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Lebensabend in der JVA: So arbeiten Gefängnisseelsorger | BR24

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Die Zahl der Senioren hinter Gittern wächst. Oft sind es Menschen, die noch nie zuvor in ihrem Leben straffällig geworden sind. Gefängnisseelsorger sind gern gesehene Gesprächspartner – nicht selten geht es dabei um das Ende des Lebens.

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Lebensabend in der JVA: So arbeiten Gefängnisseelsorger

Die Zahl der Senioren hinter Gittern wächst. Oft sind es Menschen, die noch nie zuvor in ihrem Leben straffällig geworden sind. Ein häufiger Grund: Altersarmut. Gefängnisseelsorger sind gern gesehene Gesprächspartner, die viel zu schultern haben.

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Die Zahl der Senioren hinter Gittern nimmt seit Jahren zu. Machten die Gefangenen über 60 Jahre 2003 nur etwa zwei Prozent aus, waren es 2018 schon vier Prozent. Dies liegt zum einen daran, dass die Bundesbürger immer älter werden, aber auch die "Altersarmut spielt hier eine große Rolle", sagt die evangelische Pfarrerin Elisabeth Biermann.

Gefängnisseelsorgerin für Senioren-Häftlinge

Seit zwei Jahren ist Biermann als Seelsorgerin in der JVA Bielefeld tätig. Das Gefängnis hat sich auf die Gruppe der über 60-Jährigen spezialisiert. Eine der vielen Aufgaben der Pfarrerin ist es, sich um die psychische Gesundheit der älteren Häftlinge zu kümmern. Viele Männer hätten noch nie in ihrem Leben mit Straffälligkeit zu tun gehabt, sagt Biermann. Altersarmut sei ein Grund, wieso viele im Gefängnis landeten: Sie könnten zum Beispiel die Strafe fürs Schwarzfahren nicht begleichen, "bis sie dann eben zu einer Ersatzfreiheitsstrafe für achtzig Tage oder mehrere Monate hier einquartiert werden, und sich dann auf einmal hier im Gefängnis wiederfinden", erzählt Biermann. "Und das ist ein Augenblick, den sie zunächst auch schwer verkraften können."

Platz für Rollatoren, Haltegriffe an den Toiletten

In den vergangenen Jahren haben immer mehr Bundesländer solche Einrichtungen für Senioren-Häftlinge ausgestattet. Auf den Fluren der europaweit größten Abteilung für "lebensältere Gefangene" in der JVA Senne bei Bielefeld gibt es genug Raum für Rollatoren. Neben den Toiletten sind Haltegriffe angebracht, in den Duschen stehen Sitzhocker und vor den Zellenfenstern gibt es keine Gitterstäbe. Die Betreuung von älteren Häftlingen ist besonders arbeitsintensiv, auch weil sie verletzungsanfällig sind.

Nicht wenige Häftlinge der Abteilung haben alterstypische Beschwerden: erste Anzeichen von Demenz, Diabeteserkrankungen, Kreislauf- und Herzprobleme. Notwendige Behandlungen übernehmen ein eigens dafür angestellter Arzt und ein Krankenpfleger. Aber ein noch größeres Problem ist oft die Einsamkeit.

Ältere Häftlinge: Das größte Problem ist die Einsamkeit

Der 75-jährige Häftling Bruno H. war früher ein Bankräuber. Im Rentenalter versuchte er Kokain von Holland nach Deutschland zu schmuggeln. Er wurde erwischt und zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Seit seine zweite Frau vor einem Jahr gestorben ist, verbringt Bruno die meiste Zeit allein in seinem Haftraum, obwohl die Tür jeden Morgen um sechs Uhr aufgeschlossen wird. Mit der Pfarrerin Elisabeth Biermann führt er jede Woche ein rund einstündiges Gespräch.

Das größte Kapital der Gefängnisseelsorge ist die Zeit. Pastorin Biermann kann sich ausführlich auf den einzelnen Menschen einlassen, der ihr gegenübersitzt.

