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Rudolf Burger

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    Leidenschaftlicher Pessimist: Philosoph Rudolf Burger gestorben

    Er zweifelte an vielem und sah allenfalls eine "klitzekleine" Überlebenschance für die Menschheit. Der Denker irritierte immer wieder mit eigenwilligen Analysen der Gegenwart, die er mit dem Spätmittelalter verglich und gab sich betont "kalt".

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    Von
    • Peter Jungblut

    "Ich glaube nicht an das Ende der Menschheit, aber ich befürchte enorme Verwerfungen und Auseinandersetzungen. Mehr behaupte ich gar nicht", so Rudolf Burger im Dezember 2019 in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". Er sah allenfalls einen "klitzekleinen Hoffnungsschimmer", mehr Zugeständnisse wollte der promovierte Physiker und Philosoph an den Zeitgeist nicht machen. Mit seinen Meinungen war Burger überhaupt ziemlich eigenwillig. An den menschengemachten Klimawandel wollte er nicht so recht glauben, da gebe es viele "Hysterisierungsinteressen", und wenn die Erderwärmung tatsächlich durch Industrialisierungsprozesse herbei geführt werde, sei das Problem "ziemlich unlösbar".

    "Mein Pessimismus gründet darin, dass ich auf der einen Seite zu sehen glaube, wie ungeheuer stark unsere moderne oder postmoderne Welt in einzelnen Bereichen ist, aber wie fragil das ganze Gebilde andererseits ist", so Burger, der die Gegenwart mit der Übergangs-Epoche des Spätmittelalters verglich, als Europa von einer "mentalen Aufgeregtheit, eine ungeheuren Orientierungslosigkeit" gebannt gewesen sei, obwohl anderswo auf der Welt gleichzeitig eine "atemberaubende Dynamik" geherrscht habe.

    "Erinnerung an das Böse schützt nicht vor Wiederholung"

    Im Sommer hätte der österreichische Intellektuelle den Paul Watzlawick Ehrenpreis entgegennehmen sollen. In den letzten Jahren hatte Burger immer wieder mit Einwürfen zu viel diskutierten gesellschaftlichen Themen für Aufsehen gesorgt, selten mit mehrheitsfähigen. So bezeichnete er im Jahr 2000 Proteste gegen die damalige schwarz-blaue Koalition aus ÖVP und FPÖ als "antifaschistischen Karneval" und geißelte die "kriegsgeile" Haltung Österreich im Balkankonflikt. Er meldete sich zur Rolle des Islam zu Wort, zur Flüchtlings- und Sozialpolitik.

    Nach Einschätzung der "Presse" wurde er dabei fälschlich in ein "rechtes Eck" gestellt. Er sei eben nicht "altersmilde" geworden, sondern allenfalls "stiller, trauriger". Gleichwohl werden nicht wenige Burgers Einlassungen zur Aufarbeitung der Nazi-Geschichte als polemisch empfinden, weil er 2001 in der "Europäischen Rundschau" für das "Vergessen" plädierte: "Dass die Erinnerung an das Böse vor dessen Wiederholung schützt, ist eine höchst fragwürdige These, auf historische Erfahrung stützen kann sie sich nicht", so der Denker.

    Multikulti-Toleranz empfand Burger als "Spiel mit dem Feuer" und an Lessings berühmte "Ring"-Parabel, die um das friedliche Miteinander drei großen Religionen wirbt, fand er "gefährlich". Zur Migrationskrise 2015 sagte der streitbare Philosoph dem "Standard": "Man kann in der Analyse gar nicht kalt genug sein. Man darf sich vor allem nicht von eigenen Wünschen leiten lassen."

    "Notorischer Skeptiker"

    Rudolf Burger, der auch als "notorischer Skeptiker" bezeichnet wurde, wurde am 8. Dezember 1938 in Wien geboren, absolvierte ein Physik-Studium an der dortigen Technischen Universität und war anschließend Assistent am Institut für angewandte Physik, wo er 1965 promovierte. Anschließend arbeitete er bis 1968 am Ludwig-Boltzmann-Institut für Festkörperphysik und wechselte dann ans Battelle-Institut nach Frankfurt/Main, wo er im Bereich der Forschungsplanung arbeitete.

    Von 1973 bis 1990 leitete Burger die Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung im Wissenschaftsministerium in Wien. 1979 habilitierte er sich für Wissenschaftssoziologie. 1987 kam er als Professor an die Universität für angewandte Kunst Wien, wo er 1991 Vorstand der Lehrkanzel für Philosophie wurde. Von 1995 bis 1999 war Burger Rektor der "Angewandten". Mit Ende des Sommersemesters 2007 wurde er emeritiert.

    Im österreichischen Sonderzahl-Verlag sind die Titel "Die angewandte Kunst des Denkens. Von, für und gegen Rudolf Burger" (2018) und "Multikulturalismus, Migration und Flüchtlingskrise. Essays und Gespräche" ( 2019) lieferbar.

    Am gestrigen Montag ist Rudolf Burger im Alter von 82 Jahren in Wien gestorben.

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