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"Letztlich geht der Terrorhandlung immer eine Verletzung voraus" | BR24

© Audio: BR Bild; dpa/bildfunk

Barbara Knopf im Gespräch mit dem Germanisten Tobias Heinrich über Terror, Rache und Amoklauf und welche Rolle die Verletzlichkeit dabei spielt.

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"Letztlich geht der Terrorhandlung immer eine Verletzung voraus"

Einordnungen wie "Angriff auf die Meinungsfreiheit", auf "die Werte Europas" sind bei den jüngsten gewalttätigen Morden immer schnell bei der Hand. Der Germanist Tobias Heinrich plädiert dafür, auch die Verletztheit des Täters zu reflektieren.

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Von
  • Barbara Knopf

In Wien erschießt ein 20-jähriger Österreicher mit nordmazedonischen Wurzeln vier Menschen, verletzt über 20 weitere Personen, bewaffnet mit einem Sturmgewehr, einer Machete und einer Sprengstoffgürtelattrappe. Der IS bezeichnet den später erschossenen Täter als “Soldat des Kalifats”. In Nizza attackiert ein wenige Wochen zuvor eingereister Tunesier drei Menschen tödlich, indem er zweien die Kehle durchschneidet. Bei Paris wird ein Lehrer enthauptet, der Täter mit tschetschenischen Wurzeln reist 100 Kilometer weit an in den kleinen Ort. Die Aufzählung zeigt bereits ein Muster und vor allem: eine drastische, archaische Dramaturgie. Jenseits der schrecklichen Gewalt liegt in den Taten, wenn man so will, eine Erzählung, eine Mitteilung. Die Frage ist worüber und warum. Der Germanist Tobias Heinrich hat sich in seiner Forschung mit “Rache als Narrativ des Terrors” beschäftigt. Er ist gebürtiger Wiener und lehrt an der britischen Universität in Kent. Barbara Knopf hat mit Tobias Heinrich gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Heinrich, die Exzesse der Gewalt sind im Grunde genommen ja rätselhafte Akte, die man zu bewältigen versucht, indem man Erklärungen durchspielt. Bei diesem Versuch, der Gewalt einen Sinn zu verleihen, sagen sie und da haben Sie sich im geisteswissenschaftlich damit auseinandergesetzt. Rache könnte ein sinnstiftendes Element sein.

Tobias Heinrich: Ganz genau. Augenscheinlich provozieren solche Taten sofort Erklärungsmuster. Das kann in privaten Gesprächen passieren oder in den Medien passieren, und passiert auch immer umgehend. Beim aktuellen Wiener Beispiel die Frage: Handelt es sich um einen Terroristen oder um einen Amokläufer? Und der Unterschied ist hier die Frage: Ist das eine willkürliche, scheinbar nicht provozierte, destruktive Handlung, die auch Todesfolgen mit sich bringt? Oder ist sie motiv- und zielgerichtet? Diese Frage ist grundsätzlich sehr schwer zu klären. Es sind eben Geschichten, die wir dann entwerfen, Verbindungen, die wir herstellen. Und in meiner Forschung frage ich mich, inwiefern diese Geschichten auch für uns immer hilfreich und sinnvoll sind. Derzeit liegt das "Narrativ" des Terrorismus sehr schnell bei der Hand: Dass es sich um islamistische, terroristische Anschläge handelt, die international zumindest ideologisch miteinander verknüpft sind. Ich frage mich aber, ob der Begriff des Amoklaufs nicht wieder stark gemacht werden sollte. Denn er achtet sehr viel mehr auf das Persönliche und Individuelle des Täters, auf psychologische Motive und biografische Gründe.

Wieviel Platz ist denn überhaupt in dieser, in gewisser Weise hilflosen Diskussion nach solchen Gewaltakten überhaupt für die Idee von Individualität? Denn oft heißt es ja in der Täterdiskussion, man möchte sie gar nicht so in den Vordergrund stellen.

Das halte ich eigentlich für sehr problematisch. Wir haben z.B. in der Reaktion auf beide Anschläge, sowohl in Nizza als auch dann in Wien, Emmanuel Macron erlebt, der sehr schnell die politische Dimension dieser Tat ins Feld geführt hat: Den Angriff auf die westlichen demokratischen Werte, auf die Meinungsfreiheit. Damit hat er aber auch diese Taten in einem Sinn veredelt und ihnen eine größere Dimension gegeben, als das vielleicht für uns als Gesellschaft überhaupt hilfreich ist. Hier ist es für alle Beteiligten - das betrifft Politiker, Medien, aber auch uns selbst in den privaten Gesprächen - vielleicht geboten, einen Schritt zurück zu tun und auch mal innezuhalten. Um diese Täter nicht nur als verbunden im Sinne eines gemeinsamen Ziels oder eines größeren ideologischen Terrorakts zu sehen, sondern deren Individualitäten und einzelne Lebensgeschichten wahrzunehmen.

