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"Ralph Azham": Finale der fantastischen Comics aus Frankreich | BR24

© Bild: Lewis Trondheim/Reprodukt / Audio: B5 aktuell

Lewis Trondheim gilt als einer der wichtigsten französischen Comic-Autoren unserer Zeit. Jetzt erscheint das Finale seiner Serie "Ralph Azham".

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"Ralph Azham": Finale der fantastischen Comics aus Frankreich

Lewis Trondheim gilt als einer der wichtigsten französischen Comic-Autoren unserer Zeit. Mit der Serie "Ralph Azham" hat er eine ungewöhnliche Superhelden-Geschichte geschrieben. Jetzt erscheint mit Band Zwölf das Finale der herrlich schrägen Reihe.

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Noch einmal stehen sie sich gegenüber: der König von Astolia, im roten Mantel, mächtig, gefährlich, im Grunde unbesiegbar, und Ralph Azham, dieser schlaksige, schräge Held. Ein Mischwesen, ein Mensch mit dem Gesicht einer Ente, der Schnabel blau, ebenso das lange Haar. Ralph Azham ist schließlich auch ein "Blauer" – so werden, in den Geschichten über ihn, all die Figuren genannt, die über besondere Kräfte verfügen. Er besitzt etwa die Fähigkeit, bei der Begegnung mit einem Bösewicht all die Geister der Menschen zu sehen, die von ihm ermordet worden sind. Dank einiger Zaubermittel – ein Medaillon, eine Kette, ein Kristall, ein Schwert und anderes mehr – ist er zudem superstark. Nun also der entscheidende Kampf mit seiner Majestät.

Dieser Held muss erst zu sich finden

Auch für das Finale von Lewis Trondheims Comic-Reihe "Ralph Azham" gilt: Keiner soll sich langweilen. "Als Kind habe ich mich oft gelangweilt", sagt Lewis Trondheim im Gespräch. "Und ich möchte mich nicht langweilen. Einer der Gründe für mich, mit den Comics zu beginnen, war der: Ich wollte ganz viele Türen öffnen. Ich habe eine sehr reiche und lebhafte Fantasie. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass ich mich als Kind oft einsam gefühlt habe. Ich möchte Spaß haben. Und ich liebe Comics. Ich lese sie gerne. Und ich möchte mein Spielfeld so weit wie nur möglich gestalten."

Zwölf Ralph-Azham-Bände hat Lewis Trondheim seit 2011 gezeichnet und veröffentlicht: zwölf vielschichtige Abenteuer auf zusammen 560 Seiten, voller Action, ebenso voller unerwarteter Brüche und Entwicklungen. Der Entenmensch läuft erst einmal als Tollpatsch durch die Gegend und wird, weil er so einiges verbockt, in seinem Heimatdorf zu den Schweinen gebracht. An einen Pfahl gebunden sitzt er im Matsch. Dieser unerfreuliche Zustand währt zum Glück nicht ewig, dennoch landet Ralph auf dem folgenden langen Weg, von Album zu Album, immer wieder im Mist (natürlich im übertragenen Sinn). Er sucht nach seiner Familie, besiegt finstere Herrscher, gewinnt Gefährten, verliert sie wieder, erhält mehr und mehr Macht.

Ein Entenmensch und andere Tierwesen

Nicht nur Ralph, alle Figuren der Fantasy-Saga von Lewis Trondheim sind halb Mensch, halb Tier, die einen Katzen, Hunde die anderen, Mäuse die dritten. Der französische Comic-Künstler arbeitet gerne mit solchen Gestalten. Wenn er sich selbst zeichnet, verpasst er sich einen Raubvogelkopf, weißes Gefieder, gelber, zackiger Schnabel. "Meine Tierfiguren – diese Charaktere – sind sehr menschlich", erklärt Trondheim. "In der Art, wie sie miteinander agieren und sich den anderen gegenüber verhalten. Das ist ein Unterschied zu realistisch gezeichneten Geschichten, wo die Figuren dann manchmal eher stumpfe Archetypen sind, ohne diese menschliche Dimension. Das sind zwei verschiedene Ansätze. Welchen man lieber mag, steht auf einem anderen Blatt."

