Der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung im Porträt 2014

Sergej Kirijenko

Bildrechte: Sergej Bobilew/Picture Alliance
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    "Lebensstandard wird sinken": Wirbel um Putins "Kronprinz"

    "Lebensstandard wird sinken": Wirbel um Putins "Kronprinz"

    Sergei Kirijenko (59) ist der stellvertretende Leiter der russischen Präsidialverwaltung und gilt als einer der potentiellen Nachfolger Putins. Jetzt sorgt ein mutmaßlicher Hack für Aufregung - und die Frage, wer dem emsigen Politiker schaden will.

    Hat er das wirklich geschrieben? Wohl nicht, aber wenn es ein Hack ist, wie die Experten annehmen und die Zeitung "Iswestija" inzwischen bestätigt hat, stellt sich die Frage, wer Sergei Wladilenowitsch Kirijenko einen "Warnschuss" verpassen wollte. Für sehr kurze Zeit war auf der Seite des regierungsnahen russischen Blatts ein angeblicher Artikel des einflussreichen Putin-Vertrauten und möglichen Nachfolgers zu lesen. Der Text ist nach wie vor per Google Cache abrufbar. Dort heißt es, ganz Russland werde die Kriegsgebiete im ukrainischen Donbass wieder aufbauen: "Ja, es wird mehrere Billionen Rubel kosten. Aber dieses Geld wird aus dem russischen Haushalt bereitgestellt - auch auf Kosten einer vorübergehenden Senkung des Lebensstandards unseres Landes."

    Verräterische Rechtschreibfehler

    Prompt berichteten viele Medien, etwa die "Moscow Times", über die vermeintliche Äußerung aus dem Kreml, denn dass der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung so freimütig behauptete, der Krieg und der nachfolgende Wiederaufbau werde auf Kosten des russischen Lebensstandards gehen, erschien mehr als spektakulär. Im russischsprachigen Netz "tobte" eine entsprechend rege Debatte: "Kinderüberraschung", spottete dort jemand. Schnell wiesen Fachleute wie der BBC-Redakteur Andrei Sacharow jedoch daraufhin, dass der Text voller Rechtschreibfehler sei und "höchstwahrscheinlich ein Hack" von anonymer Seite ist. Der Beitrag sei zwei Mal im Abstand von vierzig Minuten veröffentlicht worden.

    Von der "Iswestija" hieß es, der Account eines Redaktionsmitarbeiters sei gehackt worden. Weder Sergei Kirijenko, noch die Zeitung hätten irgendetwas mit dem Inhalt zu tun.

    "Arbeite wie kein anderer an Annexionen"

    Ukrainische Medien ließen sich von der mutmaßlichen Fälschung nicht weiter irritieren. Ihr Argument: Der Text sei als solcher ja "wahr" und beschreibe nur die Fakten, aus welcher Feder auch immer. Für Ironie hat man in Kiew derzeit wenig Sinn, sonst wäre aufgefallen, dass Kirijenko besetzte Gebiete wie die Krim und die Stadt Cherson als "Perlen in der Kaiserkrone" bezeichnet haben soll. Außerdem heißt es in dem "Gratulationsschreiben" zum alljährlichen Tag der Russen am 12. Juni: "Russland hat dramatische Veränderungen erlebt. Und ich, der heute wie kein anderer an der Annexion neuer Gebiete an unser Mutterland arbeitet, verstehe zutiefst: Mariupol, Melitopol, Berdjansk, Cherson, Simferopol und Sewastopol sind nicht nur Namen."

    Russische Oppositionspolitiker hatten weniger Probleme, sich über den mutmaßlichen Kirijenko-Fake lustig zu machen. So fragte der frühere Moskauer Bezirkschef und Kriegsgegner Ilja Yashin, ob der Putin-Vertraute denn auch persönlich finanzielle Abstriche machen werde zugunsten des Wiederaufbaus im Donbass und zum Beispiel seinen Dienstwagen "mit Blaulicht" gegen eine ÖPNV-Monatskarte eintauschen wolle.