Und bei diesen Lebensgeschichten spielt Rache dann eine große Rolle?

Rache ist etwas, das von beiden Seiten sehr schnell ins Feld geführt wird als Motiv für eine Tat. Rache geht immer schon etwas voraus, ist eine Übertretung, eine Verletzung. Rache nimmt jemand, der selbst schon zum Opfer geworden ist. In diesem Verhältnis, dass sich auf beide, auf die Amokläufer und auf die Terroristen anwenden lässt, in diesem Verhältnis halte ich es für ganz wichtig, nicht nur den Gewaltakt in den Vordergrund zu stellen, sondern auch die Verletzung und die Verletzlichkeit an und für sich. Ein zweites Problem wird viel zu selten thematisiert: Es handelt sich ja fast ausschließlich um männliche Täter. Und ich glaube, wenn es um Strategien geht, mit der eigenen emotionalen Verletzlichkeit. umzugehen, dann ist es zum großen Teil auch ein Problem der Männer.

Sie haben Forschungen als Germanist zur Rache gemacht und sich mit dem Drama “Michael Kohlhaas” von Kleist auseinandergesetzt. In dem es um den brandlegenden, raubenden Kohlhaas geht, den man eben als ambivalenten Charakter sehen kann. Aber kann man so eine literarische Auseinandersetzung auf einen zeitgeschichtlichen politischen Akt übertragen?

Unbedingt. Und das muss man auch. "Michael Kohlhaas" wird von der RAF bis zum islamistischen Terror immer wieder als eine der Geschichten betrachtet, die uns im deutschen Kulturraum zur Verfügung stehen, um diese Fragen zu klären. Was "Michael Kohlhaas" hier so besonders macht ist, dass Kleist als Erzähler und auch als jemand, der die Medien seiner Zeit gut kennt – Kleist ist später selbst Zeitungsherausgeber –, sich all dieser Fragen sehr bewusst ist: Wie wird eine Tat zu einer politischen Tat? Und so changiert diese Figur zwischen einem Menschen, für den wir Verständnis aufbringen, mit dem wir vielleicht sogar mitleiden, dessen Tat wir rechtfertigen wollen und auf der anderen Seite ist da: der Mordende, der Exzess, der zu der Verletzung, die Michael Kohlhaas erfährt, überhaupt nicht mehr passt. Im Endeffekt geht es da um ein wirtschaftliches Verhältnis, es geht um zwei Pferde, die er verloren hat und für die er dann ganze Städte vernichtet.

Aber so ist es in Wirklichkeit ja auch. Die Verletzung, die Kränkung und die Rache, der Terrorakt stehen in keinem Verhältnis zueinander.

Ganz genau. Da müssen wir uns bewusst sein, was diese emotionale Verletzlichkeit anrichten kann. Ich ziehe als Beispiel die Mohammed-Karikaturen heran. Das ist für uns im Sinne der westlichen Meinungsfreiheit vielleicht eine Art Ventil, eine ironische Distanznahme von religiösen komplexen Zusammenhängen. Auf der anderen Seite kann das aber für einen Menschen, der sich hier stärker involviert fühlt, eine Grenzüberschreitung sein, die ihn in seinen Grundfesten erschüttert.

Ich glaube nur, die Bereitschaft sich angesichts des Schreckens und der Angst mit diesen Gefühlen oder diesen persönlichen Verletzungen auseinanderzusetzen, ist nicht groß.

Das ist eine der ganz kritischen Fragen. Es ist ein Impuls, der schnell – und verständlicherweise – da ist: sich von den Tätern und Terroristen zu distanzieren – ich sage jetzt ganz bewusst nicht die Terroristin– , um sie als das radikal Andere wahrzunehmen. Aber wenn wir diesen Problemen, denen wir uns als Gesellschaft stellen müssen, an der Wurzel begegnen wollen, geht es eigentlich um das Umgekehrte, nämlich: das Gemeinsame anzusehen. Und das liegt meines Erachtens eben in der Verletzlichkeit. Wir fühlen uns durch den Terror verletzbar. Letztlich geht der Terrorhandlung oder der Amokhandlung immer auch eine Verletzung voraus.

Dieses Thema ist sehr kompliziert, nur damit man Sie nicht falsch versteht: Sie plädieren dafür, den Einzelnen und seine Beweggründe in einer Biografie zu sehen. Aber Sie rechtfertigen nicht den Terror, der daraus entsteht.

Nein, natürlich nicht. Ich glaube, wenn es darum geht, die Gründe, die zum Terror führen, zu analysieren, dann geht es immer darum, diese Handlungen zu verhindern und die Täter schon im Vorfeld gar nicht erst zu Tätern werden zu lassen. Aber das Verständnis für die Gründe einer Tat, kann nie zur Rechtfertigung der Tat führen.

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