© Lewis Trondheim/Reprodukt

"Ralph Azham" ist trotz der Mischwesen aus Mensch und Tier keine Fabel.

Komplexe Geschichten, keine Fabeln

Die schrägen Charaktere sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den Comic-Geschichten von Lewis Trondheim immer wieder auch heftig zugeht: Die Abenteuer-Reihe "Ralph Azham", die in einer vergangenen, oft an das Mittelalter erinnernden Welt spielt, richtet sich an erwachsene Leserinnen und Leser, auch in ihrer erzählerischen Komplexität. Man sollte Zeit mitbringen, um von Panel zu Panel und von Band zu Band zu gehen. Die Geschichten bauen aufeinander auf – kein Wunder, dass die Seiten fortlaufend nummeriert sind. Und man sollte sie, so empfiehlt Lewis Trondheim, nicht als Fabel lesen.

"Die Geschichten, die ich erzähle, entstehen in mir, in meinem Innern", so Lewis Trondheim. "Es sind Dinge, die mich bewegen, die mir aufstoßen, die mir aufgefallen sind. Der große Unterschied zu einer Fabel ist der: Ich erzähle keine Geschichten, die mit einem erhobenen Zeigefinger daher kommen oder die mit einer Moral enden. Das soll nicht sein. Und das darf auch nicht sein. Das sind Geschichten aus mir selbst."

Die Frage der Macht steht im Zentrum

Mit den Geschichten um Ralph Azham wollte er eine grundlegende Frage thematisieren, erzählt Lewis Trondheim im Gespräch. Was passiert mit einem, der zu Macht kommt und der sich nun auf gar keinen Fall korrumpieren lassen will? Ist das überhaupt möglich? Die Ambivalenz der Macht, die mit ihr verbundene Versuchung, zeigt Trondheim immer wieder in den vielen aufwendig gezeichneten Szenen, oft so spannungsvoll koloriert von seiner Frau Brigitte Findakly. Etwa dann, wenn sein schräger Held mit der Kraft, die er hat, nicht an sich halten kann und so viel zu viel zerschlagen wird.

Man kann nicht sagen, ob Ralph Azham tatsächlich immer der gute Held ist, als den man ihn gerne sehen will. So hat die Comic-Serie neben Action, Slapstick und skurrilen Dialogen, auch eine philosophische Dimension. "Das ist eine gute Frage, woher die Einbildungskraft kommt", bemerkt Lewis Trondheim. Dann zwinkert er. "Ich sage es mal so: Ich bin paranoid. Deshalb setze ich meine Figuren all dem aus, vor dem ich mich selber fürchte. Ich übertrage meine Ängste auf sie."

Unkonventionell, durchgeknallt, fantastisch

In Frankreich, seiner Heimat, gilt Lewis Trondheim als einer der wichtigsten Zeichner seiner Generation. Mit einigen Kolleginnen und Kollegen hat er – vor nun drei Jahrzehnten schon – einen unabhängigen Comic-Verlag gegründet: "L'association", in der Welt des grafischen Erzählens eine Institution. Die Serie "Ralph Azham" ist ein Hauptwerk von Trondheim: verwinkelt, immer wieder mal durchgeknallt, herrlich unkonventionell, in mehreren Hinsichten fantastisch. "Loslassen" heißt der abschließende Band, in dem sich zwei Widersacher gegenüberstehen. Aber Vorsicht: Wer oder was da losgelassen wird, erschließt sich erst mit der ganzen Geschichte. Alles andere wäre zu langweilig.

Lewis Trondheims Serie "Ralph Azham" erscheint in Deutschland beim Reprodukt-Verlag, in der Übersetzung von Ulrich Pröfrock. Der abschließende zwölfte Band "Loslassen" ist ab 16. April im Buchhandel erhältlich.

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