Die beiden Politiker am Tisch vor Kameras
Bildrechte: Kreml-Pool/Picture Alliance

Ministerpräsident Mischustin und Putin im Kreml

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"Leute, wacht auf": So gerät Putins Propaganda ins Schleudern

Der Kreml müht sich nach Kräften, den "Rebellen" und Söldnerführer Jewgeni Prigoschin zu demontieren, was allerdings nicht gelingen will. Gleichzeitig mehren sich die Zeichen für eine Erschöpfung des Landes an der Front und in der Wirtschaft.

"Auch Hitler sagte nach dem Angriff auf die Sowjetunion zu 80 Prozent die Wahrheit, aber trotzdem bleibt er Hitler", behauptete der Vizepräsident des russischen Ölkonzerns Rosneft, Michail Leontjew, kürzlich im Staatsfernsehen. Mit diesem absurden Vergleich wollte er den in Ungnade gefallenen Söldnerführer Jewgeni Prigoschin schmähen, der "weitgehend offensichtliche Dinge" kritisiert habe, etwa die grassierende Korruption. Auf den Einwand seines Gesprächspartners, damit habe Prigoschin doch recht gehabt, blaffte der kremltreue Oligarch zurück: "Na und?" Nur eines von vielen Beispielen für eine Propagandamaschine, die gehörig ins Stottern geraten ist.

"Zerschellt an der Satirewand"

Dazu tragen die Machthaber selbst bei: Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko witzelte auf die Frage, ob sich Prigoschin denn inzwischen tatsächlich, wie angeblich vereinbart, als Exilant in seinem Land aufhalte, der Söldnerchef sei vielmehr in seiner Heimat St. Petersburg gewesen und "vielleicht" inzwischen nach Moskau geflogen. Das klang nicht so, als ob Lukaschenko die Kreml-Kampagne gegen Prigoschin irgendwie ernst nimmt: "Wenn Sie denken, dass Putin so bösartig und rachsüchtig ist, dass er schon morgen Prigoschin töten lässt: Nein, das wird nicht passieren." Lukaschenko will "nach dem Mittagessen" noch mit dem Söldnerchef telefoniert haben, um das "weitere Vorgehen" zu besprechen. Der Oligarch hat also weiter Zugang zu höchsten Kreisen.

Putins Leute hielten es für eine gute Idee, im Staatsfernsehen Aufnahmen von Prigoschins protziger Villa zu zeigen, samt Pool, Hubschrauber-Landeplatz und einer mit Orden übersäten Paradeuniform in einer Glasvitrine. Das sollte wohl demonstrieren, wie abgehoben der Unternehmer sei, der sein Vermögen mit millionenschweren staatlichen Zuwendungen zusammengerafft haben soll. Doch der "Schuss" ging nach hinten los. Der russische Blogger Jaroslaw Feodosejew, und nicht nur er, fragte sich: "Worauf spechten die Leute, die eine öffentliche Vorführung von Prigoschins Haus veranlassen? Wir haben ähnliche Villen bei jeder staatlichen oder privaten Führungskraft. Denken Sie etwa, dass der Chef einer Private Military Company bescheidener leben sollte? Leute, wacht auf, er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sein ganzes Leben lang viel Geld verdient hat."

"Sieht alles eher wenig überzeugend aus"

Alle Versuche, Prigoschin zu diskreditieren, zerschellten an einer "Satire-Wand", so der Blogger. Das bestätigen mäßig lustige Posts, auf denen Prigoschin im wechselnden Outfit als "Rüstungsfachmann aus dem Sudan, Diplomat aus Abu Dhabi, Oberleutnant aus Bengasi und Oberst aus Tripolis" zu sehen ist, jeweils mit falschen Bärten, bizarren Brillen und dekorativen Kopfbedeckungen oder auch "Palästinensertuch": "Wer auch immer das genehmigte, tat dem 'Koch' eindeutig einen Gefallen. In der kommenden Woche werden ihn neue Photoshops, Memes und andere Hypes feiern, und das ist viel wert." Beim älteren TV-Publikum sei Prigoschin zwar "am wenigsten beliebt", doch im Netz sei die Stimmungslage keineswegs "so eindeutig". Könnte also sein, dass der Kreml gerade mal wieder ausschließlich zu den bereits Bekehrten predigt, so russische Soziologen.

