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Liebe an der Klo-Schüssel: „Platée“ als wildes Hygiene-Fest | BR24

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Gerangel an der Schüssel

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Liebe an der Klo-Schüssel: „Platée“ als wildes Hygiene-Fest

Die Götter müssen verrückt sein – und eine gute Verdauung haben. Anders ist Jean-Philippe Rameaus Ballett-Oper „Platée“ (1745) nicht erklärbar: Jupiter lässt sich mit einer Sumpf-Nymphe ein, um seine Ehe zu retten. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Auf dem Olymp ist die Erotik auch nicht mehr, was sie mal war: Die Götter müssen auf Sexpuppen zurückgreifen, um ihre Leidenschaften unter Kontrolle zu halten. Und wenn die Party so richtig wild und bisexuell wird, schließen sich alle Beteiligten auf dem Klo ein, wo sich Amor persönlich tatsächlich gerade erleichtert und gerade noch rechtzeitig sein Höschen hochziehen kann. Gut, dass außer der überdimensionalen WC-Bürste reichlich Desinfektionsmittel bereit stehen, um das gar nicht stille Örtchen einigermaßen sauber zu halten und lästige Krabbeltiere zu beseitigen.

Leben im Dreck

Am Landestheater Niederbayern zeigen die Regisseure Amir Hosseinpour und Jonathan Lunn das zweifelhafte Triebleben von Jupiter und Co. als so abgedrehte wie unterhaltsame Hygiene-Show, und das hat seinen Sinn: Bei Jean-Philippe Rameau machen sich die allzeit vergnügungswilligen Götter einen bösen Spaß mit der eitlen und hässlichen Sumpfnymphe Platée. Die lebt im Dreck und hält sich für unwiderstehlich. Jupiter kokettiert dennoch mit ihr, allerdings nur, um seine eifersüchtige Juno zum Lachen zu bringen.

Trieb-Satire als großes "Geschäft"

Ob das die Zuschauer 1745 bei der Uraufführung in Versailles lustig fanden, sei dahingestellt. Anlass war nämlich eine königliche Hochzeit, und die spanische Braut Maria Theresia soll tatsächlich nicht besonders attraktiv gewesen sein. Damals heirateten Adelige aber nicht aus Zuneigung, sondern aus Berechnung – insofern waren wohl keine Gefühle im Spiel, die Rameau hätte beleidigen können. Wie auch immer: In Passau wurde die Ballett-Oper „Platée“ zu einer ausgelassenen Trieb-Satire und Sex-Posse - ein großes "Geschäft"! Wann gibt es das schon, eine bühnengroße Kloschüssel, in der Schwäne, Haie und jede Menge andere Tierchen ihr Unwesen treiben?

Hochzeitskleid aus Toilettenpapier

Die Ausstatter Andrea Hölzl und Carmen Mueck ließen sich ganz vom morbiden Zauber des WC inspirieren. Analfixierter Barock sozusagen – Sigmund Freud hätte es sicherlich gefallen, und das Publikum war nach anfänglicher Irritation auch ganz bei der Sache. Aus dem Toilettenpapier wird ein Hochzeitskleid, die Kakerlake dreht feierlich ihre Runden und die Tänzer machen sich buchstäblich überall frisch, auch an Stellen, wo die Zahnbürste garantiert nicht hinkommt.

Britischer Humor - gar nicht "geschmackssicher"

Der britisch-iranische Regisseur und Choreograph Amir Hosseinpour und sein ebenfalls britischer Partner Jonathan Lunn schwelgen im mal schrägen, mal bizarren angelsächsischen Humor, der jedenfalls in Passau bestens verstanden wurde. Und die Mitwirkenden fremdeln nicht im Geringsten mit dieser nun wirklich nicht geschmackssicheren Inszenierung. Alle Beteiligten sind engagiert bei der Sache und zeigen ihr stimmliches wie komödiantisches Können: Ulrich Cordes als froschartiger Transvestit in der Titelrolle, Emily Fultz als personifizierte Verrücktheit in der Maske der überspannten Edith Piaf ("Ich bereue nichts!"), Szymon Chojnacki und Kimberly Boettger-Soller als Jupiter und Juno in goldglänzenden Schlafanzügen. Und die Tänzer haben ihren Heidenspaß als fluffige Schwäne, strenge Reinigungstruppe und sinnliche Lustknaben. Cornelia von Kerssenbrock dirigierte den bitterbösen Gefühlsreigen mit Verve und der nötigen satirischen Schärfe.

Die Torheit als Bischof

Hier und da hätte der zweieinhalbstündige Abend noch etwas gestrafft werden können - und die Sumpfnymphe am Ende mit der Klobürste wegzuspülen, war auch keine sonderlich plausible Regie-Idee. In „Platée“ steckt doch mehr als ein deftiges Schadenfreude-Fest, nämlich eine typisch barocke Parabel über Schein und Sein. Dass die Torheit sich am Ende als Bischof verkleidet, mit hoher Mütze herumstolziert und mit dem Kruzifix wedelt, um Jupiter zum Ja-Wort zu ermuntern, war daher folgerichtig. In der Antike waren Ehen allerdings noch keine Sakramente, schon gar nicht auf dem Olymp. Doch auch als bunter Abend geht diese aus dem Ruder laufenden "Hochzeit" allemal in Ordnung.

Bis 30. April in Straubing, Passau und Landshut.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

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© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

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© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

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© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

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