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"Der Leuchtturm" mit Willem Dafoe und Robert Pattinson | BR24

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Zwei Männer, ein Leuchtturm. In seinem neuen Film "Der Leuchtturm" knackt Regisseur Robert Eggers das Rezept für ein perfektes Psycho-Duell. Ein schwarz-weißer Showdown um Macht, Gewalt und unterdrückte Erotik.

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"Der Leuchtturm" mit Willem Dafoe und Robert Pattinson

Zwei Männer, ein Leuchtturm. In seinem neuen Film "Der Leuchtturm" knackt Regisseur Robert Eggers das Rezept für ein perfektes Psycho-Duell. Ein schwarz-weißer Showdown um Macht, Gewalt und unterdrückte Erotik.

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Vier Wochen, zwei Männer, eine Insel. Nein, hier wird nicht das neue Survival-Serienformat irgendeines Privatsenders zusammengefasst, das hier ist die Ausgangsbasis des Psychodramas "Der Leuchtturm". Und garstiger Ernst. "Toxischer Ernst" würde man wohl sagen, würde es um die Gegenwart gehen. Da die Handlung aber im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert spielt, ist die Wortwahl altmodisch. Und die Dialoge zwischen den beiden Protagonisten klingen, als hätten Shakespeare und Melville ein düsteres Manifest rivalisierender Maskulinität verfasst: "Sieh dich an. Ein so hübscher Junge mit Augen frisch wie der junge Tag. Kommst auf diesen Fels, spielst das Raubein. Du bringst mich zum Lachen mit deinem falschen Grimm. Du gibst vor, da läge etwas Geheimnisvolles in deinem Schweigen. Aber da ist nichts Geheimnisvolles."

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Sie sind sich spinnefeind

Phallisch geformte Zwangs-WG

Sie sind sich spinnefeind, diese beiden einander fremden Männer, die einen Monat lang den Leuchtturm auf einer unbewohnten Insel in New England betreiben sollen. Der eine, gespielt von Willem Dafoe, ist ein alter Seemann mit Hang zu Monologen, zügellosem Alkoholkonsum und rüdem Verhalten. Der andere, Robert Pattinson, ist in der Seefahrt unerfahren, schweigsam und trinkt nicht. Das Misstrauen ist groß in dem meerumtosten Leuchtturm. Und die Luft in dieser phallisch geformten Zwangs-WG ist zum Schneiden dick: "Und wenn ich sage, du ziehst jeden einzelnen elenden Nagel aus jedem einzelnen vermoderten Nagelloch und lutscht sie bar jedes Fleckens Rost, so dass der Haufen Nägel funkelt wie ein blanker Pottwal-Pimmel und du daraufhin die Anlage der Leuchtturm-Station von Neuem aufbaust und das Ganze dann gleich wiederholst, dann tust du es! Und bei Gott und bei den Göttern, tu es auch mit einem Lächeln, denn es wird dir gefallen! Es wird dir gefallen, weil ich es so will!"

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Paranoides Flackern

Auch wenn Dafoe einen Großteil der theatralischen, manchmal bis zur Karikatur überspitzten Wortschwälle ausspuckt: Betrachtet wird das zunehmend aggressiver werdende Zusammenleben der beiden Kontrahenten durch Pattinsons Augen. Sein Blick irrlichtert bereits bei Betreten der Insel. Doch das diktatorische Regime seines Gegenübers, die eskalierenden Naturgewalten und der später auch von ihm konsumierte billige Fusel tun ihr Übriges, um das paranoide Flackern zu intensivieren und die Grenzen zwischen Realität und Einbildung zu verwischen. Ist es wirklich nur der Alkohol, der den volltrunkenen Alten die Götter der Meere heraufbeschwören lässt? Oder ist er die Ausgeburt der Hölle und muss zur Sicherung des eigenen Lebens eliminiert werden?

Erinnert an "Dr. Mabuse"

Sicher sein kann sich der Betrachter eigentlich nur in einem Punkt: "Der Leuchtturm" ist ein außergewöhnliches Fest für Augen und Ohren, ein verstörendes Psychoduell zwischen zwei von Anfang bis Ende brillant aufspielenden Darstellern. Gefilmt in nebligem Schwarz-Weiß, ist das klaustrophobisch anmutende Spiel aus Licht und Schatten eingezwängt in ein auch optisch beengendes 4:3-Format und erinnert an expressionistische Klassiker der Stummfilmzeit wie "Dr. Mabuse".

© A24 Films

Fernab des Mainstreams

Das von Regisseur Robert Eggers und seinem Bruder verfasste Drehbuch bewegt sich fernab jeglicher Mainstream-Ambitionen und zieht den Betrachter unweigerlich mit hinab in die explosive Abwärtsspirale aus Einsamkeit und Frust und Wahnsinn. Wohin das alles führen soll, lässt sich kaum erahnen – und führt auch nicht zwangsweise zu einem vollends befriedigenden Ende. Dass Eggers jedoch die hohe Kunst des altmodischen und unkonventionellen Independent-Horrors so gut beherrscht wie kein anderer, das hat er mit seinem zweiten Spielfilm mehr als eindrücklich bewiesen.

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