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Liebe auf Distanz: Überzeugendes "Land des Lächelns" in Passau | BR24

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Erst als Tragödie wurde diese Operette ein Erfolg: Franz Lehár lässt die Liebe zwischen Österreich und China scheitern, ein Kulturkonflikt, wie er nicht aktueller sein könnte. Dem Landestheater Niederbayern gelingt eine berührende Inszenierung.

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Liebe auf Distanz: Überzeugendes "Land des Lächelns" in Passau

Erst als Tragödie wurde diese Operette ein Erfolg: Franz Lehár lässt die Liebe zwischen Österreich und China scheitern, ein Kulturkonflikt, wie er nicht aktueller sein könnte. Dem Landestheater Niederbayern gelingt eine berührende Inszenierung.

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Wer geschäftlich in China zu tun hat, der ist ja gut beraten, sich vorher einen Mentalitätstrainer zu leisten, sonst kann sogar ein ganz normales Abendessen gründlich schief gehen. Zwischen europäischen und fernöstlichen Umgangsformen liegen halt doch ein paar tausend Kilometer. Ob die Liebe diese Entfernung ohne Weiteres überwinden kann, sei dahingestellt, Franz Lehár war da schon 1929 äußerst pessimistisch. Sein "Land des Lächelns" ist eine der ganz wenigen Operetten mit tragischem Ausgang, und so gesehen ist es ein großer Erfolg, dass am Landestheater Niederbayern in Passau am Ende so manche Träne floss.

Früher exotisch, heute alltäglich

Der britische Regisseur Stephen Medcalf und seine Ausstatterin Iris Jedamski zeigten die Geschichte vom Prinzen Sou-Chong und der österreichischen Gräfin Lisa als hochaktuelles Gleichnis über die Unmöglichkeit der Liebe über kulturelle Grenzen hinweg. Die Melodien sind rührselig, na klar, sie gehen zu Herzen, doch das Thema könnte nicht zeitgemäßer sein. Eine Frau findet gefallen an einem ungewöhnlichen Mann und stellt in dessen Heimat fest, dass seine Tradition und ihr Selbstbewusstsein nicht zueinander passen. Früher war das exotisch, heute ist es alltäglich, wenn auch erfreulicherweise nicht immer mit tragischem Ausgang, sondern oft mit Happy End.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Zauberhaftes China?

Es sind kleine, aber ausdrucksstarke Gesten, mit denen Stephen Medcalf die Geschichte glaubwürdig, berührend und bildstark erzählt. Gleich zu Beginn, zu den ersten Takten der Ouvertüre, schminken sich Sou-Chong, der chinesische Diplomat, und seine Schwester Mi - sie setzen also buchstäblich ein Gesicht auf. Am Ende wischen sie sich mit einem Tuch die Tränen ab - und das Make-up. Die Frage bleibt: Welches Gesicht haben sie nun verloren, mit welchem müssen sie weiterleben?

Feine Ironie und sentimentale Wehmut

Ein echtes Globalisierungs-Drama, das sich hier entfaltet. Kitschverdächtig sind allenfalls die Kostüme, aber wer die bunten Fotos sieht, der bekommt von dieser Inszenierung einen völlig falschen Eindruck. Choreographin Susanne Prasch lässt die Mitwirkenden wunderbar natürlich und harmonisch auftreten, das hat nichts mit Peking-Prunk zu tun, eher schon ist es feine Ironie oder noch treffender sentimentale Wehmut, die hier zu besichtigen sind.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Herrscherfigur: Großer Auftritt Sou-Chongs

Franz Lehár war gerade in seinen späten Jahren typisch österreich-ungarischer Melancholiker und Weltschmerz-Apostel, auch tief gläubig bis zum christlichen Fundamentalismus. Er komponierte nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs wahre Untergangsmusik, diese Grundhaltung von der Vergeblichkeit alles Irdischen kommt hier zum Tragen, und eine gute Inszenierung vom "Land des Lächelns" sollte das zumindest unterschwellig mitdenken. Dem Briten Stephen Medcalf war diese Mischung aus Pessimismus, Kitsch und Tollerei offenbar geläufig: Seine Produktion ist absolut "camp", also augenzwinkernd, grell und klarsichtig zugleich.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Am Hofe regieren Masken

Endlose Prozession der Hofschranzen

Der Chor unter Leitung von Eleni Papakyriakou war wie ausgewechselt, wirkte er doch sonst schon mal lethargisch und desinteressiert. Diesmal hatte offenkundig alle ihre Spielfreude, waren bestens geprobt und mit Eifer bei der Sache. Herrlich die endlose Prozession der Hofschranzen, bei der alle Beteiligten drei Mal über die Bühne eilen mussten. Dirigent Basil H.E. Coleman verschattete den Orientalismus von Lehár meisterhaft, ohne deshalb konturenlos zu werden. Traurig und ehrlich empfunden klang das, wenn auch die Raumakustik bisweilen arg hallig war. Unter den Solisten überzeugte vor allem Emily Fultz als Mi mit ihrem Charleston-Tanz und dem akrobatischen Einsatz auf dem Tennis-Parcours. Auch die aus New York stammende Kathryn J. Brown in der Hauptrolle der Lisa war von ungewöhnlich intensiver Ausstrahlung, sprachlich absolut sattelfest und stimmlich enorm präsent.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Mit der Liebe ist nicht zu spaßen

Der in New Jersey geborene Tenor Jeffrey Nardone hatte als Sou-Chong reichlich zu tun, stand fast durchgehend auf der Bühne und meisterte diese Riesen-Rolle beachtlich. Seine schauspielerisch etwas gehemmte, stimmlich auftrumpfende Art passte vorzüglich zur Rolle dieses chinesischen Potentaten, der hin- und hergerissen ist zwischen Pflicht und Neigung. So spielten zwei Amerikaner auf deutsch eine Österreicherin und einen Chinesen unter britischer Regie und britischem Dirigat von Basil H.E. Coleman. Irgendwie skurril, und ermutigend, dass das so gut klappte wie in Passau.

Wieder am 27. und 28. September am Landestheater Niederbayern in Landshut, am 5. und 6. Oktober 2019 in Passau, viele weitere Termine.

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