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Schriftstellerin, Glückssucherin: 100. Todestag von Lena Christ | BR24

© Audio: Bayern 2/ Bild: BR

Heute vor 100 Jahren nahm sich Lena Christ das Leben, mit nur 38 Jahren auf dem Münchner Waldfriedhof, Ein Gespräch über Lena Christ mit ihrer Biografin Gunna Wendt.

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Schriftstellerin, Glückssucherin: 100. Todestag von Lena Christ

Sie schrieb die "Erinnerungen einer Überflüssigen" und musste sich zeitlebens ungeheuer anstrengen, um sich zu finden: als Tochter, Schriftstellerin und Ehefrau. Ein Gespräch über Lena Christ mit ihrer Biografin Gunna Wendt.

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Heute vor 100 Jahren nahm sich Lena Christ das Leben, mit nur 38 Jahren auf dem Münchner Waldfriedhof, wo sie auch beerdigt ist. Christoph Leibold hat über Leben und Werk der bayerischen Schriftstellerin mit Gunna Wendt gesprochen, Autorin der Biografie "Lena Christ. Die Glückssucherin".

Christoph Leibold: Wieso war Lena Christ, die sich von ihrem Lebensunglück in den Selbstmord flüchtete, für Sie eine Glückssucherin?

Gunna Wendt: Das war der Aspekt ihres Lebens, der mich besonders interessiert hat. Natürlich steht diese unheimliche Leidensgeschichte im Vordergrund, die sie erlebt und durchlebt hat. Aber was mich bei ihr besonders beeindruckt hat: dass sie versucht hat, da rauszukommen und ein glückliches Leben zu führen – ein Leben, so wie sie es wollte. Das war ja damals für Frauen nicht gerade sehr einfach. Also mich hat einfach ihr Mut und diese Fantasie bei der Selbsterfindung fasziniert, und da fand ich den Titel "Glückssucherin" sehr passend.

In diesem Sommer jährt sich nicht nur der Tod von Lena Christ zum 100. Mal, sondern auch der von Ludwig Ganghofer. Hier der Bestseller-Autor, schon zu Lebzeiten, dort die Dichterin, die zu Lebzeiten um Anerkennung ringen musste, nur teilweise mit Erfolg. Immerhin: Heute hat Lena Christ eine Büste in der Ruhmeshalle in München. Trotzdem ist Ganghofer vielen als Name bis heute geläufiger. Wieso müsste es eigentlich umgekehrt sein?

Ob es wirklich umgekehrt sein müsste, weiß ich gar nicht. Aber ich finde, sie wird einfach in der falschen Spielklasse gehandelt. Sie wird immer so als bayrische Schriftstellerin vorgestellt, wobei das Bayerische eher eine Einschränkung ist, eine Regionalisierung. Natürlich stammt sie aus Bayern, und ihre Erfahrungen, ihre Themen sind bayerische. Aber ich finde, sie ist einfach eine große deutsche Schriftstellerin, und das müssen die Leute noch erkennen.

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Lena Christ: wird in der falschen Spielklasse gehandelt, wenn man sie nur als bayerische, regionale Autorin begreift

Was macht denn die Qualität ihrer Literatur aus, die es noch mehr zu entdecken gälte?

Einerseits die Fähigkeit, Figuren darzustellen, Dialoge zu schreiben, was gar nicht so einfach ist. Aber sie war auch eine Autorin, die gründlich konzipiert hat, die sehr methodisch gearbeitet hat, und die zum Beispiel, wenn man den Roman "Mathias Bichler" nimmt, dafür recherchiert hat. Die hat in den Quellen gesucht, ist in Archive gegangen ist. Sie ist keine Schriftstellerin, die einfach runtergeschrieben hat, sondern sie hat gestaltet. Sie hat ihre literarische Welt gestaltet und ihr Leben.