    "Kirijenko hat es richtig verstanden"

    Die Tatsache, dass Kirijenkos angeblicher Aufruf nur kurz online war, begreifen ukrainische Medien als Indiz dafür, dass er seine "Worte zurückgezogen" habe, wofür wenig spricht. Interessanter ist die Frage, wer ein Interesse daran haben könnte, Kirijenko ein Bein zu stellen. Das kremlkritische Portal "Meduza" berichtete nämlich kürzlich ausführlich, wie der Mann es geschafft hat, zu einem der "heißesten" Anwärter auf Putins Nachfolge zu werden. Er ist eine Art inoffizieller Chefstratege in der Innenpolitik und soll als "Spitzenmann" für Ordnung im zurückeroberten Teil des Donbass sorgen.

    Vor allem als Schmeichler und Einflüsterer Putins ist Kirijenko demnach unübertroffen. Er verbreite die Mär, dass Russland "eine Mission" habe, was der Präsident am liebsten höre. Und eine "kremlnahe Quelle" wird mit den Sätzen zitiert: "Kirijenko hat es richtig verstanden, sich in die Agenda des Präsidenten einzufügen. Putin ist sehr in den Krieg involviert, in die Situation im Donbass, außerdem interessiert er sich für Außenpolitik. Er kümmert sich wenig um häusliche Angelegenheiten, die seiner Meinung nach alle in Ordnung sind. Um mit dem Präsidenten in ständigem Kontakt zu bleiben, muss man sich auf dieser Agenda einen Platz suchen. Kirijenko hat einen gefunden."

    "Putin will Russland ohne Pride-Paraden"

    Der umtriebige Verwaltungsmann ließ sich bei einer "Denkmalsenthüllung" in Mariupol blicken und eröffnete ein "Zentrum für humanitäre Hilfe" im besetzten südukrainischen Cherson. Kirijenko soll "Meduza" zufolge damit befasst sein, Volksabstimmungen vorzubereiten und Städtepartnerschaften auf den Weg zu bringen: Moskau soll sich um Donezk und Luhansk kümmern, St. Petersburg um Mariupol.

    Darüber hinaus soll das Nachkriegs-Russland zu einem Mekka für rechtspopulistische Bewegungen ausgebaut werden. Akademiker wurden bereits eingeladen, sich darüber Gedanken zu machen, was wohl die größte Anziehungskraft auf dieses politische Spektrum entwickeln würde: "Anfangs lag der Schwerpunkt [bei der Entwicklung eines internationalen Images] auf Staaten mit einem 'Sonderweg' – Venezuela, Indien. Das sind außereuropäische Länder, deren Führer mit Europa nichts gemein haben wollen und vor diktatorischen Ambitionen nicht zurückschrecken. Aber das ist für Putin und sein Gefolge von Sicherheitsbeamten nicht plausibel – sie wollen Russland als 'wahres, rechtes, traditionelles Europa' ohne Pride-Paraden [von LGBTQ-Aktivisten] oder den Einfluss von Minderheiten und den Vereinigten Staaten sehen", so ein Kreml-Insider.

    Mann mit Management-Qualitäten

    Architekt dieser Pläne soll Kirijenko sein, der sich immer häufiger öffentlich blicken lässt und aktuell auf der Krim die Bauarbeiten für ein "Bildungszentrum" in Augenschein nahm. Sein Manko: Er hat nicht die Unterstützung von Oligarchen und der Spitzenleute der Administration, sondern dort wohl eher Konkurrenten, die auch hinter den jetzigen, für Kirijenko schädlichen Schlagzeilen stecken könnten. Dafür gilt der gelernte Schiffbauingenieur Kirijenko, der in der Rüstungsstadt Gorki aufwuchs, als Mann mit Management-Qualitäten, der schnell ein Team mobilisieren könnte.

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