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Letzter Tango und wilde Ekstase: Italien schafft Filmzensur ab | BR24

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"Lola" geht gar nicht: Szene aus zensiertem Fassbinder-Film

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    Letzter Tango und wilde Ekstase: Italien schafft Filmzensur ab

    Es traf Star-Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Pier Paolo Pasolini, Bernardo Bertolucci, Federico Fellini und viele andere: Rund 10.000 Filme wurden seit 1944 in Italien von der Filmbehörde verboten oder geschnitten. Damit ist jetzt Schluss.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Ganz schön lang, die Liste der Filme, die in Italien auf die eine oder andere Weise zensiert wurden. Auf der Website "Cinecensura", die vom italienischen Kulturministerium gesponsert wird, können Interessierte sich durch die vier Themenfelder Sex, Gewalt, Politik und Religion klicken und stoßen dabei auf "Deutschland im Herbst" (1978) und "Lola" (1981), auf den "Letzten Tango in Paris" (1972) auf Billy Wilders "Das Mädchen Irma la Douce" (1963) und Luis Buñuels "Schöne des Tages" (1967).

    Zuletzt erregte Daniele Ciprìs provokanter Episoden-Film "Totò, der zweimal lebte" (1998) den Argwohn der Aufpasser. Damit soll jetzt aber "endgültig" Schluss sein: Der italienische Kulturminister Dario Franceschini verkündete das Aus für staatliche Eingriffe in die Kinoproduktion: "Die Kinozensur wurde abgeschafft, das Kontroll- und Interventionssystem, das es dem Staat noch ermöglichte, in die künstlerische Freiheit der Macher einzugreifen, wurde endgültig überwunden."

    Gleichzeitig legte Franceschini die Verantwortung für die Aufsicht über den Filmvertrieb in die Hände einer Kommission, die ähnlich wie in Deutschland künftig alle Neuproduktionen nach Altersangaben klassifizieren soll. Das Gremium soll vom Präsidenten des Staatsrats, Alessandro Pajno, geleitet werden und besteht aus 49 Experten der Filmbranche. Sie alle können keine Filme mehr verbieten oder Kürzungen anordnen, sondern nur noch Empfehlungen aussprechen. In den letzten beiden Jahrzehnten hatte es allerdings ohnedies keine aufsehenerregenden Eingriffe mehr in die künstlerische Freiheit gegeben.

    Pasolini wurde "Verachtung des Staates" vorgeworfen

    Früher allerdings hatte die Filmzensur in Italien noch für erbitterte Debatten gesorgt. So wurde die Zerstörung fast aller Kopien von Bernardo Bertoluccis bis heute umstrittenem "Letztem Tango in Paris" angeordnet, in dem Marlon Brando und Maria Schneider mit für damalige Zeiten freizügigen Sex-Szenen weltweit für Schlagzeilen sorgten. Zur "Beweissicherung" wurden lediglich drei Kopien eingelagert. Erst 1987, fünfzehn Jahre nach dem Filmstart, durfte das Werk öffentlich gezeigt werden.

    Natürlich hatte es auch Pier Paolo Pasolini mit seinen "120 Tagen von Sodom" schwer: Wegen "Verachtung des Staates" bekam das italienische Publikum die eindrückliche Studie über den Faschismus und die sadomasochistischen Abgründe der Großbourgeoisie nicht zu sehen. Damit war Pasolini in allerbester Gesellschaft: Luchino Visconti hatte ebenso mit der Zensur zu tun wie Ettore Scola und Michelangelo Antonioni.

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    120 Tage von Sodom: Szenenbild

    Begonnen hatte die italienische Filmzensur ihre Arbeit bereits in der Stummfilm-Ära. Zu den ersten ganz großen Skandalen gehörte Gustav Machatýs "Ekstase" (1933), ein Melodram, in dem die später zu Hollywood-Ruhm gekommene Hedwig Eva Maria Kiesler alias Hedy Lamarr mit Nacktszenen und einem sehr realistisch gespielten Orgasmus in Großaufnahme Furore machte. Zwar waren die italienischen Regierungen ab 1962 teilweise großzügiger, was Eingriffe in die Kunstfreiheit betraf, doch obwohl die Zensoren selbst mal ein Auge zudrückten, gingen häufig Vertreter der Kirchen oder Staatsanwälte auf die Barrikaden, um "unanständige" Filme zu verhindern. Irgendein Paragraph des Strafgesetzbuchs fand sich immer, der vermeintlich passte.

    274 italienische, 130 amerikanische und 321 Filme aus anderen Nationen durften seit 1944 in Italien nicht gezeigt werden. Allerdings erfüllte die Zensur ihre Zwecke immer nur teilweise: Viele Regisseure sollen es geradezu darauf angelegt haben, den Aufpassern Argumente zu liefern, um ihre Filme "interessanter" zu machen, denn Verbotenes kitzelt ja traditionell die Bedürfnisse von Teilen des Publikums.

    Auch in Deutschland gibt es Einschränkungen

    In Deutschland heißt es zwar in Artikel fünf des Grundgesetzes, dass eine Zensur nicht stattfindet, gleichwohl gibt es für den Vertrieb von Filmen zahlreiche Einschränkungen. So gelten besonders rabiate NS-Propaganda-Werke wie "Jud Süß" oder "Kolberg" als "Vorbehaltsfilme", deren Vorführung nur unter Auflagen erlaubt ist. Im "Gesetz zur Überwachung strafrechtlicher und anderer Verbringungsverbote" heißt es außerdem: "Es ist verboten, Filme, die nach ihrem Inhalt dazu geeignet sind, als Propagandamittel gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung zu wirken, in den räumlichen Geltungsbereich dieses Gesetzes zu verbringen, soweit dies dem Zweck der Verbreitung dient."

    Das hatte auch konkrete Auswirkungen: So wurde 1963 Sergei Eisensteins "Alexander Newski" wegen angeblich "deutschfeindlicher Szenen" von einem "interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Fragen" verboten. Lediglich eine um ein Drittel gekürzte Version durfte vorgeführt werden, ein Eingriff, der die Aussage des Films ins krasse Gegenteil verkehrte. 1983 gab es Aufregung um Herbert Achternbuschs "Gespenst", wüste Kettensägen-Exzesse wie das "Blutgericht in Texas" (1974) oder Zombie-Schlächtereien wie George A. Romeros "Dawn of the Dead" (1978) sind ebenfalls bis heute umstritten, wenngleich sie in Fan-Kreisen längst "Kult-Status" haben.

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