Starokrymskoje/Donezk im November 2022
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Russischer Friedhof

    "Leben wird überbewertet": Russlands "Todeskult"-Propaganda

    Je länger der Krieg dauert und je ungewisser der Ausgang, desto mehr steigern sich Kremlfans in einen Märtyrer-Rausch, den Beobachter für "ziemlich beängstigend" halten. Gleichwohl habe das Tradition: "Wir haben die ganze Zeit den Tod verherrlicht."

    So eine weltliche Todessehnsucht ist sonst nur von islamistischen Fanatikern bekannt: Kürzlich sagte einer der Chefpropagandisten des Kreml, Wladimir Solowjow (59), im russischen Fernsehen, das Leben an sich werde "stark überbewertet". Folgerichtig empfahl der Fernsehmann den Behörden, auch Wehrpflichtige an die Front zu schicken: "Warum sollten wir Angst vor dem Unvermeidlichen haben? Wir kommen doch in den Himmel. Der Tod ist das Ende des irdischen Wegs und der Beginn eines neuen. Haben Sie keine Angst davor."

    "Alle Toten erhalten ihr Geld"

    Damit zitierte der für seine Hasspredigten bekannte Moderator keinen Geringeren als Präsident Wladimir Putin, der bereits 2018 bei einem Diskussionsforum mit einer makabren Bemerkung zu einer möglichen atomaren Auseinandersetzung für Aufsehen gesorgt hatte: "Wir, als Opfer der Aggression, wir werden als Märtyrer in den Himmel kommen, die anderen werden einfach sterben und sie werden nicht mal genug Zeit haben zu bereuen."

    Das war wohl ironisch gemeint, wirkt aus heutiger Sicht jedoch ähnlich beklemmend wie das Gehabe des russischen Söldnerchefs Jewgeni Prigoschin, der sich kürzlich darüber beklagte, dass die Behörden nicht schnell genug die Todesurkunden für seine Gefallenen ausstellten. Diese "Bürokraten" kämen eines Tages in die Hölle, schimpfte der berüchtigte Anführer der "Wagner"-Truppe, der auch behauptete: "Alle Toten erhalten das Geld, das in ihrem Vertrag steht."

    "Deshalb sind wir stärker"

    Der stellvertretende Vorsitzende im russischen Sicherheitsrat, Dmitri Medwedew, bekannt für seine extremistischen Formulierungen, schrieb im Dezember: "Ein Held ist ein Mensch, der bereit ist, sich für sein Vaterland zu opfern und hilfsbedürftige Menschen zu beschützen. Wir haben viele Helden. Wir sind stolz auf sie. Wir erinnern uns an sie. Wir nehmen uns ein Beispiel an ihnen. Deshalb sind wir stärker. Deshalb werden wir gewinnen."

    In den russischen sozialen Medien wird allerdings durchaus kontrovers über die morbiden Neigungen der Propagandisten gestritten. So wird daran erinnert, dass sowohl Stalins, als auch Nikita Chruschtschows Sohn im Zweiten Weltkrieg zu Tode kamen, während die allermeisten Kinder der jetzigen Machthaber nicht an die Front gegangen seien. Der Kreml habe wohl "kapiert", dass das russische Volk unfassbar viel Leid ertragen könne, so ein Kommentator, deshalb werde der Krieg "nicht so bald enden". Andere fragten, wann die Politiker wohl ihre Soldatenpflicht erfüllten, wieder andere priesen pathetisch Gefallene, die angeblich "mit einem Lächeln" zur Einberufung erschienen seien. Und besonders Mutige fragten auch, wann die Mächtigen wohl aufhörten, ihre eigenen Interessen mit denen des Staates zu verwechseln.

    "Hier ist keiner mehr"

    Star-Satiriker Maxim Galkin, der Russland verlassen hat und den Angriff auf die Ukraine verurteilt, machte sich über die fragwürdigen Jenseits-Fantasien von Putin und dessen Getreuen mit einem politischen Gag lustig: "Es gab einen Atomschlag und wir kamen, angeführt von Putin, alle in den Himmel. Dort fand sich ein hastig geschriebener Zettel: 'Hier ist keiner mehr, wir sind alle in die Hölle geflohen, gezeichnet Petrus.' Und plötzlich ist von unten die Bassstimme des [verstorbenen rechtsextremistischen Parteiführers Schirinowski] zu hören: 'Ich hab sie dort alle rausgeschmissen.'"

    Der im Ausland lebende Kremlkritiker Leonid Gosman verwies in einem Beitrag für das Exil-Portal "Nowaja Gazeta Europe" auf das Paradox, dass Putin selbst offenbar keineswegs eine ausgeprägte Sehnsucht nach dem Jenseits hat: "Er lebt in ständiger Angst um sein Leben. Er hat Angst, sich anzustecken, er hat Angst vor einem Schuss sogar von seinen eigenen Wachen, er schläft wahrscheinlich sogar in einer schusssicheren Weste. Sicherlich sagt Putin sich selbst, dass solche Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind, weil ohne ihn alles zugrunde gehen würde - wem soll er das Land überlassen? Aber das reicht nicht, seine Angst zu erklären: Der Grund, denke ich, ist, dass er versteht oder fühlt, dass er Böses tut."

