Chor hält qualmende Lichter in die Höhe
Bildrechte: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Moskau in Flammen: Prokofjews "Krieg und Frieden"

    Leo Tolstois "Krieg und Frieden": Buch, Film, Musical oder Oper?

    Wer sich mit dem berühmten russischen Dichter in die Schlacht um Moskau werfen will, muss viel Zeit und Geduld mitbringen. Lohnt sich der Aufwand, den Klassiker zur Hand zu nehmen, oder helfen moderne Versionen doch eher, Russland zu verstehen?

    Zugegeben, am Landestheater Linz dauert das Musical "Natascha, Pierre und der große Komet von 1812" nur knapp drei Stunden, aber dafür darf der Zuschauer auch wirklich nur eine einzige Moral von Tolstois "Krieg und Frieden" mit nach Hause nehmen: Die aufregenden Männer sind alle schon verheiratet. Komponist Dave Malloy lässt seinem selbst erklärten Hang zum "Anachronismus" freien Lauf und schert sich in seiner 2012 erstmals aufgeführten Electro-Pop-Version weder um Napoleon, noch um die Schlacht von Borodino, noch um Tolstois Ringen mit der russischen Spiritualität.

    Stattdessen erzählt er vergleichsweise kurz und lautstark die hormonellen Nöte der leicht entflammbaren Natascha Rostowa, die mit einem langweiligen russischen Offizier verlobt ist und mit einem deutlich impulsiveren, aber leider charakterlich missratenen Liebhaber durchbrennen will.

    Jeder Weg zu Tolstoi ist verheißungsvoll

    Das Ganze erinnert in der Inszenierung von Matthias Davids eher an das Flower-Power-Musical "Hair" als an Tolstoi. Mag sein, dass mancher Zuschauer verführt wird, den Roman zu kaufen, vielleicht sogar in der gefeierten Neuübersetzung von Barbara Conrad, aber es ist zu vermuten, dass die meisten Electro-Pop-Enthusiasten vom Text doch enttäuscht und erschöpft sein werden, nimmt die auf der Bühne gezeigte Handlung doch gerade mal ein Kapitel ein (fünfter Teil des zweiten Buchs). Andererseits: Jeder Weg zu Tolstoi ist ein verheißungsvoller.

    Bekanntlich wurde der russische Klassiker zwei Mal aufwändig verfilmt, 1956 von Hollywood und zehn Jahre später von der Sowjetunion. Die amerikanische Version von Regisseur King Vidor (208 Minuten) blieb mit ihren Massenszenen in Erinnerung, vor allem jedoch wegen Audrey Hepburn in der Hauptrolle der Natascha. Als bis heute verehrtes It-Girl und Stilikone nahm die Hepburn mit der Tolstoi-Rolle eigentlich nichts anderes vorweg als die unvergessene Rolle der leichtlebigen und unbekümmerten Holly Golightly in "Frühstück bei Tiffany" (1961). Auch Tolstoi ging es ja darum, den Gegensatz zwischen "tiefen" und "flachen" Menschen zu zeigen. Ob das allerdings reicht, um sich Hollywoods Fünfziger-Jahre-Bombast zuzumuten, sei dahingestellt.

    Stalins Musikgeschmack dominiert die Oper

    Der vierteilige Film von Sergei Bondartschuk aus dem Jahr 1966 ist hierzulande deutlich weniger bekannt. Kritiker lobten die sowjetische 432-Minuten-Fassung dafür, dass sie nahe am Roman blieb und Tolstoi streckenweise wörtlich zitiert. Allein die Tatsache, dass der "Evangelische Filmbeobachter" diesen Historienschinken schon ab 14 Jahren empfahl, sollte allerdings hellhörig machen. Im Personen- und Schlachtengetümmel fällt es schwer, den Überblick zu behalten, und der "Moralin"-Gehalt ist aus heutiger Sicht doch ziemlich hoch, der bildästhetische Anspruch aber auch. Hollywood-Regisseure nannten es eine ziemliche Leistung, das Bondartschuk seine Zuschauer über eine derartige Distanz einigermaßen wach hielt.

    An der Bayerischen Staatsoper fassten sie sich ein Herz und setzten die Tolstoi-Oper von Sergei Prokofjew von 1946 auf den Spielplan, dankenswerter Weise leicht gekürzt, so dass der Abend mit Pause gut vier Stunden in Anspruch nimmt. Leider sind es gefühlt eher sechs, was nicht am Regisseur Dmitri Tcherniakov, an Dirigent Wladimir Jurowski oder gar den hervorragenden Mitwirkenden liegt. Prokofjew musste sich wohl oder übel an Stalins Musikgeschmack halten, und die Sowjetunion befand sich zur Entstehungszeit der Oper im "Großen Vaterländischen Krieg". Wenig verwunderlich, dass kühler Heroismus dominiert.