Christ war ein uneheliches Kind, als "Bankert" geboren, wie man in Bayern sagt, von der Mutter überhaupt nicht geliebt, sogar oft misshandelt von ihr. Das Gleiche ist ihr dann auch noch in der Ehe mit dem ersten Mann passiert. Sie lebte lange in ärmlichen Verhältnissen, war sogar zweimal im Gefängnis. Stoff zu schreiben, steckt in diesem Leben genug. Aber nicht alle hätten das tatsächlich dann aufgeschrieben wie Lena Christ in ihren "Erinnerungen einer Überflüssigen". Wie kam sie denn überhaupt zum Schreiben?

Durch ihren zweiten Ehemann. Der war damals noch nicht ihr Ehemann, sondern sie war bei ihm angestellt als Diktatschreiberin. Peter Jerusalem hieß er, später nannte es sich Peter Benedix. Der war hingerissen von ihrer Erzählkunst und hat sie in der ersten Phase ihrer Beziehung ermutigt. Er war durchaus ein Entdecker, ein Ermutiger, und jemand, der ihr das Gefühl gegeben hat, sie kann das. Sie selber hat wahrscheinlich auch bald die Erfahrung gemacht, dass ihr das guttut und dass sie wirklich was kann. Es heißt ja, sie habe überall geschrieben, ob das jetzt auf der Parkbank vor der Neuen Pinakothek war oder im Krankenhaus. Ihre Umgebung war ihr egal, wenn sie sich in ihren literarischen Welten befand.

Der Buchtitel "Erinnerungen einer Überflüssigen" – das ist erschütternd, wenn sich jemand selbst als überflüssig empfindet. War aber das Schreiben tatsächlich auch so etwas wie eine seelische Rettung für Lena Christ?

Das war eine seelische Rettung. Aber ich habe mir irgendwann auch gedacht: Was heißt es eigentlich, wenn jemand überflüssig ist? Es heißt, es ist kein Platz für ihn, und so hat er auch keine Verpflichtungen. Dadurch bedeutet das auch einen enormen Freiraum. Wenn man das so sehen kann und diesen Freiraum zu nutzen weiß, dann kann man aus der Überflüssigkeit was machen. Dabei ist aber das, was die Mutter Lena Christ angetan hat, natürlich ungeheuerlich. Man kann es eigentlich gar nicht fassen.

Dieses niederschmetternde Urteil, überflüssig zu sein, hat am Ende auch obsiegt. Dass sich Lena Christ heute vor 100 Jahren das Leben nahm, ist aber nicht nur allgemeinem Lebensunglück geschuldet, sondern einer dramatischen Zuspitzung ihrer Lage.

Sie hatte überhaupt kein Geld zu diesem Zeitpunkt, und niemand half ihr. Es war niemand da, der sie unterstützte. Auch die Künstlerkollegen, an die sie sich wandte, reagierten nicht. Und sie war ja eine Frau der Tat, das hat sie sehr früh gelernt. Und dann hat sie sich selbst geholfen, hat Bilder von unbekannten Malern, die sie auf dem Flohmarkt oder Trödelmarkt erworben hat, mit den Signaturen berühmter Künstler wie Defregger oder Kaulbach versehen und zu deren Marktwert verkauft. Dieser Betrug flog irgendwann auf, das musste so kommen. Und sie sah die einzige Chance, ihren guten Namen und den der Familie zu retten, indem sie sich selbst opfert.

Unter Lena Christs Büchern, gibt es da eines, dessen Lektüre sie vor allen anderen empfehlen würden?

"Mathias Bichler", weil das eine tolle Mischung ist. Da ist sie genau auf der Höhe ihrer Erzählkunst und kann eigentlich alles reinpacken, was sie kann. Ich erwähnte vorhin schon das Gestalten, und der Roman hat aber eben auch dieses sehr Unmittelbare, die Kraft der Dialoge. Ich finde es einfach ein ganz, ganz besonderes Buch.

"Lena Christ. Die Glückssucherin", die Biografie von Gunna Wendt, ist im Verlag Langen-Müller erschienen.

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