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Leipziger Buchmesse: Verleger und Autoren fürchten um Existenz | BR24

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Heinrich Riethmüller, Masha Gessen und Laudator Gerd Koenen

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    Leipziger Buchmesse: Verleger und Autoren fürchten um Existenz

    Der heftige Streit um die Reform des Urheberrechts überschattete die Eröffnungsfeier der Leipziger Buchmesse. Verlage und Kreative fürchten, von ihrer Arbeit nicht mehr leben zu können, wenn ihre Inhalte weiterhin kostenlos im Netz abrufbar sind.

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    Steht es wirklich so schlimm um die Buchbranche? Ausgerechnet mit einer besonders düsteren Ouvertüre von Leoš Janáček wurde die Leipziger Buchmesse gestern Abend eröffnet: "Aus einem Totenhaus" heißt die Oper, die im russischen Zwangsarbeiterlager spielt. Tatsächlich haben die Verleger und Autoren derzeit erhebliche Existenz-Ängste, die Journalisten übrigens auch. Alle fragen sich: Können wir von unserer Arbeit künftig noch leben? Wird demnächst alles kostenlos im Netz versickern, ist das Urheberrecht nicht mehr reformierbar? Die Debatte läuft bekanntlich gerade heiß, Union und SPD fühlen sich mit sogenannten Upload-Filtern plötzlich nicht mehr wohl, die verhindern sollen, dass urheberrechtlich geschützte Inhalte kostenlos bei Google, Youtube oder Facebook eingestellt werden.

    Ist der öffentliche Diskurs gefährdet?

    Die Gegner der Reformpläne sprechen von Zensur, besonders junge Nutzer haben überhaupt kein Verständnis dafür. Ein Kulturwandel, der die Eröffnung der Buchmesse im Leipziger Gewandhaus voll und ganz beherrschte. Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters gab sich tapfer, konnte aber auch nicht sagen, ob und was das Europäische Parlament demnächst entscheiden wird: "Schlicht inakzeptabel ist, wenn professionelles, kreatives Schaffen im digitalen Zeitalter nicht mehr angemessen vergütet wird. Es ist das Urheberrecht, das mit einer angemessenen Vergütung künstlerischer und kreativer Leistungen die Vielfalt der Kultur und der Medien und damit auch den Strom der Erzählungen, die Vielstimmigkeit des öffentlichen Diskurses nährt. Deshalb habe ich mich auf europäischer Ebene stets für die Anpassung des Urheberrechts an das digitale Zeitalter und natürlich insbesondere für eine Verlegerbeteiligung eingesetzt."

    Börsenverein geißelt Google, Facebook und Co.

    Das hörten die anwesenden Verleger natürlich gern, mussten sie doch schon auf Millionen verzichten, nachdem sie durch Gerichte bei der Verwertungsgemeinschaft Wort rausgekegelt wurden, eine Einrichtung, die zum Beispiel bei den Herstellern von Fotokopierern Geld einsammelt, auch für Pressespiegel und ähnliches die Hand aufhält. Das eingenommene Geld wird neuerdings nur noch an Autoren verteilt, die Verlage haben das Nachsehen. Verständlich, dass Heinrich Riethmüller, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dringend nach neuen Einnahmequellen Ausschau hält: "Kunst, Musik, Literatur zu schaffen und davon auch leben zu können, wird immer schwieriger: Technische Hürden gibt es im digitalen Zeitalter kaum noch, um Inhalte und Werke für alle frei verfügbar zu machen. Ein faires Miteinander endet dann, wenn Facebook, Google und Co. Milliarden einstreichen, während die Urheber hoch geladener oder verbreiteter Inhalte in vielen Fällen leer ausgehen."

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    Guter Dinge: Alexander Skipis

    Wieder mehr Buchkäufer: Ist die Krise vorbei?

    Zittern und Zagen ist also angesagt beim Urheberrecht, dabei kann die Buchbranche rechtzeitig zum Frühlingsanfang durchaus jubilieren, was die aktuellen Verkaufszahlen betrifft. Ganz gegen den Trend und damit völlig überraschend stieg der Umsatz im Januar und Februar um ansehnliche 4,5 Prozent. Normalerweise läuft das Jahr immer etwas schleppend an - diesmal ist alles anders, und Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, war im Gespräch mit dem BR entsprechend gut gelaunt: "Man kann das gar nicht hoch genug einschätzen! Wir sind natürlich vorsichtig und sagen, dass sind jetzt erst mal zwei Monate, aber schon der Umstand, dass wir im letzten Jahr 300 000 Buchkäufer hinzu gewonnen haben, zeigt uns, das da was am Markt passiert ist. Und ich denke, gerade die ersten beiden Monate des Jahres sind immer sehr umsatzschwach, und dass das so geboomt hat, das war schon eine große Freude."

    Ist Literatur in Tschechien noch relevant?

    Gastland der Leipziger Buchmesse ist in diesem Jahr Tschechien, ein Land, in dem wie überall in Osteuropa seit Jahren deutlich weniger gelesen wird als noch zu Zeiten des Kommunismus. Kulturminister Antonín Staněk erinnerte an die ruhmreiche Ära der tschechischen Autoren, von denen viele gegen die Diktatur anschrieben, nicht wenige ins Exil gingen. Diese mahnende, aufklärende Funktion habe Literatur heute in Tschechien wohl eingebüßt: "Ich erwähnte die Bedeutung der Literatur für die tschechische Geschichte. Es sollte aber auch ehrlich zugegeben werden, dass in den letzten Jahren die Stimme der Literatur in der tschechischen Gesellschaft nicht solches Gehör fand, wie es nötig wäre. Schuld daran sind natürlich mehrere Faktoren. Deshalb muss die Unterstützung einer guten Literatur verstärkt werden. Wenn wir in der Literatur auch weiterhin nur eine gewöhnliche Handelsware sehen, wird sie ihre Kraft wohl völlig verlieren und ihr humanistisches Potential wird vergeudet."

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    Masha Gessen

    Masha Gessen für Russland-Kritik geehrt

    Den Leipziger Preis für Europäische Verständigung erhielt die Russin Masha Gessen für ihr kontroverses Buch "Die Zukunft ist Vergangenheit", in dem sie Putins Russland heftig attackiert und anhand von vier Lebensläufen beschreibt, wie Menschen dort deformiert , frustriert, aus dem Land getrieben werden. Kein optimistisches Werk, sondern ein realistisches, vielleicht auch deprimierendes. So ist Homosexualität in Russland für die Betroffenen längst eine Schicksalsfrage geworden, werden Schwule doch mehr und mehr mit Pädophilen gleichgesetzt, ausgegrenzt und verfolgt. Vom Kreml werden Aggressionen gezielt auf Minderheiten gelenkt, wie Masha Gessen analysiert - und an der traditionellen Unterwürfigkeit der Sowjetzeit habe sich bei erschreckend vielen Menschen wenig geändert.