"Vielleicht wird eine Art sanfte Entheroisierung eines Rebellen angestrebt, aber in Ermangelung eines Strafverfahrens sieht das alles eher wenig überzeugend aus und dient daher nur dazu, diese Person in der Masse bekannt zu machen", ist in einer Analyse zu lesen: "Man hat den Eindruck, dass irgendjemand Wagner nicht nur nicht vor den Kopf stoßen will, weil es schlecht ausgehen könnte, sondern die Truppe in den Medien trotz alledem gezielt unterstützt. Es wird schließlich auf öffentliche Kosten Wasser auf seine Mühle gegossen."

"Das Haus ist wunderschön"

Ähnlich entgeistert zeigte sich der kremlnahe Politologe Sergej Markow. Auch er fragte sich im Telegram-Blog, warum der Kreml Prigoschins Villa vorführte: "Das Haus ist wunderschön. Im Gegensatz zum Protzstil vieler unserer Reichen. Das heißt, der Besitzer wird als kultivierter Mensch mit Stil präsentiert." Der Söldnerführer werde geradezu als "Workaholic" dargestellt, weil seine Behausung "viel Funktionalität" habe, samt Waffen und Sanitätsraum: "Der Gesellschaft wird das bescheidene Haus eines reichen Mannes präsentiert und nicht der Palast der Neureichen und Veruntreuer, die voll gestopft sind."

Selbst Prigoschins Gegner Igor Strelkow gestand, wahrscheinlich habe der Oligarch weniger zusammengerafft als der Clan von Verteidigungsminister Schoigu. Irritiert zeigte sich der Ultrapatriot nur von den vielen Perücken, die angeblich in einem Schrank der Villa gefunden wurden. Vermutlich sei ein italienisches Kinderbuch aus dem Jahr 1958 die Ursache dafür: "Anscheinend hat Jewgeni als Kind Gianni Radaris Buch 'Gelsomino im Lande der Lügner' gelesen und sich in das dort abgebildete Porträt des Königs Giacomo vernarrt. Im Laufe der Jahre bekam Prigoschin allerdings eine Glatze wie ein Pirat. So blieb ihm nur noch, den Staat zu kapern, selbst König zu werden und alle davon zu überzeugen, dass auch er eine üppige Haarpracht hat."

"Leute, seid ihr völlig verrückt geworden?"

Viele weitere Blogger zeigten sich äußerst aufgebracht über Putins Propaganda-Maschinerie: "Zeigen Sie doch die Villen von Schoigu, die Villen der Abteilungsleiter, stellvertretenden Verteidigungsminister, den Leiter des Finanzdienstes, die Villen der stellvertretenden Kommandeure der Bezirke für Logistik, Finanzen, die Villen der Kommandeure selbst. Zeigen Sie den Menschen Ihre Villen! Ganz schwaches Vorgehen!"

Der Kreml sei völlig von der Rolle, meint das Portal "Russland kurzgefasst" mit seinen 465.000 Abonnenten. Erst habe Putin jahrelang dementiert, irgendetwas mit den weltweit aktiven Wagner-Söldnern zu tun zu haben, dann habe er mit großem Aplomb verbreitet, Prigoschin habe Millionenbeträge aus dem Staatshaushalt kassiert, wohl um dem Privatarmeebetreiber damit zu schaden. Doch letztlich habe der Kreml damit sich selbst ins Aus manövriert, schließlich wurde so öffentlich, dass niemand anders als Putin die "Wagner"-Truppe gehätschelt habe: "Leute, seid ihr völlig verrückt geworden, euch so offenkundig ins eigene Bein zu schießen?"

