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"Licht muss man einfach fühlen" – Zum Tod von Ingo Maurer | BR24

© Bayern 2

Der Gestalter Ingo Maurer hat unter schlechtem Licht gelitten und es sich zur Aufgabe gemacht, gutes Licht zu gestalten. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. In München ist seine Kunst für alle im Untergrund zu erleben – Eintritt frei.

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"Licht muss man einfach fühlen" – Zum Tod von Ingo Maurer

Der Gestalter Ingo Maurer hat unter schlechtem Licht gelitten und es sich zur Aufgabe gemacht, gutes Licht zu gestalten. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. In München ist seine Kunst für alle im Untergrund zu erleben – Eintritt frei.

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Wenn jemand ein ausgeprägtes Gefühl für Licht hatte, dann war das Ingo Maurer. Deswegen trug er auch oft ein Blatt Papier bei sich, mit dem er notfalls schnell eine fiese Lampe umwickeln konnte, um nicht so sehr leiden zu müssen – unter einem schlecht ausgeleuchteten Raum: "Wir gehen viel zu schlampig mit dem Licht um. Dabei ist es eigentlich unser täglich Brot", hat Maurer einmal gesagt. "Es ist grauenvoll, was mit dem Licht gemacht wird, unsensibel, rücksichtslos. Manchmal kommt man in Restaurants, da möchte man am liebsten so eine Kappe aufhaben. Licht muss man einfach auch fühlen."

Lichtkunst im U-Bahnhof

Schlechtes Licht, das war für Maurer kaltes, grelles, steril wirkendes Licht, das man von Behörden kennt. "Ein künstliches Licht kann so magische Dinge hervorrufen wie ein Tageslicht. Ich finde es aber falsch, das Tageslicht nachzuempfinden. Ich finde Kunstlicht ist Kunstlicht. Und die Kunst besteht eben darin, damit etwas zu zaubern."

Ingo Maurer beherrschte die Tricks wie so schnell kein anderer. Zu erleben ist seine Lichtkunst vor allem im Münchner Untergrund, in den von ihm beleuchteten U-Bahnhöfen Westfriedhof, Marienplatz oder Münchner Freiheit. Aber auch an Hand seiner bekanntesten Leuchten wie "Lucellino", einer geflügelten Glühbirne, "Zettel'z", einer Pendelleuchte im Mobile-Stil, mit frei hängenden bedruckten und unbedruckten Zetteln zur individuellen Gestaltung, "Wo bist Du, Edison?", einer Hängeleuchte mit Glühbirnen-Hologramm oder "Campari Light", einer kleinen Pendelleuchte aus zehn Original Campari-Soda-Fläschchen.

© Ingo Maurer

Platz für Gedanken und Licht: Leuchte "Zettel'z"

© Ingo Maurer

Sehr pur: "Bulb" von Ingo Maurer

© dpa

Spiegeleffekte an der U-Bahn-Station Münchner Freiheit

© picture alliance/DUMONT Bildarchiv

U-Bahnhof in suggestiven Farben: Station Westfriedhof in München

© Simon Koy

"Silver Cloud": Lichtkonzept für das Foyer "Zur Schönen Aussicht" im Münchner Residenztheater

© picture alliance/dpa

"Pendulum" in der Rotunde der Pinakothek der Moderne

© Tom Vack

Was wir tun, zählt: Ingo Maurer 2015

Verliebt in die Glühbirne

Und dann wäre da noch "YaYaHo", dieses vielfach kopierte Deckenleuchtensystem aus gespannten Metallseilen und verschiedenen beweglichen Elementen. In den 80er-Jahren bis Anfang der 90er der letzte Schrei. Wie die für Ingo Maurer typischen Produktnamen, vertrackte Wortspiele. Die mag man witzig finden oder nicht: In der Postmoderne, in deren Tradition Maurers Werk steht, war Ironie eine beliebte Antwort auf die schnöde, weiße, funktionale Designwelt. Und vielleicht kann man seinen Witz auch so interpretieren: Wie schön, dass hier mal jemand nicht immer alles so ernst nahm, sich selbst am allerwenigsten. Denn während die Szene ihn als "Lichtpapst", als "Lichtpoeten" oder als "Magier des Lichts" feierte, und er so ziemlich alle wichtigen Auszeichnungen hatte, die man als Designer so kriegen kann, bezeichnete sich Maurer selbst gerne als "Lichtmacher".

Sein Understatement ist womöglich auch der Tatsache geschuldet, dass er – der gelernte Grafiker – nie Produktdesign studiert hat. "Ich folge nur meinem Lichtgefühl", sagte er einmal und beschrieb damit treffend seinen intuitiven Zugang zum Design. So kam er auch spontan und Dank einer Flasche Rotwein auf die Idee zu seiner ersten Lampe. 1965 war das, als er in Venedig in einer billigen Pension berauscht auf dem Bett lag – über ihm eine 15-Watt-Glühbirne, die von der Zimmerdecke baumelte: "Ich hab mich einfach verliebt in die Glühbirne, hab sie dann ganz schnell gezeichnet und bin gleich am nächsten Tag nach Murano gefahren und habe sie dort machen lassen, das Gewinde habe ich dann in München machen lassen."

Experimentierfreude bis zum Schluss

Und so entstand "Bulb", eine circa 30 Zentimeter große Glühbirne aus mundgeblasenem Kristallglas und einem hochglanzverchromten Sockel, in deren Innerem sich eine herkömmliche Glühbirne befindet. Heute eine Designikone aus der Pop-Art-Ära, die schon 1969 in die renommierte Sammlung des New Yorker MoMa aufgenommen wurde. Aber Bulb ist auch ein Symbol für Maurers lebenslange Liebe zur Glühbirne. Der glühende Wolframfaden – für ihn war er "die letzte Art von Feuer, die dem Menschen Licht aus Wärme" brachte. Deswegen machte ihn das Glühbirnen-Verbot von 2009 betroffen – Ingo Maurer gehörte seiner Zeit zu den vehementesten Gegnern: "Es hat so eine große Auswirkung auf die Zivilisation," so Maurer. Ebenso wie die Lichtverschmutzung: "Jedes kleine unbedeutende Häuschen wird beleuchtet – für was? Ich finde das absurd und es tut richtig weh!"

Über das Ende der Glühbirne kam Maurer nie ganz hinweg – seiner Kreativität und Experimentierfreude tat das keinen Abbruch. Dafür waren Ingo Maurer und sein Team viel zu sehr an innovativen Techniken interessiert. Am Montag ist Ingo Maurer im Alter von 87 Jahren gestorben. In einem Zeitungsinterview vor 20 Jahren wurde der Designer gefragt, welchen Satz er sich für seine Grabrede erhoffe. "Well done, Ingo!" lautete Maurers Antwort. Very well done, Ingo!

© BR

Der Industriedesigner Ingo Maurer ist im Alter von 87 Jahren in München gestorben. Seine Lichtobjekte und Installationen wurden weltweit ausgestellt. Unter anderem plante er auch das Beleuchtungskonzept für die Münchner U-Bahn.

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