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Liao Yiwu: "Dieses Gedicht hat mich in zwei Stücke geteilt" | BR24

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Liao Yiwu in Murnau – 30 Jahre nach dem Massaker am Tiananmen-Platz

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Liao Yiwu: "Dieses Gedicht hat mich in zwei Stücke geteilt"

Vor 30 Jahren schlug die chinesische Regierung die Proteste am Tiananmen-Platz gewaltsam nieder. Der Schriftsteller Liao Yiwu erlitt vier Jahre Gefängnis und Folter, weil er ein Gedicht über die Ereignisse geschrieben hat. Nun lebt er im Exil.

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Ein Sommertag im malerischen Blauen Land des Blauen Reiters: Zwischen Schneebergen, Butterblumen, duftenden Heuwiesen tönen Schreie. Eine wütende Totenklage für Studenten, Männer, Frauen, Kinder, Alte, die am Tiananmen-Platz unter Stiefeltritten, Schüssen, Panzern blutig starben. "Schießt! Knallt sie ab!" heißt es. "Das nächste Massaker geschieht in der Zentrale der Utopie", "Roboter haben kein Herz!". "Profikiller polieren sich die Schuhe mit den Röcken toter Mädchen."

Liao Yiwu steht in freier Natur vor Bayerns Postkartenkulisse neben seinem Dolmetscher Peigen Wang und schreit. Das gutsituierte Publikum in Loden und Dirndl ist erst irritiert vom bodenlosen Leid am friedlichen Sommertag, dann sichtlich erschüttert von Liao Yiwu mit der Klangschale buddhistischer Mönche, der Daumenzitter, seiner Flöte, die ihm ein Mönch in Haft schenkte inmitten der Qual. Die Augen geschlossen, völlig versunken, als stehe er auf dem verwundeten Platz Pekings, performt Liao Yiwu sein Gedicht "Massaker", das ihn für vier Jahre in Gefängnisse und Folterkammern brachte.

"Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand"

Dieses Gedicht hat mich in zwei Stücke geteilt. Vorher war ich ein anarchistischer Poet, der die Beatniks zum Vorbild nahm, danach war mein Leben zerstört, sagt Liao Yiwu, der nun, mit 60, beim Vortrag prüft, wie viel Wut und Protest noch in ihm steckt. Mit seinen acht Büchern, schrieb er an gegen das Dunkel im Innern, das Vergessen von Opfern wie Wang Weilin, im weißen Hemd völlig allein vor den Panzern - ein legendäres Bild. Im neuen Buch "Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand", einer Sammlung von Briefen, Gedichten, Porträts, erinnert Liao Yiwu an den Freund und Friedensnobelpreisträger Liu Xiabo. An Mithäftlinge, die wie er, Elektroknüppeln, Käfigen und Qualen trotzten; wie der Lehrer, der im Gefängniswärter seinen Lieblingsschüler wiedererkannte; der selbsternannte "Tierbändiger", der mit Possen die Polizei "bändigen" wollte. Woher nahmen alle diese Menschen die Kraft für Widerstand und einen, wie es heißt, "Humor zum Heulen"?

© picture alliance / AP Photo

Allein vor den Panzern: Das Bild mit Herr Wang aus dem Jahr 1989 wurde weltberühmt.

Ihre Kraft, ihr Humor kamen aus der Hoffnung, dass es mit ihren Bemühungen auch in China Werte wie Demokratie und Freiheit geben könnte, mit dieser Hoffnung protestierten sie 1989 auf dem Tiananmen-Platz. Das Schicksal war ihnen nicht gewogen, der Westen versagte, machte Geschäfte mit China und half indirekt, das System der Unterdrückung zu perfektionieren, sagt Liao Yiwu. Handschellen Made in Germany. Für Deutschland kam 1989 die Freiheit, China blieb unfrei. Die Theorie, mit der Entwicklung des Kapitalismus entwickle sich auch die Demokratie, hält Liao für naiv. Auch wenn er in Berlin eine zweite Heimat fand, eine Familie gründete, die Erinnerung ist seine ständige Begleiterin, das Schreiben Verpflichtung. Das zeigen im neuen Buch seine Briefe an Freunde und Unterstützer wie Herta Müller und Wolf Biermann. Zeigt die flehende, aber vergebliche Bitte an Angela Merkel, den todkranken Liu Xiaobo nach Deutschland zu holen und in Freiheit sterben zu lassen. Und jetzt fordert Liao Yiwu den Protest des Westens gegen die Verhaftung des Pastors Wang Yi diesen Monat und gegen Chinas Rechtfertigung des Massakers.

Unverändert harte Haltung der chinesischen Führung

Heute Morgen erhielt ich die Nachricht, dass Chinas Verteidigungsminister das Massaker zum Jahrestag rechtfertigte, erzählt Yiwu. Das Land sei doch stabil, habe er gesagt. Das zeige, meint der Dichter, die unverändert harte Haltung der chinesischen Führung. Damals, nach dem Massaker, protestierten Regierungschefs des Westens und verhängten Sanktionen. Das fordert Liao Yiwu auch jetzt und weiß, heute ist solcher Protest eher fraglich.

Heute schreit Liao Yiwu mit seinem Gedicht "Massaker" das Leid der Erinnerung in die freie Natur und verordnet sich die Hoffnung, dass seine Bücher in der Welt gelesen werden. Über Taiwan finden sie, als Raubkopien, sogar den Weg nach China.

Ich habe, sagt Yiwu, diese Bilder in meinen Büchern verarbeitet. Diese Bücher sind Beweise und Waffen gegen die Diktatur. Wäre ich nicht ins Exil gegangen, hätte ich weitergekämpft mit meinen Büchern. Und eines Tages werden wir sehen, dass meine Bücher langlebiger sind als jede Diktatur der Welt.

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