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Lebenslüge Adoption: Wenn die Wahrheit ans Tageslicht kommt | BR24

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Miro Weber wusste sein Leben lang nicht, dass er adoptiert ist, es war ein Geheimnis in der Familie. Erst als Erwachsener haben ihm seine Eltern die Wahrheit erzählt - das löste bei ihm Wut, aber auch ein Gefühl von Befreiung aus.

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Lebenslüge Adoption: Wenn die Wahrheit ans Tageslicht kommt

Miro Weber wusste sein Leben lang nicht, dass er adoptiert ist, es war ein Geheimnis in der Familie. Erst als Erwachsener haben ihm seine Eltern die Wahrheit erzählt - das löste bei ihm Wut, aber auch ein Gefühl von Befreiung aus.

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"Meine Eltern haben mich angerufen und gefragt, ob ich nächsten Sonntag etwas vor hätte" - so beginnt die Geschichte, in der Miro Weber mit 35 Jahren die Wahrheit über seine Familie erfährt. Eigentlich will er seine Freundin mit auf den Besuch bei den Eltern nehmen. Doch diese bestehen darauf, dass er alleine kommt.

"Als ich an dem Sonntag kam, nahmen sie mich mit ins Wohnzimmer und setzten sich vor mich hin und haben umständlich versucht mir zu erklären, dass ich leiblich mit ihnen nicht verwandt bin", erzählt Miro Weber, der drei Tage alt war, als ihn die Familie aufnahm. Miro erfährt auch, dass sein Geschwister nicht mit ihm verwand sind. "Und dann saß ich da und konnte nichts sagen."

Umgang mit der Lebenslüge: Wut und Befreiung

Im Laufe seines Lebens hatte Miro immer mal wieder ein undefinierbares Gefühl, er fühlte sich anders als der Rest seine Familie. "Es war ein Gefühl, worauf ich keine Worte hatte. Das kam in dem Moment heraus, die ganzen Fragezeichen." Als er von der Adoption erfährt, geht Miro an den Ort, an dem er sich wohlfühlt, in den Wald. "Ich habe dort alles raus geheult und gelacht, es war ein sehr befreiendes Gefühl, aber auch ein riesengroßes Loch. Ich fühlte mich freier, aber ich hatte keinen Boden mehr unter den Füßen."

Wut sei erst später gekommen, erzählt Miro Weber. Er kann aber nicht beschreiben, worauf er wütend war. "Ich hatte ja nicht das Gefühl, dass alle mich 35 Jahre lang mit Absicht an der Nase geführt haben." Miros leibliche Mutter stammt aus Bosnien-Herzegowina, sie war illegal in Deutschland, um hier als Küchenhilfe zu arbeiten. Sie konnte unmöglich mit einem Baby zu ihrer eigentlichen Familie nach Bosnien-Herzegowina zurückfahren und in Deutschland konnte sie für ihren Sohn auch nicht sorgen.

Mutter konnte sich nicht um ihren Sohn kümmern

"Ich bin im Zimmer der Küchenhilfe geboren," erzählt Miro, "eine andere Küchenhilfe hat mich auf die Welt gebracht, da war keine Hebamme dabei, kein Frauenarzt." Miros Mutter hat ihren Sohn zur Adoption frei gegeben. Miros Adoptiveltern hatten schon Erfahrung mit Pflegekindern. Sie bekamen den Ratschlag, Miro nichts von der Adoption zu erzählen. So sollte er geschützt werden.

In den 70er-Jahren ging man davon aus, dass ein "nicht-darüber-sprechen“ die beste Lösung für Adoptiveltern und die adoptierten Kinder sei. Miro bekam einen anderen Namen, der weniger exotisch klang: Carsten Alexander. 35 Jahre haben Eltern und Geschwister das Familiengeheimnis bewahrt. "Heute wäre man schlauer", sagt Miro, "heute würde eine Beratung umfassender stattfinden, dass man den Kindern das sagt und sie dann auch begleitet."

Studien raten zu offenem Umgang mit Adoption

Dass die Adoption so lange unter den Teppich gekehrt wurde, sei sicher auch eine Belastung für seine Eltern und seine Geschwister gewesen, denkt Miro. Viele Studien haben die Praxis der Adoption verändert. Groß angelegte Untersuchungen, vor allem in den USA und Großbritannien, haben festgestellt, dass sich ein offener Umgang mit dem Thema Adoption für die Kinder und Familien positiv auswirkt.

In Deutschland gibt es aber bislang noch keine gesetzlich vorgeschriebene Aufklärungspflicht. Adoptiveltern könnten auch heute noch ihren Adoptivkindern verschweigen, dass sie nicht die leiblichen Eltern sind. Die Praxis sieht allerdings anders aus, sagt Dr. Ina Bovenschen, wissenschaftliche Referentin beim Deutschen Jugendinstitut in München.

Inzwischen wird bereits in der Vorbereitung den Bewerbern vermittelt, dass von Anfang an offen darüber gesprochen wird." Es werde eingeübt, wie man mit dem Kind spricht und das fange schon auf dem Wickeltisch an: "Dass man darüber spricht, es gibt noch eine andere Mama, man sagt zum Beispiel eine "Bauchmama" und es gibt noch einen Papa. Man signalisiert dem Kind dabei, dass es geliebt wird." Bovenschen berät unter anderem die Bundesregierung zur anstehenden Adoptionsreform.

Kontakt zu den leiblichen Eltern erwünscht

Heute ist man sensibler geworden. Wenn es die Umstände erlauben und keine Gefahr für das Kind besteht, versucht man den Kontakt mit den leiblichen Eltern herzustellen. Bei Miro Weber war die Suche nach seinen leiblichen Eltern kompliziert. Seine Mutter hat er erst nach vielen Jahren getroffen. "Ich habe herausgefunden, sie lebt, ich habe über Jahre einen Brief an meine Mutter geschrieben, und immer wieder habe ich diesen Brief neu geschrieben und neu geschrieben. Und es wurde daraus ein Brief, der nur eine Seite lang war. Ich habe mich vorgestellt und gesagt, dass es meinerseits keinen Vorwurf an sie gibt."

In einem kleinen Dorf hat Miro dann nach einer komplizierten Suche seine Mutter in Bosnien-Herzegowina gefunden. Zunächst hatte er Angst vor der Begegnung. Zu Unrecht, wie er später festgestellt hat. "Das war eine wunderschöne Begegnung, wir haben kaum gesprochen, wir saßen in ihrem einfachen Räumchen, wir waren einfach nur da, ich hab ihr erzählt, wie ich aufgewachsen bin, was ich so mache, sonst haben wir gar nicht viel angeschnitten, nach einer Stunde war es auch gut, wir haben uns lieb verabschiedet und ich sagte, dass ich wiederkomme."

Die Aufklärung der Lüge habe dazu geführt, selber in der Lage zu sein, eine Familie zu gründen, sagt Miro. "Früher war für mich klar, ich will keine Kinder, weil ich mich nicht in der Lage sah, halbwegs einen vernünftigen Vater abzugeben und erst als mir klar war, wer ich eigentlich bin, da war ich dazu in der Lage." Seine eigene Tochter weiß, dass sie drei Omas und drei Opas hat, im Haus hängen überall Bilder von ihnen.

Die ganze Sendung "Theo.Logik" über das Lügen hören Sie am 1. April 2019 um 21 Uhr auf Bayern 2 oder als Podcast.