Wendet Prigoschin "irgendeinen Trick" an?

Die Kreml versuche wohl, "einige Teile der Gesellschaft" zu erreichen, heißt es in einem weiteren Blog: "In einem Land mit einer extrem krassen wirtschaftlichen Ungleichheit funktionieren die Prinzipien der Klassenfeindlichkeit reibungslos. Es besteht keine Notwendigkeit, etwas anderes zu erfinden. Man kann in Russland immer noch superreich sein, aber man muss patriotisch und bescheiden wirken." Offenbar ziele die gesamte russische Machtvertikale auf Prigoschin und setze auf "Negativität".

Der inhaftierte Oppositionspolitiker Ilja Jaschin, einer der prominentesten Putin-Gegner überhaupt, vertrat den Standpunkt, es sei viel zu früh, Prigoschin abzuschreiben. Wenn es ernst werde, könne er durchaus seine letzten Getreuen um sich versammeln und "irgendeinen Trick" anwenden. Der im Exil lebende Politologe Abbas Galljamow verwies darauf, dass von der Front zunehmend Klagen über Munitionsmangel kämen, was aus seiner Sicht wie ein "Alibi" für kommende Rückzüge sei: Schon Prigoschin habe sich mit der Ausrede von der Front geschlichen, es gebe nicht genug Granaten.

Politologe: "Es ist wie ein Streit unter Aktionären"

Galljamow empfahl, sich den Konflikt zwischen Prigoschin und dem Kreml als Zoff unter "Aktionären" vorzustellen: "Er hat nicht versucht, Putin zu stürzen, weil er das Unternehmen, dessen Miteigentümer er war, nicht in den Bankrott treiben wollte. Prigoschin wollte lediglich seinen Kapitalanteil an diesem Geschäft erhöhen – etwa von einer Minderheitsbeteiligung auf eine Sperrbeteiligung. Steigerung nicht einmal im Sinne eines zusätzlichen Gewinns, sondern im Sinne des Rechts, an der Entwicklung von Managemententscheidungen mitzuwirken." Da der Kreml Prigoschin sein ursprünglich beschlagnahmtes Eigentum zurückerstattet habe, bleibe der Mann offenkundig "Aktionär" am System: "Deshalb ist ein neuer Konflikt nicht ausgeschlossen. Keine der Ursachen, die zur vorherigen Verschärfung geführt hatten, wurde beseitigt."

"Es stimmt verdammt noch mal nicht"

Obendrein stürzt der Rubel ab ("Die Gerüchte über den Tod des Dollars waren stark übertrieben"), der Haushalt gerät aus den Fugen, die Öl- und Gaseinnahmen sind im freien Fall und Militärblogger machen schlechte Stimmung, weil die russischen Soldaten völlig ausgelaugt seien und seit Monaten keinen Urlaub bekämen, während die ukrainischen Einsatzkräfte regelmäßig "rotierten": "Ich verstehe alles, Gegenoffensive, Angriffe, es gibt gerade niemanden, den man ersetzen kann. Aber sie sagen doch immer, dass es so viele Freiwillige gibt, warum also nicht die Leute austauschen? Warum dürfen sie nicht mal zwei Wochen nach Hause gehen? [wie es Putin versprochen hatte] Sie sagen, dass eine neue Mobilisierung nicht nötig sei, alles sei in Ordnung. Aber das stimmt verdammt noch mal nicht."

Eine "politische Lösung" sei dringend erforderlich, um die Soldaten in die Lage zu versetzen, an der Front zu bestehen. Das alles ist in dieser Kombination kein gutes Propaganda-Umfeld. Kein Wunder, dass Putin jüngst den Chef der Nachrichtenagentur TASS rauswarf und durch seinen ehemaligen Wahlkampfsprecher ersetzte. Ob das hilft?

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