeten diese Oper spielt, aber auf dessen Oberfläche gehen alle Geschichten gut aus. Kein Wunder: Am Horizont steht ein Mond, der in allen Farben schimmert und der König, der läuft im Nachthemd herum und lässt von Zeit zu Zeit die Elfen tanzen. Wer möchte da nicht sofort mitmachen, zumal auf dem Himmelskörper augenscheinlich niemand arbeitet. Deshalb haben alle reichlich Muße, sich mit ihren Beziehungsproblemen zu beschäftigen, in Vollzeit sozusagen.

    Weber komponierte scheibchenweise

    Und es ist in der Salzburger Inszenierung von Volkmar Kamm ein großes Vergnügen, diesem Treiben zuzuschauen, was nicht selbstverständlich ist, denn Carl Maria von Webers Romantische Feenoper "Oberon" von 1826 ist alles andere als leicht zu bebildern. Der Komponist selbst haderte mit dem Stoff, denn sein Textdichter James Planché lieferte ihm die Akte scheibchenweise. Weber wusste beim Komponieren also nie so recht, wie es weitergeht, wie die wirre Geschichte endet und wer noch alles auftreten würde, denn Planché hatte ein Faible für jede Menge stumme Rollen, Tänzer und Sprech-Schauspieler. Entsprechend wirr ist das Märchenspiel, das Motive aus dem "Sommernachtstraum" von Shakespeare und eine Dichtung des Weimarer Klassikers Christoph Martin Wieland verwendet.

    © Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

    Kitschfreie Choreographie

    Mittelmeer-Kreuzfahrt mit Landausflügen

    Heraus kam dabei eine Art Mittelmeer-Kreuzfahrt mit exotischen Landaufenthalten. Zwei Liebespaare trotzen Stürmen, Piraten, Kalifen und dem titelgebenden Oberon, dem König der Elfen, der seiner eigenen Gemahlin Titania versprochen hat, die Treue der Menschen zu überprüfen und erst dann wieder ein geregeltes Eheleben zu führen, wenn sich jemand gefunden hat, der die Probe besteht. Für diese Motive interessierten sich so berühmte Komponisten wie Gustav Mahler und Hans Zender, denn beide bearbeiteten den "Oberon" von Carl Maria von Weber. Überhaupt muss eigentlich jeder, der das Stück herausbringt, eine neue Fassung vorlegen, auch in Salzburg frischte Regisseur Volkmar Kamm die Sprechdialoge auf.

    © Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

    Der Emir predigt Moral

    Dank der Ausstatter Konrad Kulke und Katja Schindowski kam dabei ein knapp dreistündiger, sehr witziger Abend heraus, der sich weniger um Liebeshändel drehte als um das Miteinander der Kulturen. Die christlichen Ritter müssen sich im Reich des Kalifen als Bänkelsänger und Straßenkehrer verdingen, der Emir ist ein besonders autoritäres Prachtexemplar von Alleinherrscher und erinnert verdächtig an Erdogan. Ein weiterer Diktator trägt einen schwarzen Lockenkopf wie seinerzeit Gaddafi und predigt lauter Unsinn wie Charlie Chaplin im "Großen Diktator" - das Wort "Ibiza" gehört zu den wenigen, die herauszuhören sind, was in Salzburg natürlich sofort Lacher provoziert. Österreich erkennt seine Volkstribunen!

    So tapfer alle Beteiligten auch sind, am Ende zückt der Emir den Revolver und alles scheint aus, da muss Oberon dann doch noch, ganz gegen seine ursprüngliche Absicht, eingreifen und für das Happy End sorgen. Wie gesagt: Auf welchem Planeten das alles stattfindet, ist nicht auszumachen, die Erde jedenfalls nicht.

    © Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

    Der Kaiser schaut zu

    Die beiden Choreographen Kristian Lever und Verena Rendtorff sorgten dafür, dass Chor und Tänzer die eigentlich bizarre Story sehr poetisch aussehen ließen, einschließlich malerischer Figuren rund um einen Springbrunnen, beklemmender Solo-Nummern hinter Stacheldraht und einem pompösen Aufzug vor dem Kaiser persönlich. Die Kunst solcher Produktionen ist es, das Unterhaltungsbedürfnis zu befriedigen, ohne in Kitsch abzugleiten, Webers romantische Feenmotive aufzunehmen und in die Gegenwart zu überführen. Eine knifflige Aufgabe, die das Salzburger Landestheater beachtlich gemeistert hat.

    Weber kein "One-Hit-Wonder"

    Unter den Solisten überzeugten besonders Tenor Roman Payer als markiger Ritter Hüon von Bordeaux und Sopranistin Anne-Fleur Werner als Reza. Verena Rendtorff war als Diktatorengattin so rabiat wie liebesbedürftig und hatte die Sympathien auf ihrer Seite. Gregor Schulz führte als Puck beschwingt durch den Abend, Franz Supper als Oberon sorgte für den nötigen Überblick. Insgesamt eine sehenswerte Ehrung für Carl Maria von Weber, der mit seinem "Freischütz" gern als "One-Hit-Wonder" abgetan wird, und doch verdient hat, auch mit seinen wenigen anderen Arbeiten immer wieder neu entdeckt zu werden.

    Wieder am 17. und 19. November, 18. und 20. Dezember 2019 am Salzburger Landestheater.

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