"Es gibt einzelne Herren, die wahrscheinlich die Haft nicht überleben werden. Das ist eine Frage der Lebensbilanz, und das ist häufig in unseren Gesprächen auch Thema." Elisabeth Biermann, Gefängnisseelsorgerin

"Wo werde ich meinen Lebensabend verbringen?"

Als Bruno in die Abteilung für lebensältere Häftlinge kam, war er anfangs überrascht. So freundliche Bedingungen hatte er während seiner früheren Gefängnisaufenthalte nirgendwo erlebt: "Das Wichtigste ist, dass man sich frei bewegen kann und seinen Ausgang gestalten kann wie man will."

Aber wohin können die Männer gehen? Für viele hat sich das ehemalige soziale Umfeld im Laufe der Haftjahre deutlich verändert. Manchmal verschwindet es sogar vollkommen. Freunde und Angehörige sterben. Es gibt keine Wohnung mehr, in die sie zurückkehren können. Viele stehen vor der Frage: "Wo werde ich meinen Lebensabend verbringen?" Sie brauchen Unterstützung und Zuspruch.

Gefängnisaufenthalt als Strafe rückt in den Hintergrund

So rückt die Bedeutung des Gefängnisaufenthalts als Strafe immer weiter in den Hintergrund. Das sei auch gut so, meint Biermann, denn es sei auch eine Frage der Sicherheit: "Wenn er gut vorbereitetet ist auf ein Leben nach der Haft, dann ist er ein geringeres Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft als jemand, der 23 Stunden am Tag nur weggeschlossen und dann wieder vor die freie Tür gestellt wird. Und zu dem man dann sagt: Sieh mal zu, wie du klar kommst."

Alle Gefangenen in der JVA Senne sind "lockerungsgeeignet", sagt Rolf Bahle, Leiter der Abteilung für lebensältere Gefangene. Das heißt, dass bei ihnen keine Fluchtrisiko besteht. "In kleinen Schritten fangen wir an, und das geht dann später bis zum sogenannten Langzeitausgang." Im Offenen Strafvollzug steht nicht die Kontrolle im Vordergrund, sondern die Betreuung und die Vorbereitung auf das Leben nach Verbüßung der Haft.

Nach Haftende müssen Rentner ein Altersheim finden

Zum Ende der Haft müssen einige der Rentner schauen, ob sie ein Altenheim finden, das Ex-Häftlinge aufnimmt. Manche wissen nicht, wie sie ihre Wäsche waschen sollen. Und was macht man den ganzen Tag lang, wenn alle, die man vor der Haft kannte, gestorben sind? Die Haft soll auf das Leben in Freiheit vorbereiten. Dabei spielt die kirchliche Seelsorge eine besonders wichtige Rolle, meint Rolf Bahle.

Die seelsorglichen Gespräche mit älteren Gefangenen verlaufen häufig völlig anders als die mit jüngeren, sagt Biermann. Die Themen unterscheiden sich und auch die Sicht auf die eigene Situation.

"Das ist auch mit sehr viel Scham verbunden in dem Alter im Knast zu sitzen. Seelsorgliche Gespräche führen oft in Tiefen und in Sorgen und in Nöte hinein, die Leute hier eben so aussprechen können und es wird nachher nicht drüber gelästert." Elisabeth Biermann, Gefängnisseelsorgerin

Gefängnisseelsorgerin: Hier fühle ich mich gebraucht

Viele Häftlinge fühlen sich vom Justizsystem ungerecht behandelt. Andere tragen schwer an ihrem schlechten Gewissen. Manche verlieren im Gefängnis die Freude am Leben. In diesem Umfeld fühlt sich Pastorin Biermann gebraucht. Auch deshalb kommt sie gerne in die Abteilung für lebensältere Gefangene. Sie sieht darin einen wichtigen Auftrag: "Dass wir hier Menschen in einer krisenhaften Situation begleiten können, das gehört zur ureigenen Aufgabe von Kirche."