    "Scheint mir sehr beängstigend"

    Der bekannte russische Filmregisseur Ilja Chrschanowski (47) kommentierte die aberwitzigen Äußerungen von Propagandisten zum Umgang mit dem Tod jetzt sehr drastisch in einem Interview mit dem im Ausland erscheinenden Portal "Currenttime": "Es stellt sich heraus, dass das beste Leben für einen Russen im Jenseits stattfindet, und das ist ziemlich beängstigend. Aber leider ist das nichts Neues. Wir waren die ganze Zeit stolz auf den Tod von Menschen, wir waren stolz, wir haben den Tod verherrlicht, und das scheint mir sehr beängstigend."

    Die vielen Werbevideos, mit denen derzeit Freiwillige in den russischen Medien für die Front gesucht werden, würden letztlich alle die Botschaft vermitteln, dass "sich jemand opfern" müsse, um das "hoffnungslose Leben" irgendwie zu "verbessern". Chrschanowski nannte das propagandistische "Gehirnerweichung".

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    Ilja Andrejewitsch Chrschanowski

    Der Filmemacher fürchtet, dass sich sein Heimatland "nicht allmählich, sondern schnell" in ein geistiges Nordkorea verwandelt. Dort hätten ihn die Menschen bei einem längeren Aufenthalt mal gefragt, warum er ihnen nicht zum "Gewinn der Fußballweltmeisterschaft" gratuliere: "Sie waren sich dessen so sicher. Sie leben in einer abgeschlossenen Welt." Ähnlich bizarre, vom Kreml geschürte Illusionen seien leider auch für viele sehr arme Russen attraktiv: "Es scheint mir zum Beispiel, wenn wir jetzt versuchten, ihnen die Wahrheit darüber zu vermitteln, was wirklich passiert – was im Krieg passiert, was russische Soldaten tun, was die Ukrainer wirklich wollen, wie umfassend die Korruption in Putins Regierung ist, wie viel Zynismus es dort gibt, die Leute es nicht glauben werden, so ähnlich, als ob [der Oppositionspolitiker] Nawalny einen Film über Putins Palast veröffentlicht."

    "Wie können sie die Wahrheit aushalten?"

    Das "Schlimmste" werde allerdings noch kommen, wenn Russland den Krieg, wie er erwarte, verliere: "Russland, egal was mit ihm passiert, wird sich in der schrecklichsten Zeit seiner jahrhundertealten Geschichte wiederfinden." Leider werde der "Todeskult" dann einen Neuanfang furchtbar überschatten: "Wie können sie die Wahrheit aushalten, dass ihre Brüder, Großväter, Eltern, Ehemänner umsonst gestorben sind, dass sie bei der Begehung eines Verbrechens gestorben sind, wie können sie damit leben, da es nicht einmal eine Ahnung davon gibt?"

    Als treuer geistiger Wegbegleiter des Kreml warnt das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, regelmäßig vor Versuchen, "hier auf Erden das Paradies zu errichten" und "Wohlbefinden und Komfort" anzustreben, statt "darüber nachzudenken, was wirklich in Ihrer Seele geschieht". Den Soldaten an der Front predigte der Kirchenmann: "Deshalb gehen Sie mutig und erfüllen Sie Ihre militärische Pflicht, wie die Schrift sagt, Sie werden mit Gott in seinem Reich vereinigt sein, in seiner Herrlichkeit, in seinem ewigen Leben."

    "Erlösendes Blut triumphiert"

    Ganz offen behaupten Fanatiker wie der "Kreml-Philosoph" Alexander Dugin, "Realismus und Liberalismus" seien gleichermaßen Instrumente, mit denen der Westen seine Vorherrschaft in der Welt sichere. Stattdessen frönt der Ideologe einem absurden, religiös verbrämten Märtyrer-Glauben, zumal, seit seine ebenfalls propagandistisch aktive Tochter Daria einem Bombenanschlag zum Opfer fiel: "Dascha hat sich geopfert, damit ein neues Russland aufgebaut werden kann. Dieses Opfer war nicht umsonst. Letztendlich waren es ihre Ideen, die durch das erlösende Blut triumphierten und die Ära der kommenden multipolaren Weltordnung ausriefen."

    Dugin verstieg sich kürzlich zur Behauptung, überhaupt nur Söldner wie die von der "Wagner"-Truppe hätten eine "authentische Existenz" und das "Recht zu herrschen", falls sie bereit seien, für das Land ihr Leben zu opfern: "Die Geschichte zeigt deutlich: Nur Krieger konnten Staaten schaffen, Händler, Kaufleute oder ähnliche Diebe ruinierten nur, was geschaffen wurde. Es gab keine Helden unter ihnen. Nur unter Kriegern findet man wahre Helden."

    "Massenmörder nicht für die Front bestimmt"

    Eher sarkastische Züge hat die innerrussische Debatte um den psychisch gestörten Massenmörder und Ex-Polizisten Mikhail Popkow, der kürzlich anbot, freiwillig an die Front zu gehen, allerdings nach eigenen Worten "nicht im Winter". Seine speziellen Fähigkeiten seien "jetzt ziemlich gefragt", so Popkow, der achtzig Menschen auf dem Gewissen haben soll. Und mit der "modernen Funkelektronik und so weiter" werde er sich schon schnell vertraut machen können. Die "Wagner"-Truppe rekrutiert sich nicht zuletzt aus Ex-Gefangenen. Doch in diesem Fall schrieb ein prominenter Militärblogger: "Popkow kann so viel er möchte davon träumen, freigelassen zu werden, aber er ist, wie andere Wahnsinnige, nicht dazu bestimmt, an der Front zu stehen."

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