    Heldentum unter roten Fahnen

    Der Einzelne zählt wenig bis gar nichts, wenn Weltreiche aufeinander prallen, dieser Ansicht war auch Tolstoi. Insofern ist der monumentale Prunk Prokofjews inhaltlich nicht unbegründet, wenn da nicht die dramaturgischen Schwächen wären. Das Werk zerfällt in zwei Teile, die wenig miteinander verbindet und irritiert mit so aufdringlichem wie einseitigem Ultra-Patriotismus. Das kann Tcherniakov trotz fleißigen Bemühens auch nicht vergessen machen. Er versucht es mit Karikaturen, etwa von Napoleon und vom russischen Feldmarschall Michail Kutusow, aber das wird Tolstoi nicht gerecht.

    Das Hurra-Geschrei der Volksmassen wurde behutsam aufs Nötigste reduziert, das Heldentum sogar symbolisch unter roten Fahnen bestattet, eine Anspielung auf Stalins Tod, der am selben Tag starb wie Komponist Prokofjew, übrigens auch an derselben Krankheit, einer Hirnblutung. Ob diese Assoziation reicht, das sperrige Werk dem bayerischen Publikum näher zu bringen, erscheint zweifelhaft. Andererseits: Das realsozialistische Ballett "Spartacus" von Juri Grigorowitsch begeisterte 2016 gegen alle Erwartungen die Abonnenten.

    Sinnentleerte Leben voller Langeweile

    Bleibt der 1868/69 veröffentlichte Roman. Er umfasst, je nach Ausgabe, zwischen 1.500 und knapp 2.300 Seiten. Es sei hier davor gewarnt, bei Wikipedia das Verzeichnis der "Hauptpersonen" anzuklicken: Es ist so umfangreich, dass sich kaum jemand der Flut von Namen, Tätigkeiten und Verwandtschaftsbeziehungen gewachsen fühlen dürfte. Aber das sollte natürlich niemanden von der Lektüre abhalten. Der Roman ist deshalb so umfangreich, weil Tolstoi mehrere Bücher zu einem gebündelt hat: Er schildert höchst subjektiv ein spannendes Kapitel Zeitgeschichte, nämlich Napoleons Scheitern in Moskau, die damit verbundenen Schicksale russischer Adelsfamilie und einen inneren und äußeren Kulturkampf, der bis heute anhält.

    Bekanntlich orientierte sich auch die russische Oberschicht an französischer Lebensart, was Tolstoi ein Dorn im Auge war. Wer auf sich hielt, ging "nach Europa" und ließ sich das Geld von den Landgütern dorthin überweisen. Für Tolstoi waren diese Russen entwurzelte Menschen, die völlig sinnentleerte Leben hinter sich brachten und dabei auch noch langweilten. Der Asket und Sinnsucher empfahl dagegen Bibellektüre und im wirklichen wie übertragenen Sinne frische Landluft. Dass er "Patriotismus" als Laster empfand, macht Tolstoi dem Kreml bis heute verdächtig.

    Genaueste, aber nicht eleganteste Übersetzung

    Was den jetzt wieder mit Waffengewalt ausgetragenen Widerstreit zwischen "russischen" und europäischen Werten betrifft, ist Tolstois "Krieg und Frieden" somit (leider) topaktuell in jeder Hinsicht. Historisch Interessierte werden mit Genuss nachlesen, wie er den defensiv orientierten Feldmarschall Michail Kutusow gegenüber dem forschen, auf Offensive drängenden Zaren Alexander I. in Schutz nimmt. Klingt wie der Streit zwischen dem Söldnerführer Prigoschin und dem heutigen Verteidigungsminister Schoigu, nur mit umgekehrten Rollen. Vor allem jedoch überzeugt Tolstoi bis heute als Seelenkundler, der allerdings wenig Trost bereit hält. Mit der scheinbaren Sinnlosigkeit des Daseins klar zu kommen, ist fraglos noch schwerer, als "Krieg und Frieden" zu Ende zu lesen.

    Leo Tolstoi: "Krieg und Frieden", neu übersetzt von Barbara Conrad, 2288 Seiten, Hanser-Verlag München 2010, gebunden 68 Euro, broschiert 35 Euro. Ältere Übersetzungen, die in zahlreichen Auflagen und Ausgaben erhältlich sind, stammen von Hermann Röhl bzw. Marianne Kegel. Die neueste Übersetzung gilt allerdings unter Fachleuten als "genaueste", wenn auch stilistisch nicht unbedingt eleganteste.

    "Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!